Alles beginnt mit einer fliehenden Kuh. Kaum hat sie Frau Hasler über den Haufen gerannt, hebt sich der Vorhang und die Fragwürdigen betreten einer nach der anderen die Bühne. Jede und jeder ein Unikat, Künstler und Künstlerinnen des Lebens. Eine Frau, die den Zug nicht verlassen will, weil sie sich vor dem Schmutz da draussen fürchtet. Ein Mann, der mit Pralinen nicht umgehen kann. Die für zu leicht befundene Alice und der dicke Marc. Erwin, der nicht versteht, warum nicht alle so sind wie er. Die umsichtige Frau Sägisser und die vielleicht gar nicht so hilfsbereite Frau Siegentaler. Menschen, die ihre Liebe nur spüren, weil sie getrennt sind, Menschen, die nur zusammen sind, weil sie ihre Lügen lieben. Leute mit sprechenden und verschwiegenen Namen. Und natürlich die Polizei!Es herrscht ein wunderbares Durcheinander in diesem Buch. Judith Kellers Prosa gibt all jenen eine Stimme, die sonst in den Wörtlichkeiten hängen bleiben. Manchen genügt ein Kurzauftritt, andere brauchen etwas länger. Immer aber müssen sie durch jene feingeschliffene Sprache hindurch, die ihnen diese Schwyzer Autorin für einen Moment zur Verfügung stellt und sie und uns die Lage erkennen lässt.Ein Buch zum Aufblättern und Darin-Versinken.
Judith Keller ist eine Meisterin der Zögerlichkeit, und mit ihrer Geschichtensammlumg "Die Fragwürdigen" schafft sie etwas völlig Neues, für das es keinen Namen gibt.
Die Fragwürdigen: eine literarische Straßenbahnfahrt durch die Absonderlichkeiten des Lebens. Ihr müsst euch das folgendermaßen vorstellen: Die Worte sind die Straßenbahn, das Leben sind die Gleise und die Mitreisenden sind die Fragwürdigen.
Die Kurzprosa (oder auch Miniaturprosa genannt) ist ungewöhnlich, gewöhnungsbedürftig und doch irgendwie gar nicht so absurd. Denn die Fragwürdigen sind mitten aus dem Leben gegriffen. Die Prosa besteht aus Wortspielen und -rätseln, die nicht immer einfach zu verstehen sind, deren Bedeutungen sich hinter der Realität verstecken.
Die Fragwürdigen sind eine Komposition, bestehend aus Menschen, Identitäten, Gefühlen, Situationen, Orten und Begebenheiten. Die Menschen, um die es geht, sind einzigartig und exzentrisch – es menschelt zwischen den Seiten. Sie regen zum Nachdenken an, aber gelegentlich kann man sich ein Schmunzeln auch nicht verkneifen.
Die Fragwürdigen zu lesen, das ist wie Menschen beobachten, nur besser! Sie sind schwer zu bewerten, denn sie wollen auch gar nicht bewertet werden. Meine Top 5 sind: Literatur, Treue, Keine Papiere, Krieg, Arbeit und Paragraphen (Ups, waren das jetzt sechs?! – Egal!). Achja, vorgelesen wirken sie am besten.