This is a blog entry I posted upon reading this for the first time, precicely on the 4th of November 2008. I was seventeen and still in school. It's not so much a review as it is a reflection and a commentary of sorts, dealing prominently with the first two chapters and to top it all off, it's in German. I figured I should post it anyway.
- just a quick word here, before I start: I loved this book and it has changed me and the way I think about my life and I can only recommend it to anyone with a little time on their hands and a clear mind because this will get you thinking. But on to the commentary.
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Wie dankbar ich mich nach Wochen der Ideenlosigkeit auf die neuen Fragen und Denkanstöße aus Roger Willemsens neustem Buch “Der Knacks” stürze, zeigt wohl allein schon die Tatsache, dass ich meine ersten Gedanken schon jetzt, ungefähr eine Stunde nach dem Erwerb dieses Werks (habe ich die Berechtigung ein Buch “Werk” zu nennen, obwohl ich kein Literaturkritiker mit Glasbausteinbrille bin??)und ohne das zweite Kapitel beendet zu haben, zu Papier 2.0 bringen muss.
Um mal ganz frech den Rückentext zu zitieren und mich um eine Inhaltsbeschreibung in eigenen Worten zu drücken, die in Unvollständigkeit die des Rückentextes wohl nur übertreffen würde, geht es in diesem Buch um Folgendes:
“Der Knacks, das ist der Moment, in dem das Leben die Richtung wechselt und nichts mehr ist wie zuvor. Aber mehr noch als die großen Brüche interessieren Willemsen in seinem brillanten Essay die fast unmerklichen, namenlosen Veränderungen: die feinen Haarrisse in einer Beziehung, das Altern von Menschen, Städten, Kunstwerken, die Enttäuschung, der Verlust, die Niederlage – die unaufhaltsame Arbeit der Zeit.
‘In jedem leben kommt der Augenblick, in dem die Zeit einen anderen Weg geht als man selbst. Man lässt die Mitwelt ziehen.’ ” – Roger Willemsen, Der Knacks, Fischer Verlag, 2008
Das erste Kapitel, genannt “Das weiße Huhn” beschäftigt sich mit dem Knacks im Leben des Autoren (Gänseblümchen mögen seinen Weg säumen) selbst, dem Tod seines Vaters und der Rettung eines verlorenen Huhns. Vor allem aber geht es um das “Hinübergleiten in das Erwachsensein”, wie er es nennt.
Ich habe mich gefragt wann es bei mir so weit war, oder ob es schon so weit ist, oder eben, ob ich gerade noch schlittere über das dünne Eis des Kind-Seins um mich wie bald auch immer ans Ufer der Erwachsenen zu begeben.
Ich fühle mich eigentlich nicht mehr als Kind, zumindest erkenne ich mir zu, dass ich Entscheidungen treffe, die man meistens als erwachsen bezeichnen kann (mein Mutter würde etwas anderes sagen, aber ich denke, das ist in einigen Fällen Sache der Auslegung).
Sagen wir ich gebe mich recht erwachsen.
Wenn ich zum Beispiel ein paar Jungen auf dem Schulhof raufen sehe und einer ist im Begriff einen anderen zu treten, der auf dem Boden liegt, dann sage ich: “Hey, Freundchen!…Man tritt keinen der auf dem Boden liegt”. Sehr erwachsen, nicht wahr?!
Wenn mich jemand um Rat fragt, gebe ich ihm am (auf) schlausten formulierten, erwachsensten Tipps (die ich selbst natürlich nicht ein einziges Mal befolge) und fühle mich ganz großartig und wichtig, wenn ich das Gefühl habe, jemandem etwas ganz Elementares beigebracht zu haben; eben ein Privileg der Erwachsenen zu besitzen, jemandem etwas beibringen zu können.
Oder nehmen wie die Situation eben im Bus, grade vor einer halben Stunde, wie ich mit dem blitzneuen Buch gut sichtbar in Händen zwischen den Sitzreihen hindurch lief bis zur letzten Bank, in die ich mich sonst nie setze, damit auch alle sehen können, was ich für schlaue, erwachsene Bücher lese und während ich eigentlich ehrlich und ernst über das, was ich da lese nachdenke, spiele ich ganz wissentlich und heischerich gelichzeitig die lächerliche Rolle einer gebildeten Person (oder dem, was ich mir unter einer gebildeten Person vorstelle), die ich -wer weiß- vielleicht sogar bin…aber vielleicht auch nicht.
In Anbetracht der oben genannten Beispiele, muss ich meinen Glauben (eigentlich) eine erwachsene Person zu sein, wohl nochmal überdenken, denn die Wahrheit ist wohl, dass ich mich bereits in die Rolle eines Erwachsenen begeben habe (zumindest die meiste Zeit des Tages), in Wahrheit aber immer noch das Kind bin, dass sich gerne produziert und im Grunde seines Wesens alles nur aus dem Wunsch heraus tut, Beachtung zu finden.
Über Rollen, bzw. die Annahme dieser einen erwachsenen Rolle eines Kindes, spricht Willemsen auch. Geht die Kindheit fast unmerklich aber stetig ihrer Verdrängung entgegen, so der Autor, streift der junge Mensch die “Requisiten des Kind-Seins” ab, die Blockflöten und Freundschaftsringe, wie er es ausdrückt. Und während man sich dieser Requisiten entledigt, gibt man nicht, wie man vermuten könnte eine Art Theaterwirklichkeit auf, sondern tritt erstmals in eine ein.
Vielleicht, schließe ich daraus, werden diese alt geliebten Gegenstände ja auch erst in der Retrospektive zu bloßen Requisiten: Dingen, die man mit dem Kind-Sein verbindet, weil sie Verwendung fanden, als man ein Kind war und nun, da man altersgezwungenermaßen erwachsen zu sein hat, ihren Sinn verlieren.
“An dieser Stelle kommt die Ironie ins Leben, das Sein löst sich vom Darstellen ab” (Seite 21)
Das Kind erlebt die erwachsene Welt, erlebt und lernt ihre Muster und fügt sich ein, ganz natürlich sogar, denn es überlebt seit jeher nur, was sich anpasst. Man entgeht dem Chaos, man verliert ein Stück Wahrheit, seine eigene Wahrheit, man lebt plötzlich ein Zwischending; eine Mischung aus selbstbezweckter Ehrlichkeit den eigenen Wünschen und Bedürfnissen entsprechend und erlernter, erfahrener Demonstration von Wirklichkeit, die man bloß noch aus Vorgelebtem reproduziert.
Stellt sich die Frage ob dieses gelebte Zwischending jemals ein Ende hat, oder ob das schon die Bezeichnung des Erwachsenwerdens bleiben kann, wie vielleicht bei Freud der (scheinbare) Sieg des Ichs über das Es.
Ich befinde mich also offensichtlich schon in diesem Zwischending, allerdings finde ich es ein bisschen deprimierend diesen Zustand so anzusehen, wie folgendes Zitat beschreibt:
“Man demonstriert ein Verhalten, das innen seine Plausibilität verloren hat”(Seite 21)
Heißt das denn, das sich das nicht mehr ändern wird, diese Unplausibilität? Bin ich am Ende nicht nur Gefangener meiner Triebe (Und täglich grüßt Freud) sondern auch noch Gefangener meines eigenen Reglements?
Die unvermeidliche Antwort muss wohl “ja” lauten, denn konsequent gedacht, tue ich ja am Ende nicht was ich will, weil ich gar nicht weiß, ob ich will, was ich will, oder ob ich nur das will, was ich glaube wollen zu müssen, weil ich ja schon groß bin und eine Frau und eine Freundin und eine Schwaster und eine Tochter und/oder irgendeine beliebige Rolle in die ich mich herein finde und begebe.
Aber bloß ich…was mein bloßes Ich will…weiß ich das denn? Und ist diese Unwissenheit schon mein Knacks? Oder vielleicht doch die Trennung meiner Eltern oder vielleicht der Bruch mit meinem besten Freund? Oder steht mir mein persönlicher Knacks noch bevor? Kann man ihm überhaupt entkommen oder ist er zwangläufig oder gar nötig?
Fragen über Fragen.
Willemsen sagt, der Knacks, tritt, anders als der Bruch “nicht an die Oberfläche, er wird nicht im Schock geboren. In seinem Kern ist der Knacks der Beginn einer Entwicklung im Fluss der Entwicklungen. [...] Etwas trennt sich, ermüdet, verliert Farbe, scheitert, gibt auf.” (Seite 21)
Ich begebe mich dann mal auf die Suche, wie Goethe seinen Werther sagen lässt “ich kehre in mich selbst zurück” und Plenzdorf seinen Edgar Wibeau, “ich analysiere mich kurz selbst”, wo denn mein Knacks sein könnte, sollte ich denn schon einen besitzen.
Also: Ich bin Scheidungskind, hin und wieder getrieben von Geltungssucht und oft in der Angst lebend nicht liebenswert (genug) zu sein.
Man könnte denken die letzten beiden Genannten resultierten aus dem ersten, aber dem ist nicht so, denn ich war, wie ich mich gut erinnern kann, schon Rampensau und selbstmitleidig, als meine Eltern uns Kinder noch aus dem Zimmer warfen, weil sie noch “kuscheln” wollten und wir noch jeden Sommer im VW-Bus ans Meer fuhren.
Außerdem geht es hier auch gar nicht um Auslöser, wenn ich das richtig verstehe; nicht um Pannen in der Oralen/analen/wieauchimmergenannten-Phase (soo viel Freud…ein Hoch auf mein Ethik-Buch!), sondern um den schleichenden Prozess des Verfalls durch den Knacks…meines Verfalls, oder der meiner Seele oder meiner Unschuld oder wie man das eben nennen will.
In letzter Zeit bestimmen einige Fragen mein primäres Denken auf die ich nur schwerlich bis gar keine Antwort finde. Und eben so wenig ich beim Antworten-Suchen erfolgreich bin, so sehr vernachlässige ich meine sonstigen Aufgaben und Verantwortungen, denn anders als Willemsen, der das Erwachsenwerden im Verlust begreift, wo alles weniger wird (“weniger Haare, weniger Zeit, weniger Luft”, Seite 30), sehe ich mich mit immer mehr konfrontiert; mehr Verantwortung, mehr Aufgaben, mehr Entscheidungen, mehr Ernüchterung etc.(Wobei das auch daran liegen könnte, dass wir, der Herr Willemsen und ich, aus unterschiedlichen Generationen und Perspektiven auf das Erwachsenwerden schauen, ich als siebzehnjähriges Noch-grade-So-Mädchen und er als fast schon weiser Mann und das meine ich nur schleimend und arschkriecherisch.)
Jedenfalls wird in meiner Welt gerade alles so viel mehr, dass es fast zu viel ist, für einen Mädchenkopf, der schon vollgestopft ist mit anderen Dingen.
Vielleicht ist das ja mein Knacks, meine Nicht-Freundschaft zu diesem Menschen, und meine Mutter hat, wie so oft, vollkommen Recht, wenn sie sagt, dass ich mein Leben wieder auf die Reihe kriegen muss oder das mein Versagen in diesem Unterfangen gerade in diesem Moment zu meinem Knacks wird, denn ich könnte nicht sagen, dass die Scheidung meiner Eltern als ich so etwa neun war, jenes Ereignis war, seit dem nichts mehr war wie zuvor.
Eigentlich war danach alles wie immer, oft war es sogar ein Stückchen besser, zumindest für mich. Ich hatte sie ja beide noch um mich, mir wurde niemand weggenommen, so wie dem jungen Willemsen.
Mit dem Tod, einem weiteren großen Thema der ersten einenhalb Kapitel, kam ich also noch nicht so direkt in Berührung und auch die Art mit dem Thema umzugehen, wie der Autor das hier tut, ist mir fast unangenehm, weil so ausführlich, so beängstigend nüchtern wie die (er)nüchternste Wahrheit selbst, um die (oder vor deren Betrachtung) ich mich weitgehend drücke:
Alles hat ein Ende, jedes (Menschen)Leben. Wir alle müssen sterben.
Und wieder beginnt Willemsen in der Kindheit, spricht vom Kindersuizid und stellt die These auf, den Kindern, die sich das Leben nehmen, sei der Tod womöglich noch näher als ihr kurzes Leben, das Existieren noch mehr wie ein Spiel und noch nicht bewusst geworden als vielleicht unverzichtbar.
“Kinder haben sich an das Leben vielleicht noch nicht genug gewöhnt, um es für unverzichtbar zu halten. Es ist auch nicht ihr einziges, und es spricht vielleicht nicht mal lauter als der Tod.” (Seite 43) -außerdem; ein Kind macht sich in seiner Vorstellung des eigenen Nicht-Seins, auch des freiwillig gewählten Nicht-Seins -Tot-Seins- mächtig, es schafft sich einen Raum der eigenen Entscheidung, wo es sonst überall bevormundet wird.
“Das Kind zieht sich in die Intimität seiner Gegenwelt zurück und bezieht Stärke aus der heimlichen Bereitschaft, jederzeit gehen zu können” (Seite 42)
Das Kind, das ich gewesen bin, war sich dieser Gegenwelt nicht bewusst, oder wollte sich ihrer nicht bewusst werden. Ich bin weggelaufen vor der Auseinandersetzung mit dem Tod.
Die Beerdigungen meiner drei verstorbenen Großeltern habe ich mit stoischer Ruhe erlebt oder besser mitgelebt ohne sie tiefer erfahren zu wollen. Wenn immer mir gesagt wurde “Die Oma/der Opa ist gestorben” habe ich das hingenommen und akzeptiert, unbeeindruckt und ohne Vermissen.
Ich habe kaum Erinnerungen an die jeweiligen Begräbnisse, nur die eine universelle, dass ich niemals geweint habe. Ich wusste sie waren weg und sie kamen nicht wieder aber was der Tod bedeutet, für mich bedeutet, das wollte ich nicht herausfinden.
Ich besitze so ein Gefühl der Taubheit gegenüber dem Tod anderer, das mich selbst jetzt nach dem Tod meines Katers befällt, obwohl ich um ihn tatsächlich mehr getrauert habe, als um meine Großeltern, nicht weil mir die Katze mehr bedeutet hätte als sie, aber einfach weil ich es heute ein bisschen besser kann. Ich kann es aber noch nicht gut genug, um dieses taube Gefühl in Verbindung mit “der Sache Tod” los zu werden und vielleicht sollte ich es auch nicht los werden, wer weiß.
Dabei betrauere ich vieles; das Leid in der Welt, das Leid meiner Freunde und Familie und am allermeisten mein eigenes Leid, aber den Tod…nicht wie man meinen sollte, dass es ihm gebühre. (Erhebt man den Tod von seiner zwangläufigen Rolle im Leben und sieht ihn nicht als einen Teil davon, oder das Leben an sich nur als ein mehr oder minder langes Sterben.)
Ich wollte, wie ich mich erinnern kann, nicht darüber nachdenken, weil ich schon sehr früh sehr am Leben hing, mir gefielen die kindlichen Gedankenspielereien um den eigenen Tod, die Willemsen als typisch beschreibt, nicht im Geringsten. Sie machten mir Angst.
Das ging so weit, dass ich mich eines Tages, ich war vielleicht in der zweiten Klasse, in den sehr engen Raum zwischen meinem raumhohen Regal und dem hohen Endes meines Bettes versteckte, mich mit den Beinen angewinkelt gegen die Wand drückte und bitterlich weinte.
Irgendwann kam meine Mutter, besorgt (oder genervt) von dem Gewimmer rein und fragte mich, was denn um Himmels Willen mit mir los sei.
Und obwohl ich mir auch damals schon über die Lächerlichkeit meiner Antwort bewusst war, die trotzdem nichts an Schrecken für mich verlor, antwortete ich, ich hätte furchtbare Angst von Aliens entführt und umgebracht zu werden.
Ich denke meiner Mutter beherrschte sich sehr, nicht zu lachen, entgegnete mir aber mit fast bellendem und in todernstem (haha) Ton, dass das jawohl kein Grund sei, sich zu verkriechen und dass man ständig überall sterben könne; ich könnte rausgehen und von einem LKW überfahren werden, oder mir könnte eine Kuh auf den Kopf fallen und überhaupt… -Aber aus Angst vor dem Tod das Leben aufzugeben, sei das absurdeste, was ein Mensch tun könnte.
Man möchte spekulieren, dass diese subtile Wahrheit vielleicht zu viel für eine Zweitklässlerin sein könnte, aber ich hörte augenblicklich auf zu weinen und verbannte den Tod fortan aus meinen Gedanken. -Oh-mein-Gott….ich glaube ich hab’ da einen ganz kleinen Knacks gefunden, vielleicht?!…Wird sich zeigen!
Jedenfalls hat mich damals wie heute, die Angst vor meiner eigenen Nicht-Existenz fast gelähmt und mein Weg damit umzugehen, war einfach nicht näher darüber nach zu denken und das ist er bis heute geblieben.
Ich kann bis jetzt noch keinen Frieden mit dem Tod schließen, er ist (noch) kein Freund von mir, weil ich ihn immer als einen Dieb sehe, als Dieb von Lebenszeit, von nicht gelebtem Leben, dass einem noch zustehen würde.
Ich sehe mich im Angesicht meines eigenen Todes, denke ich, wie Willemsen beschreibt, seinen Vater auf dem Sterbebett gesehen zu haben bzw. scheinbar flüstern gehört zu haben:
“‘Nicht fertig, nicht fertig! Muss noch leben!’ hat Anastasius Grün, der Lyriker des Vormärz, auf seinem Sterbebett geflüstert. Dieses Flüstern hörte ich unablässig, auch ohne dass sich [die Lippen meines Vaters] bewegten. ‘Möchte noch’, der letzte Konjunktiv liegt dahinter.” (Seite 16)
Ein paar Mal habe ich mich unerwartet dem Tod fast freundschaftlich angenähert, das letzte Mal beim Besuch meiner letzten lebenden Großmutter im Altenheim.
Ihre Erscheinung schockierte mich nicht mehr als der Raum in dem sie saß, oder besser in dem sie abgestellt worden war.
Ich betrat den orangegestrichenen Raum, der mir schon damals nur grau erschien und in meiner Erinnerung langsam schwarz-weiß wird, und darin saßen in Rollstühlen an klinisch weißen Tischen gut zehn scheinbar sehr alte Menschen.
Aber sie waren nicht alt im Sinne von rüstig und weise, sondern alt wie verfallene Gebäude, mehr vom Tod als vom Leben gezeichnet und sie waren grau, ganz grau, nicht nur die Haare -so denn noch welche vorhanden waren- auch die Haut glimmte grau auf, wie ein letztes Aufbäumen eines Schimmers, der einmal eine Aura gewesen ist.
Und sie kamen mir tatsächlich vor wie abgestellt, wie Züge auf dem Abstellgleis oder Patienten im Wartesaal zum Sprechzimmer von Gefatter Tod.
Während ich mir die Menschen so ansah; eine Frau, die wirres Zeug redete, eine ohne Zähne, die nur noch hin und wieder markerschütternd krähte und meine eigene Oma, die mich nicht erkannte und kaum die Kraft für einen einzigen Satz aufbringen konnte, sagte ich zu mir:
Bevor ich mich eines Tages in so einem Raum wiederfinde, bin ich lieber tot.
Wenn ich wählen könnte zwischen langsamem Zerfall, in dem ich mich Stück für Stück in eine bloße mechanische, seelenlose Hülle verwandele und dem Tod, würde ich dem Tod den Vorzug geben.
Dann wäre er mein Freund, dann wäre er mein Recht und nicht mein Dieb.
Ich denke so kann ich mich mit ihm arrangieren, so habe ich keine Angst vor ihm.
Aber ich fürchte mich vor diesem anderen Tod.
Meine schlimmste Horrorfantasie, die mich manchmal am hellichten Tag, im Bus oder auf dem Heimweg von der Schule befällt, ist die absolut gegenstandslose und unbegründete Furcht von hinterrücks erschossen zu werden. Paff. Einfach so. Mit dem Blick nach vorne gerichtet, aus dem Hinterhalt den nächsten Schritt gestohlen zu bekommen, ohne, dass ich das Gesicht des Täters zu Gesicht bekomme.
Und dann weg sein ohne … Ohne so viel getan zu haben, was ich noch hätte tun wollen.
Lebendig sein und vor allem andern lebendig sein im Denken, erlebend eben, das bedeutet mir sehr viel und das will ich auch, genau nicht, wie der Autor sagt, “zum Leben kaum vordringen” können, “selbst in der größten Freude [...] keinen Eingang in die Euphorie” finden können. (Seite 22)
Viele sagen, ich dramatisiere vieles und steigere mich in Dinge hinein, das stimmt wohl auch, aber ich tue das wahrscheinlich um diesem Zustand zu entgehen.
“Es liegt schwerfällig und grau und abweisend, das Gefühl, das mögliche Empfinden.”(Seite 22)
Womöglich ist meiner ja gar nicht der falsche Weg, womöglich liegen die, die ihre Gefühle in sich selbst vergraben und sich für jegliches tiefere Empfinden taub stellen, ja falsch. Ich denke ich kenne einige Menschen, die ihren eignen Gefühlen schon vor einiger Zeit Hausverbot erteilt haben und die scheinen mir nicht mehr glückliche Momente zu haben als ich, die ich eben auch die traurigen Momente pathetisch und mit einer guten Portion Weltschmerz und Dawson’s-Creek-Teenie-Kitsch zelebriert.
Vielleicht kann man sich ja auch nur so vor diesem oder jenem drohenden Knacks schützen oder ihn sogar heilen.
Wie man einen Riss im Mauerwerk mit Kitt auffüllt muss man vielleicht einfach die Risse im Leben mit ganz vielen Tränen oder ganz vielen Worten oder beidem füllen.
Das könnte der Weg sein, sich selbst an den Haaren aus dem berühmten Loch zu zieh’n, nicht indem man die Zähne zusammenbeißt und strampelt, sondern indem man solange schreit und zetert, bis einen der Boden freiwillig wieder ausspuckt.
Jedenfalls bin ich so bis jetzt immer besser gefahren als mit allen Bahnen der Deutschen Bahn AG, die, wie mein Freund Kolja jetzt sagen würde, mit Verlaub, eine Fotze ist.
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And that was it..a peak into the workings of my own past mind. Unadulterated and unedited.