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Verwirrnis

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Friedeward liebt Wolfgang. Und Wolfgang liebt Friedeward. Sie sind jung, genießen die Sommerferien, fahren mit dem Fahrrad die weite Strecke ans Meer, und reden stundenlang über Gott und die Welt. Sie sind glücklich, wenn sie zusammen sind, und das scheint ihnen alles zu sein, was sie brauchen. Doch keiner darf wissen, dass sie mehr sind als beste Freunde. Es sind die 1950er-Jahre, sie leben im katholischen Heiligenstadt, und für die Menschen um sie herum, besonders für Friedewards strenggläubigen Vater, ist ihre Liebe eine Sünde. Käme ihre Beziehung ans Licht, könnten sie alles verlieren. Als sie zum Studium nach Leipzig gehen – Friedeward studiert Germanistik, Wolfgang Musik –, finden sie dort eine Welt gefeierter Intellektueller, alles flirrt geradezu vor lebendigem Geist. Und sie lernen Jacqueline kennen, die ihnen gesteht, dass sie eine heimliche Beziehung zu einer Dozentin hat. Zu viert besuchen sie die legendären Vorlesungen im Hörsaal vierzig, gehen ins Theater, tauchen gemeinsam ein ins geistige Leben der Stadt.Und da reift in den drei Freunden der Plan: Wäre es nicht die perfekte ›Tarnung‹, wenn einer von ihnen Jacqueline zum Schein heiraten würde?
In seinem neuen Roman erzählt der große deutsche Chronist Christoph Hein bewegend von einer Liebe, die über Jahre hinweg allen Widrigkeiten trotzt – und zeichnet zugleich ein lebendiges Panorama deutschen Geisteslebens.

304 pages, Hardcover

First published January 1, 2018

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138 people want to read

About the author

Christoph Hein

110 books60 followers
Christoph Hein is a German author and translator.

Growing up in Bad Düben near Leipzig as a clergyman's son and thus not allowed to attend the Erweiterte Oberschule in the communist East, he received secondary education at a gymnasium in the western part of Berlin. After jobbing as an assembler, bookseller and assistant director, he studied philosophy. Upon graduation he became dramatic adviser at the Volksbühne in Berlin, where he worked as a resident writer from 1974. Since 1979, he has worked as a freelance writer, becoming known for his 1982 novella Der fremde Freund (The Distant Lover).

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31 (9%)
1 star
3 (<1%)
Displaying 1 - 30 of 38 reviews
Profile Image for Semjon.
766 reviews504 followers
May 5, 2019
Verwirrnis. So könnte ich auch meinen Zustand nach dem Lesen des Buchs beschreiben. Zu rund drei Viertel war dieser Roman über Homosexualität in den frühen 50er Jahren und der geheimen Liebe zwischen zwei 17jährigen in der DDR ja noch ganz in Ordnung. Aber was Christoph Hein dann im letzten Viertel aus dem Roman macht, bleibt mir ein Rätsel.

Als Leser bekomme ich zu Beginn recht detailliert die Familienverhältnisse der Ringelings erzählt: der prügelnde Vater, vollgestopft mit einem katholischen, aus der Kaiserzeit stammenden Moralverständnis, die stille Mutter, der fliehende Bruder und Friedewald, die Hauptperson, der auf der Suche nach väterlicher Liebe die Zuneigung vom fast gleichaltrigen Wolfgang erfährt. Der stammt auch aus einem katholischen Elternhaus. Da beginnt es schon, etwas sehr klischeehaft zu sein, doch immerhin ist es bis dahin eine angenehme Lektüre, die sich da im kleinbürgerlichen Städtchen an der Leine abspielt. Doch statt auf die Seelenpein Friedewalds im weiteren Verlauf näher einzugehen, wird mit dem Auszug aus der Heimatstadt, dem Studium in Jena und Leipzig ein erster Sprung unternommen, der zu einem reinen Abhandeln von Fakten wird. Mit dem Sprung in die 70er, 90er und darauffolgenden Wendejahre verlässt man dann den Mikrokosmos einer Liebesbeziehung und bekommt stattdessen noch auf die Schnelle die Problematik der Universitäten im wiedervereinten Deutschland aufgetischt. Und, huschhusch, wird Friedewalds Homosexualität dann auch noch mit der Stasi verknüpft und als großes soziopolitisches Schicksal dem tragischen Ende zugeführt. Da wollte nach meinem Empfinden der Autor eindeutig zu viel. Wäre er doch nur bei Liebesbeziehung der Jugendlichen geblieben und hätte dies ordentlich zu Ende erzählt, das Buch wäre mir in guter Erinnerung geblieben. Aber diese nüchterne Erzählweise gepaart mit dem reichhaltigen Themencocktail lässt mich am Ende nur verwirrt und unbefriedigt zurück.
Profile Image for Alex.
507 reviews123 followers
October 11, 2018
Dieses Buch wurde mir sehr sehr herzlich von einer Bibliothekarin empfohlen. Sie finde die Geschichte wunderbar und hoch emotionall.
Für mich war weder noch. Alles bekannt - DDR, Mauer, Schwulen in der DDR, homosexualität strafbar...bla bla bla.
Mich hat das Buch null bewegt. Unglaublich trocken und nüchtern geschrieben. Vor allem sind die letzten 70 Seiten praktisch eine Darstellung des Lebens von Friedelins oder wie er heisst, wie er gearbeitet hat, was er gearbeitet hat, was er so alles noch gemacht hat.
Der erste Teil manchmal spannend. Auch für ein Moment fesselnd. Aber das war's. Sonst ist nichts. Dieses Buch hat nichts spannendes, bringt nichts zur Literatur und auch nichts zu "Historical Fiction". Ich glaube sogar, ein Lehrbuch über die Deutsche Geschichte ist spannender als dieses Buch.
Und das Ende ist so penibel...
Profile Image for Gavin Armour.
614 reviews129 followers
October 15, 2018
Spätestens seit Uwe Tellkamps DER TURM von 2008 wissen wir, daß es in der untergangenen DDR eine wohl schmale, aber sich deutlich behauptenden bürgerliche Schicht gegeben hat, deren Wertesystem deutlich am alten deutschen Bildungsbürgertum orientiert war und der es gelang, irgendwie unbeschadet durch die vierzig Jahre Arbeiter- und Bauernstaat zu kommen. Christoph Hein hat diese Sichtweise schon manches Mal aus unterschiedlichen Perspektiven bestätigt, selten jedoch so deutlich wie in seinem Werk VERWIRRNIS.

Dekadenübergreifend, aber vor allem verdichtet auf die frühen Jahre der DDR, erzählt er vom Leben des Friedeward Ringeling, ein Schöngeist aus gutbürgerlichem Lehrerhaushalt, dem eine bescheidene akademische Karriere als Germanist an der Leipziger Universität gelingt. Was dieses Leben außergewöhnlich – oder vielleicht auch eben nicht – macht, ist Friedewards lebenslang geheim gehaltene Homosexualität, die allerhand soziale Verrenkungen mit sich bringt – darunter die Ehe mit einer befreundeten Lesbierin, die garantiert, daß beide unbeschadet aller gesellschaftlichen Ressentiments ihrer Neigung und ihren Karrieren nachgehen können – aber auch Einsamkeit und vor allem den Verlust seiner großen Liebe Wolfgang. Dieser, ein Kantor mit großem musikalischen Talent, flieht nach mehrfachen Angriffen aufgrund seiner sexuellen Präferenz die Republik und lebt fortan im Westen, wo ihn aber ähnliche Vorurteile einholen und zudem eine weitaus rigidere Gesetzgebung als jene der DDR, die sehr viel früher als die BRD Homosexualität nicht mehr unter Strafe stellte. Schließlich, nach etlichen Wendungen, unterschiedlichen Lebensschritten und auch einer versuchten Anwerbung durch die Stasi, die Friedeward allerdings abschmettert, holt ihn seine Vergangenheit auf perfide Art und Weise nach der Wiedervereinigung ein. In die Enge getrieben, greift er zum letzten ihm verbleibenden Mittel – dem Suizid.

Angefangen vom jugendlich-pubertären Überschwang einer Jungenfreundschaft, die frühe homosexuelle Kontakte mit sich bringt, über die schöngeistigen, gebildeten und somit „verfeinerten“ Jungenseelen, den strengen Vater, der mit dem Siebenstriemer, einem besonders perfiden Züchtigungsinstrument, straft, dem tief katholischen-gläubigen Milieu, bis zum Ausbruch aus selbigem und der Abweisung des Vaters bringt Hein in seinem Entwicklungsroman so ziemlich alle Klischees unter, die man gemeinhin kennt, wenn es um das Thema Homosexualität in den 50er Jahren geht. Erstaunlicherweise – das ist dann die eigentliche Erkenntnis des Romans – unterscheidet sich da bundesrepublikanische Wirklichkeit kaum von jener der deutsch-demokratischen Republik. Der Druck gerade in stark religiös gefärbten Familien, der tief in die Psyche und die moralische Selbstwahrnehmung dringt, bis ins gesetzte Alter anhalten und schließlich zu finalen Taten führen kann – genau so ist er uns bekannt aus Werken von Hubert Fichte und anderen. Und vielleicht ist es eben auch gar nicht so überraschend, daß sich das im „anderen“ Deutschland auch nicht anders verhielt.

Heins Subtext ist dann vielleicht auch interessanter, als das vorgebliche Thema. Anhand der Entwicklung von Friedeward, Wolfgang und deren Freundin Jacqueline und deren deutlich älterer Dozentin und Liebhaberin Herlinde, kann der Autor ein anderes, ein sehr viel bürgerlicheres, teilweise auch an der Bohème orientiertes Leben in einem Land schildern, das die Bürgerlichkeit doch abgeschüttelt zu haben glaubte zugunsten eines kollektiven Staates der Gleichen. Allerdings wirkt vieles von dem, was Hein hier schildert, arg glatt und problemlos. Gerade, wenn der bereits etablierte Friedeward mit der Stasi aneinandergerät und diese mit einem einfachen Trick scheinbar überlistet, woraufhin man ihn fürderhin in Ruhe lässt, wirkt unangemessen, bedenkt man, was wir heute über die Methoden, Mittel und Wege dieser „Behörde“ wissen. Natürlich kann man auch von Leben in der DDR erzählen, die eben nicht kompliziert verliefen, nicht gebrochen wurden und vielleicht ist das sogar bitter nötig, um in den deutsch-deutschen Diskurs mehr Normalität einfließen zu lassen. Fragt sich, warum man eine solche Geschichte dann mit dem Thema Homosexualität „beschwert“? Denn daß ein Akademiker, dessen Geheimnis eben nicht verborgen bleibt, für die Staatsicherheit interessant ist und wahrscheinlich auch bleibt, liegt fast auf der Hand.

Hein versteht es allerdings, den Leser den familiären Druck, der auf seinem Protagonisten lastet, spüren zu lassen. Obwohl Pius Ringeling, strenger Lehrer, Weltkriegsveteran und gläubiger Katholik, dem Leser bekannt vorkommt, da er als Figur – wohl bewusst – angelegt ist, wie Hunderte strenge Väter in der Literaturgeschichte, funktioniert er mit seinen Prügeln durch den Siebenstriemer als Erziehungsmaßnahme erstaunlich gut. Hein lässt ihm sogar eine gewisse, wenn auch distanzierte, Gerechtigkeit widerfahren, wenn er in späteren Jahren seinem Sohn den tieferen Grund für die Härte seiner Didaktik nahezubringen. Ein Mensch, der es schlicht nicht besser weiß, es sicher auch nicht besser wissen will, der sich in zutiefst konservativer Weise den alten Traditionen verpflichtet und auch in ihnen geborgen fühlt. Hein versteht es, einen Generationenkonflikt zu schildern, der an keinen Grenzen halt machte und vielleicht gerade für Deutschland und seine Entwicklung durch das furchtbare 20. Jahrhundert prägend und nicht ganz unschuldig an seiner Entwicklung war. So muß ein Kind eben auf Gottes rechten Weg geprügelt werden – daran besteht für Pius überhaupt gar kein Zweifel. So wird seine extrem harsche Reaktion auf seine Entdeckung der aus seiner Sicht natürlich falschen, ja sündigen sexuellen Ausrichtung des Sohnes zwar verständlich, doch Hein weiß, auf wessen Seite er als Autor steht. In einer eindringlichen Szene wird Pius von seiner Schwiegertochter mit seinen Methoden konfrontiert und hier läuft Hein zu der Form auf, die man von ihm kennt – sich in die eigenen Widersprüche verstrickend, versucht der Alte, seine Würde zu bewahren, selbst da, wo er sich längst widerlegt hat. So verstehen wir gerade anhand eines Textes wie diesem, daß es zwischen den zwei Deutschlands der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bei allem Trennenden, eben auch durchaus Verbindendes gab. Und sei es einfach nur in den fortwährend fortwirkenden konservativen Ansichten und Traditionen, die eine neue, eine jüngere Generation auf ihre je eigene, spezifische Art und Weise, unter den unterschiedlichen Bedingungen und Voraussetzungen des jeweils anderen Deutschland aufbrechen und verändern musste.

Leider muß man konstatieren, daß es Hein diesmal nicht gelingt, das hohe Niveau zu halten, das man von ihm gewohnt ist. Einerseits ist das alles, wie bereits erwähnt, zu klischeebeladen, zu uneigentlich, wenn man so will, andererseits wird ihm hier zur Falle, was ihm gerade in den letzten Werken wie WEISKERNS NACHLASS (2011), GLÜCKSKIND MIT VATER (2016) oder TRUTZ (2017) zum Vorteil gereichte: Die reduzierte Sprache. Entschlackt wirkte sie, fokussiert auf das deskriptiv Wesentliche, oft schon redundant, dabei aber immer befähigt, dem Leser Figuren erstaunlich plastisch und psychologisch stimmig nahe zu bringen. Genau diese Sprache wirkt nun, in VERWIRRNIS, fast verkitscht, wenn sie sich zu vieler Diminutive bedient, wenn sie nicht mehr reduziert genau, sondern nur noch glatt wirkt, noch nicht beschönigend, doch eben auch oft Ecken und Kanten, Widerstände, die dieser Text bietet, bieten könnte, schleifend. Die Biographien dieser Menschen sind zwar in sich stimmig, doch folgen sie eben stereotyp vorgestanzten Folien, die nicht „das Leben schrieb“, sondern die Literatur, Kinofilme und das Theater der letzten fünfzig, sechzig Jahre.

So bleibt Heins Text seltsam unentschlossen, wirkt einerseits begütigend und versöhnlich, trotz des tragischen Endes, andererseits aber immer wieder auch ironisch gebrochen und dadurch gefährlich – gefährlich, indem die Abgründe dieser Leben immer wieder aufblitzen. Vielleicht hätte dem Autor ein wenig mehr Mut gut getan, etwas mehr Brüchigkeit, etwas mehr Lust an den offenen, schwärenden Wunden dieser deutsch-deutschen Leben. Unter den vielen, vielen hervorragenden Texten, die Christoph Hein uns als Lesern gegeben hat, tritt dieser ein wenig zurück, bleibt allemal wert, gelesen zu werden und muß sich doch kritischer beäugen lassen, als einige seiner Vorgänger.
Profile Image for Alexander.
161 reviews33 followers
May 19, 2020
3-4 Sterne.
Hein erzählt ohne Wertung, ohne Emotionen, er lässt den Leser verschont von seiner Haltung. Der Leser muss also selbst werten und entscheiden, wie empathisch er den Figuren entgegen treten möchte- und muss sich sogar entscheiden: ist es überhaupt angebracht, über die Lebensentwürfe und Entscheidungen anderer Menschen zu urteilen?
Profile Image for Mia.
154 reviews2 followers
September 14, 2018
„Verwirrnis“ erzählt von einer verbotenen Liebe in den 1950er Jahren. Friedeward und Wolfgang sind glücklich, wenn sie Zeit miteinander verbringen können, sie reden über Musik und Literatur, fahren zusammen in den Urlaub und sind unzertrennlich. Nach außen hin wahren sie den Eindruck der besten Freunde – und das sind sie auch-, aber da ist noch etwas mehr. Friedeward und Wolfgang lieben sich. Doch das darf im katholischen Heiligenstadt, wo beide aufwachsen, niemand wissen. Schon gar nicht der strenggläubige Vater Friedewards, der seine Söhne mit einem Siebenstriemer züchtigt. Als Friedeward und Wolfgang zum Studieren nach Leipzig gehen, finden sie sich in einer anderen, scheinbar freieren Welt wieder. Geistiges Leben, Tanz und Theater, Vorlesungen und ein neues Selbstbewusstsein, aber eines bleibt: das Versteckspiel. Denn auch hier darf kaum jemand von ihrer Liebe wissen. Zur Tarnung und um ihre Beziehung zu erhalten, gehen beide Scheinehen ein, doch die Heimlichtuerei, das so tun als ob, das nicht sie selbst sein dürfen lastet schwer. Zu schwer.

Christoph Heins neuestes Buch ist ein ruhiger, gefühlvoller Roman über eine Liebe, die von der Gesellschaft aberkannt wird und beide Charaktere somit an den gesellschaftlichen Rand katapultiert. Nur wer in die Norm passt, gehört dazu. Alle anderen werden ausgegrenzt. Das ist eine enorme Belastung für Friedeward und Wolfgang, die sich deshalb dazu entschließen, ihre Liebe geheim zu halten. Zu groß ist die Angst vor Konsequenzen. Und beide gehen unterschiedlich damit um. Dass sie darunter leiden wird zwar deutlich, aber auf andere Weise dargestellt – und das ist gerade der Kniff, dessen sich Hein bedient. Er zeigt den individuellen Leidensweg der Figuren und dass nach außen tough nicht immer auch innen tough bedeutet, dass menschliche Entwicklung immer abhängig von äußeren – gesellschaftlichen, politischen, familiären – Umständen ist und dass die Stärksten oft die vermeintlich Schwächsten sind. Gerade die Situation mit den Scheinehen wird sehr eindrucksvoll geschildert. Friedeward, der sich zunächst sträubt und Wolfgang, dem das alles scheinbar kaum etwas ausmacht. Scheinbar. Die innere Zerissenheit der Charaktere spiegelt gleichwohl die Zerissenheit des Landes wieder, das nach dem Zweiten Weltkrieg gespalten und in Trümmern darliegt. „Verwirrnis“ ist daher fast schon ein Porträt einer Zeit, die zwischen Tradition und Neubeginn schwankt – auf vielerlei Ebenen. Und auch wenn ich viel Positives über dieses Buch sagen kann und mag, hat mich doch leider die Vorhersehbarkeit der Geschichte ein wenig gestört, denn der einzige wirkliche Überraschungsmoment blitzt erst am Ende kurz auf. Mir persönlich hätte der Roman mehr zugesagt, wenn noch mehr auf die innere Zerissenheit der Charaktere eingegangen wäre, das hat mir an manchen Stellen und besonders ab der Hälfte des Romans doch etwas gefehlt. Dennoch ist „Verwirrnis“ ein wichtiges und gutes Buch, das von einer Zeit im Umbruch erzählt, in der Menschen alleine aufgrund ihrer Liebe gesellschaftlich an den Rand gedrängt werden. Ich würde gerne sagen, dass sich das mittlerweile geändert hat, aber auch wenn sich in einigen Teilen der Welt die Gesetze zum Glück (!) gewandelt haben, neigt unsere Gesellschaft immer noch und immer häufiger dazu, Menschen, die nicht in ihr institutionalisiertes heteronormatives Weltbild passen, auszugrenzen. Daher ist es gerade gut, dass es solche Romane wie „Verwirrnis“ gibt, die sensibilisieren und zeigen, dass es zwar eine deutlich positive Veränderung von damals zu heute gibt, aber dass es trotzdem wichtig ist, weiter gegen Diskriminierung und für Gleichstellung und Gerechtigkeit zu kämpfen.
Profile Image for René.
32 reviews12 followers
October 21, 2018
Wann immer ein Schriftsteller zum Chronisten seiner Zeitgeschichte ausgerufen ist, und manch einer wird diesen vielleicht lästigen Titel nie mehr los, muss ich an den Monolog des Alten vom Wandernden Berge in der „Unendlichen Geschichte“ denken, der das Paradox dieser Arbeit so hart und klar zusammenfasst: „Was du erschaffst und was du bist / bewahre ich als der Chronist / Buchstabe tot unwandelbar / wird alles was einst Leben war“. Dem sächsischen Pastorensohn Christoph Hein hängt dieser Titel jedenfalls an, und er kommt damit klar, das ist der Eindruck. Als Erzähler bewegt er sich in sicherem Abstand von den verletzlichen, versehrten Zeitgenossen, die er durch sein hauptsächliches Jahrhundert, eben das letzte, taumeln lässt. Mit der rasch betrübten, schnell zerstobenen Liebesgeschichte von Friedeward und Wolfgang, Kinder kirchlich-konservativer Familien im frisch rot angestrichenen Osten der Fünfziger, wagt sich Hein in neues Terrain. Queere Geschichte als formgebendes Stand-In für die großen Zeitläufte, aus eigenem Recht heraus berichtet, das ist gar nichts ganz Gewöhnliches für die deutsche Literatur. Erst recht nicht von einem heterosexuellen Autor (mit Schnauzbart und Herrenweste). Dafür gebührt ihm Einiges. Mir geht Hein doch zu schnell über das breite Mittlere hinweg, das zwischen stürmischem Jauchzen der Jugend und der etwas erwartbaren Tragik eines frühen Alters liegt und dieses Buch geistig noch geweitet hätte. Die Systeme wechseln, es bleibt doch das Schlimmste gleich, und das Trauma gewaltsamer Erziehungsmethoden aus dem Kaiserreich hallt mühelos noch 1993, am Ende der Erzählung, nach. Hein bewegt sich mit flinker, wendiger Eleganz durch die Jahrzehnte, aber manchmal wird man darüber atemlos, wie wenig jeweilige Gegenwart auf der Seite angemessen gewichtig hängen bleibt.
Profile Image for Jemima.
316 reviews24 followers
December 8, 2019
Ein starkes Buch über das Leben eines homosexuellen Mannes in der DDR. Mir war nicht klar, dass die DDR bereits in den 1950er Jahren die Strafverfolgung für homosexuelle Handlungen eingestellt hatte. Trotzdem wurde im Buch sehr deutlich, dass Homosexualität zwar im Gesetz, aber noch lange nicht gesellschaftlich akzeptiert war.

Sicherlich nicht mein letztes Buch von Christoph Hein. Sowohl thematisch als auch sprachlich hat mir das Buch sehr gefallen.

Nachtrag, weil ich nun einige Rezensionen zu dem Buch gelesen habe: Die etwas distanzierte Erzählweise hat mich persönlich trotzdem mitfiebern lassen. Die vielen Themen, die im Roman aufgegriffen wurden, fand ich durchaus realistisch dargestellt.
Profile Image for Lina Kelpšaitė.
7 reviews2 followers
March 16, 2020
Ein angenehm geschriebenes Buch, doch irgendwie sehr flach. Es wird als eine Geschichte von geheimer Liebe geworben, aber Hein schildert die Beziehung zwischen den Protagonisten und seiner Habilitationsschrift leidenschaftsvoller als die zwischen ihm und seinem Geliebten.
Profile Image for ada ☽.
198 reviews3 followers
May 26, 2025
meine bewertung und rezension wurden aus irgendeinem grund gelöscht :/ bottom line ich fand dieses buch okay
Profile Image for Thomas' Mann.
18 reviews59 followers
July 10, 2019
Das Buch ist gut. Es behandelt Themen, die so noch nicht behandelt wurden: Schwulsein in der DDR. Vom Ende des Krieges bis zum Ende der DDR. Und darüber hinaus. Es berichtet von einem Mann, einem schlauen Kopf, einem führenden Geisteswissenschaftler, der es Zeit seines Lebens nicht schafft, sich von der rigiden, homophoben, erzkonservativ-katholischen Sichtweise seines Vaters auf ihn zu befreien. Ein Mann, der in der Wissenschaft neue Wege geht, nicht den Autoritäten gehorcht. Der etwas schafft und internationales Ansehen genießt. Und der am Ende scheitert. Nicht am Schwulsein. Nicht an der Autorität des Vaters oder des DDR-Staates. Sondern nach der Wende an einer kleinlichen Intrige skrupelloser Emporkömmlinge. - Wichtige, spannende Geschichte, aber ...
Aber ... Für meinen Geschmack etwas trocken geschrieben, zu sehr Berichtsstil. Das hatte etwas Sprödes. Ich hatte den Eindruck, dass Hein keine wahre Empathie für seine Protagonisten hat. Und damit war auch mir der Draht zu den Figuren unterbrochen. Ich konnte mich über Handlungen aufregen, mich über geistreiche Repliken freuen, über beschriebene Tragödien trauern. Aber ich konnte mich nicht MIT den Romanhelden aufregen, mich MIT ihnen freuen oder MIT ihnen trauern.
Ich weiß, dass es schwer sein wird, meine Bedenken zu verstehen. Und ich weiß, dass andere Leser mehr begeistert, sehr begeistert von "Verwirrnis" sind. (Wir haben das Buch bei den Literatunten in der Gruppe ausführlich diskutiert. Ich war der einzige, der es nicht rundweg phantastisch fand.) Daher möchte ich das Buch trotz meiner Einwände ausdrücklich zum Lesen empfehlen.
This entire review has been hidden because of spoilers.
Profile Image for Helene.
41 reviews2 followers
August 19, 2024
mit wirklich sehr vielen parallelen zu „im wasser sind wir schwerelos“ ist „verwirrnis“ viel distanzierter, sachlicher geschrieben, was es mir erschwert hat, eine emotionale verbindung zu den charakteren aufzubauen. während es in der ersten hälfte viel um die geheime jugendliebe zwischen zwei männern in der ddr geht, hat sich der zweite teil ein bisschen wie ein nachruf gelesen, in dem die karriere eines akademikers beschrieben wird (also definitiv keine spannungsmaus-entwicklung).

[ausgeliehen]
Profile Image for miri:).
48 reviews
December 15, 2025
Mein Gott Silke schafft es schon wieder, mich total abzuholen. Erstes Buch für „Queere Literaturwissenschaft“ und es hat all meine Nischeninteressen eingesammelt, es ging um Gays, Literatur, DDR und Leipzig. Somebody sedate me
Profile Image for Frank.
594 reviews124 followers
July 10, 2019
Nächste Woche will ich mit einem alten Herren im tiefsten Westen Deutschlands über das Buch reden, denn es hat ihn so ergriffen, dass er jetzt erst bemerkt hat, was die "Abwicklung" der Universitäten im Osten Deutschlands für die Betroffenen bedeutet habe. Das interessiert mich, zumal es in dem Buch um "meine Sektion", also die Germanistik der KMU gehen sollte (und ja auch geht). Also habe ich mir das Buch gekauft und heute in sage und schreibe 5 Stunden durchgelesen. Das spricht für den eingängigen Schreibstil und macht gleichzeitig deutlich, was dem Buch fehlt: Tiefe. Christoph Hein geht den möglichen harten Konflikten im Leben seiner Protagonisten einfach aus dem Weg. Das Thema "Homosexualität in Ost und West" ist sicher spannend; ein Roman, in dem es kein Outing Fremden gegenüber gibt, ist es nicht. Statt dass sich Friedeward (sprechender Name: Und es ward Friede?) in den Auseinandersetzungen um Hans Mayer bewährt, was sicher einige Komplikationen mit sich gebracht hätte, lässt der Autor ihn mit einem kleinen literarischen Trick für die fragliche Zeit von der Bildfläche verschwinden. Wir lernen die Leute nicht kennen, die in diesem Zusammenhang geschasst wurden, und wir erfahren auch nichts über die möglichen Motive des Stichwortgebers für die Hetzjagd, der immerhin namentlich genannt wird: Klaus Schumann, später Professor für DDR- Literatur. Da bleibt es bei einem Seitenhieb. Während die familiären Probleme und die erste Liebe ausführlich beschrieben (kaum erzählt!) werden, kommt im letzten Drittel der "Universitätsroman" seltsam fragmentarisch daher. Man weiß sofort, wozu die Episode, in der Friedeward sich gezwungen fühlt, der Stasi einen "Reisebericht" zu liefern, später dramaturgisch gut sein wird und ist also nicht überrascht, als es so kommt. Außer ein paar Bemerkungen im Zusammenhang mit der (West)Reisetätigkeit des nun Dozenten für neuere deutsche Literatur hat auch die Universitätskarriere offensichtlich wenig Konflikte zu bieten, an denen Friedewald hätte Profil gewinnen könnte. Dabei hätte hier durchaus über das Kleinklein der Bevormundung in der Lehre, die "freiwillige Selbstkontrolle" in den Seminaren und Publikationen oder meinetwegen über das implizite Konfliktpotential des Homosexuellen- Themas in der Literatur geredet werden können. Hätte, hätte! Hein HÄTTE das gekonnt, wie die augenzwinkernde Erwähnung der Qualifikationsarbeit Friedewards über Melvilles Isle of Pines (Anagramm für Penis) beweist. Dort wird das naturwüchsig- unverkrampfte Verhältnis der Eingeborenen zur Sexualität (inklusive der Homoerotik) der verklemmten puritanischen Moral der (Proto)Industriegesellschaft der Niederlande gegenüber gestellt. Eine Unterdrückung dieser Natürlichkeit und Freiheit (man denke an das Erlebnis Friedewards am FKK- Strand!) führt nach Ansicht der sich auf Wilhelm Reich ("Sexuelle Revolution") stützenden 68er und ihrer Adepten zu Schuldkomplexen und damit zur Unterdrückung von Kreativität und Ideenreichtum. Das ist dem Autor bewusst, der Friedeward das Anliegen unterschiebt, den Einfluss dieser Gedanken Melvilles auf die nachfolgende Literatur bis in die Moderne hinein aufzeigen zu wollen. Was natürlich stimmt: Das Ringen um sexuelle Selbst- Bestimmung und das Glück einer freien Partnerwahl wird von Goethes "Wahlverwandtschaften" über die Schicksale der Madame Bovary, einer Anna Karenina oder Effi Briest zu DEM Thema des realistischen bürgerlichen Romans. Letztlich scheint es bei Christa Wolf (Christa T.), Brigitte Reimann (Franziska Linkerhand) und auch bei Hein selbst (Der fremde Freund) auch in der DDR- Literatur immer wieder auf. Homoerotik wird bei Thomas Mann und Musil (auf "Tonio Kröger" und den "Törleß" nimmt der Text ausdrücklich Bezug) thematisiert. Da wäre ein möglicher Punkt gewesen, dem Roman Tiefe und Konfliktreichtum, gleichzeitig auch eine Einbettung in große Literaturtraditionen zu geben. Ok, das ist ein Germanisten-Wunsch. Hein verzichtet auf solchen Bildungsballast und schreibt stattdessen weiter an seiner Chronik eines Professoren- Lebens in der DDR. Man erfährt von der "Tabaksgesellschaft" im Coffee- Baum, wo Friedeward u.a. Cornelius Weiß, den späteren Wende- und Nachwende- Rektor der Leipziger Uni kennen lernt. (Das "Professorenzimmer" mit seiner ständig "geschlossenen Gesellschaft" hat es wirklich gegeben. Als durstiger Student auf der Suche nach einem Platz für ein Bierchen bin ich dort oft genug abgewiesen worden.) Aber mehr kommt nicht. Psychologisch bleibt Friedeward so blass wie seine Alibi- Frau, weshalb er auch keine aktive Rolle im Abwicklungsprozedere seines Fachbereichs spielen kann. Er erleidet sein Schicksal wie so viele andere, die weniger prädestiniert gewesen sind, Widerstand zu leisten. Auch das Handeln des Cornelius Weiß, der zu Prof. Claus Trägers (immerhin seinerzeit Kandidat für den Vorsitz des Internationalen Verbandes der Germanisten) 65. Geburtstag statt eines Glückwunsches ein Schreiben übermittelte, in dem auf das strikte Alkoholverbot in den Räumen der Universität hingewiesen wurde, wird auf seinen mit der Selbstentalssung verbundenen Protest gegen die (Gesund?)Schrumpfung einer nunmehr fremdbestimmten "höheren Lehranstalt" reduziert. Schade. Gerade diese Zeit hätte ein konfliktreicher Erzählraum für die nächsten 250 Seiten werden können! Stattdessen kommt mit der Wende der Schluss des Romans. Wenigstens die beiden lesbischen Frauen erleben die neue Zeit als "neue Freiheit" und die Reaktion der jungen Studentengeneration lässt etwas Hoffnung aufkommen. Ansonsten entlässt einen der Schluss etwas ratlos, denn nichts ist wirklich gelöst. Fazit: Für ein Homosexuellen- Schicksal als dramatisches Zentrum ist die Story psychologisch zu wenig ausgearbeitet; für einen Wende- Roman spielt die "Wende" nicht wirklich eine Rolle. Was bleibt? So eine Art "Chronik" möglicher Ereignisse im Leben eines DDR- Menschen von den 50er Jahren bis in die 90er. Als solche kann sie für Menschen, die nicht dabei waren, durchaus interessant sein. Für die anderen bietet es nichts Neues. Empfehlenswert ist der Roman allenfalls durch seinen Unterhaltungswert, denn er ist - ich sagte es schon - flüssig und stilistisch gut geschrieben. Nur habe ICH eben mehr erwartet...
Profile Image for Esther.
Author 3 books50 followers
June 16, 2021
Ich glaube ich mag Christoph Hein.
Es ist mein drittes Buch von ihm und jedes Mal schafft er es, mich in eine Zeitperiode zu versetzen und mir menschliche Schicksale nahezubringen, die eigentlich weit entfernt von mir sind.

In “Verwirrnis” ist es einerseits das Leben eines homosexuellen Jugendlichen in der DDR, aus einer katholischen Familie, der es trotz alledem schafft, sein Leben irgendwie zu gestalten, ohne aufzufallen, aber auch ohne sich zu verraten.
Andererseits ist es das Leben in der DDR und die Bedingungen (z.B. Bespitzelung), die Menschen akzeptieren mussten, um einigermassen durchzukommen.

Die Vermischung dieser beiden Themen scheint willkürlich, aber Christoph Hein bastelt daraus eine lehrreiche, melancholische, am Ende tragische aber immer stimmige Geschichte.
5 reviews
February 8, 2023
Absolut scheiße geschrieben.
Er hat keine Ahnung, über das, worüber er schreibt.
Hat der Typ sich mal mit der queeren Community auseinandergesetzt. WTF, er schreibt über Liebe, doch nicht über Freundschaft!!!! Weiß er das?
Und sein Frauenbild! (Die Darstellung von weiblichen Charakteren, dass das Frauenbild früher anders war ist klar.)
Jegliche Tiefgründigkeit, Gefühle, Vielschichtigkeit fehlt.
Absolut scheiße.
0 Sterne.
Profile Image for Franziska .
372 reviews
May 29, 2019
Gegenwartsroman 50er bis 90er mit den Themen Homosexualität und die Akzeptanz in der Gesellschaft, Erziehungsmethoden, Systemkonformität. Hein erzählt seine Geschichte flüssig und ohne große Sprünge.
Profile Image for Gijs Zandbergen.
1,068 reviews27 followers
December 18, 2018
Christoph Hein heeft mij lang geleden met Der Tangospieler de Duitse literatuur in geholpen, waarvoor ik hem voorgoed dankbaar ben. Daardoor beoordeel ik hem welwillender dan misschien verantwoord is, maar ik ben hem dan ook wat verplicht. Ik houd van zijn zakelijke stijl zonder poespas en mooischrijverij. Dit keer gaat het over een intelligente, gevoelige en homoseksuele jongen, die het in de DDR van de jaren vijftig, met een verschrikkelijke vader bovendien, niet gemakkelijk heeft. Uit de kast komen is er niet bij. Althans niet tegenover de grote buitenwereld. Ook na de val van de Muur blijft het tobben. Sommigen zullen het onderwerp een platgetreden pad vinden. Ik vind het een mooie, zij het sombere schets van een levensloop.
Profile Image for Leo.
7 reviews
November 6, 2024
die Grundidee dieser Geschichte ist sehr gut. Leider hat man relativ schnell das Gefühl, dass Hein diese Geschichte oder Inspirationen nicht selber erlebt hat und es anscheinend nur geschrieben hat, weil es gerade im Trend lag. Allerdings muss man zugeben, dass sich die erste Hälfte gut lesen kann und man sich etwas in die Charaktere herein versetzen kann. Jedoch kann man anehemen, dass Hein ab einem gewissen Zeitpunkt keine Lust, Zeit oder Platz mehr hatte und die Handlung regelrecht hinschmeisst und der Leser einfach nur verwirrt ist.
1,372 reviews6 followers
July 27, 2019
Ein wunderbares Buch, das die Verlogenheit der Gesellschaft und Familie in Bezug auf die Homosexualität von Männern und Frauen aufzeigt. Ein Beispiel aus der DDR.
Profile Image for Sonja Schaalo.
125 reviews9 followers
February 22, 2020
Verwirrnis hatte ein schönes, angenehmes Tempo... nicht zu langsam aber auch nie zu schnell. Jedoch, die Zeit nach der Wände, also die letzten 3 Kapiteln, gingen mir doch ein wenig zu schnell. Auf einmal war alles kaput und vorbei. Die Liebe und alles so wie es mal war katapultiert. Ein trauriges Ende. Die Themen sind weitreichend: ein Mann kommt zurück aus der zweiten Welt Krieg, und bearbeitet seinen Trauer nicht, züchtet seine Kinder so streng, dass sie ihm alle am Ende hassen, Homosexualität, die gezwungene Trennung von Familien durch die Mauer, wie endlich Deutschland wieder zusammen kommt, aber gleichzeitig liegt doch wieder in Türmern und selbstverständlich, Verrat.

Friedl liebt Wölfchen und Wölfchen liebt Friedl. So einfach könnte es sein. Heins sachliche Schilderung der Zeit, die Entscheidungen und wie die Beziehung auseinander bricht, bewegte mich sehr emotional. So ist es. Hier sind die Fakten. Du, lieber Leser muss es bearbeiten.Mir war nicht klar, dass die DDR bereits in den 1950er Jahren die Strafverfolgung für homosexuelle Handlungen eingestellt hatte. Aber was hat es gebracht? Wozu diese gesetzliche Befreiung und doch bleibt Friedl in den Schatten. Wieso hat es nicht die Queer community in der DDR befreit? Das war mir irgendwie nicht klar. Es ist das erste Buch, dass ich über eine gleichgeschlechtiges Liebespaar lese, und was mir aufgefallen ist, war dass ihre Beziehung, bzw ihre Liebe war um so mehr angreifbar und verletzlich. Sie zwei hatten ihre einige Challenges, sowie alle andere Beziehungen und zusätzlich hatten sie auch die gesellschaftliche Vorurteile, die auf die Liebe drückte.
Wolfgang hat es aber nicht ganz so erlebt - Friedl war sensibler und hatte nie aufgehört Wolfie zu lieben. Er war so zerrissen, so wie sein Land. Und er hat sich auch nie selber akzeptiert und zu sein Wesen gestanden. Das hat ihm sehr viel gekostet.
Das Ende mit Jacqueline und Herlinde war mir ein bisschen kitschig. So beginnt die neue Zeit für gleichgeschlechtige Liebe? Ok... aber was ist mit Friedl? Sie haben ihn ein wenig ausgenützt, oder? Auf was haben die zwei verzichten müssen? Wie konnte man sich auf die Zukunft freuen, wenn der Friedl so völlig zerstört im Bad liegt? Einfach Friedl vergessen? Und wieso ist Wolfgang nicht gekommen? Er hat mich wirklich irritiert. Der arme Friedl.








Profile Image for Charlie Egon.
184 reviews7 followers
September 6, 2023
Christoph Heins "Verwirrnis" folgt der Lebensgeschichte eines schwulen Mannes, von seiner Jugendzeit in den 1950er Jahren der DDR bis zur Zeit der Wiedervereinigung. Hein erzählt von den Zwängen katholischer Kleinstädte, dem Geheimhalten von Beziehungen in einem restriktiven System, einer Karriere an der Universität Leipzig und den Belastungen der Wendejahre.

Der Roman ließ sich ziemlich schnell und flüssig weglesen, was mir grundsätzlich gefallen hat. Allerdings erweckt Heins Schreibstil immer wieder den Eindruck einer ausbuchstabierenden Wiedergabe von Plot-Punkten. Viele Passagen lesen sich als reine Zusammenfassungen, teils von Jahrzehnten. Abseits weniger, prägnanter Szenen, die außerzählt wurden, konnte ich keine richtige Bindung zu den Figuren entwickeln. Obwohl sich so einige spannende Charaktere finden!

Ich freue mich immer über queere Geschichte/n mit DDR-Bezug; darüber mehr über das Leben als queerer Mensch in diesem System zu lernen. Sehr skeptisch war ich, wie Hein als hetero Autor das Thema aufgreifen würde. Im Großen und Ganzen schien mir sein Herangehen respektvoll. Dass die Darstellung des Liebeslebens der Figuren etwas knöchern daher kam, kann auch daran liegen, dass Hein viele Formulierungen verwendet, die sich für mich generell veraltet anfühlten - auch für hetero Beziehungen in dem Buch. Mit Hein als großem, ostdeutschem Publikumsautor gelangt "Verwirrnis" außerdem vielleicht auch zu Menschen und einer Generation, die nie aus eigenem Interesse über schwules Leben lesen würden.

Im letzten Viertel verhallte die Handlung leider, wirkte auserzählt, aber ohne je irgendwo angekommen zu sein. Der Schluss hat mich verstört, und nicht auf eine gute Weise (und ist für mich der einzige richtige Fauxpas; you just don't kill your gays).

Tldr; Ein interessantes Buch für Menschen, die wenig Vorwissen über queeres Leben in der DDR haben, aber insgesamt leider ohne den nötigen Griff. Vielleicht Urlaubslektüre!

CN: häusliche Gewalt, Tod von Eltern und Geschwistern, Suizid, Homofeindlichkeit (Geheimhaltung, Erpressung, Katholizismus)
Profile Image for Emma W.
1 review
January 1, 2026
"Denn wer will schon als Sünder durch die Welt gehen, verachtet von den anderen? Und wen könnte man mehr verabscheuen, als jemanden, der in Sünde lebt?"

"Dich, lieber Vater, dich."



Wie Heins Landnahme liest sich auch Verwirrnis als eine sehr nüchterne, für mich teils befremdlich emotionskalte, Chronik eines Lebens, hier das des Friedeward Ringeling. Zwischen sich eher ziehenden Beschreibungen von teilweise vielen ereignislosen Jahren kommt an einzelnen Stellen doch gut Spannung auf, vor allem, wenn Friedewards Beziehung zu seinem Freund Wolfgang aufzufliegen droht und er sowie andere queere Charaktere die Entblößung und damit zeitgemäß strafrechtliche Verfolgung fürchten müssen.
Doch nicht nur Staat und Gesellschaft zwingen Friedeward förmlich in den closet und als Erweiterung dessen die Scheinehe zu Jacqueline, den größten Druck auf ihn übt sein strengst religiöser, gewalttätiger Vater aus, dem sich Friedeward offenbar als einziger seiner Geschwister nie völlig entziehen kann. Die Charakterkonstellationen und Machtkonstrukte innerhalb der Familie Ringeling illustriert Hein hier mit packender Tiefe und Komplexität, die zu Diskussionen anregt.
Das Ende zeigt, wenn auch vom Erzähler weiterhin sehr emotionsverflacht vermittelt, bewegend auf, welche zwei völlig unterschiedlichen Entscheidungen die Protagonisten an einem Scheideweg nach einem weiteren Rückschlag, einer weiteren Bedrohung einschlagen: Während Friedeward nach mehrmaligen vorherigen Überlegungen hier final entscheidet, sich das Leben zu nehmen, fassen Jacqueline und Herlinde all ihren Mut und entschließen sich, zu fliegen.
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Profile Image for Carmen Mittendrin.
63 reviews3 followers
October 13, 2022
Die Geschichte hat mir sehr gut gefallen.
Homosexualität in Zeiten, in denen dies als abartig und verdorben galt mit einer Hauptfigur, die zu Beginn der Geschichte diese Glaubenssätze ohne zu hinterfragen verinnerlicht, jedoch trotzdem nicht gegen die Liebe ankommt.
Im Buch werden viele Töpfe aufgemacht:
Homosexualität, die zudem noch kriminalisiert ist und die nur im Verborgenen ausgelebt werden darf, psychische und physische Gewalt im Elternhaus, DDR-Themen.

Gerade die vielen Themen, die hier angeschnitten worden sind, hätten für mich weit mehr Seiten gebraucht.
Nach zwei Dritteln des Buches kommt zudem ein für mich sehr verwirrender Zeitsprung (wird also dem Titel mehr als gerecht), der mich wirklich etwas ratlos zurückgelassen hat.

Daher von mir 3,5 Sterne. Wird gerne weiterempfohlen.
Profile Image for Jonah reads.
80 reviews16 followers
January 30, 2021
This novel didn’t move me until the very last page. Hein’s spare style and chronological narration don‘t really induce any emotional reaction. Nevertheless, the plot remains captivating and interesting throughout. Set in the rural Germany of the 1950s, the first part of the book focuses on a love affair between two teenage boys. Then, the focus shifts to the protagonist’s hurdles of hiding his homosexuality during his studies and subsequent academic career, all the way up to fall of the Berlin wall. I appreciated the devotion to historic, societal and political details, which reminded me of Alan Hollinghurst’s work. Another interesting aspect is the character study of the (very stern and brutal) father figure.
Profile Image for Dan Healey.
8 reviews
August 9, 2024
Just finished this strange gay novel by prolific author Christoph Hein, whose work was not familiar to me. The hero is a gay man who falls in love with a fellow male student in East Germany as the state develops in the late 1940s-early 1950s. Distant mother, tyrannical Catholic father, deep misery and eventually, a marriage with a lesbian so they can conceal their 'difference'. The narrative feels more attached to the conventional politics of the DDR and thoroughly detached from the forces of gay and lesbian liberation, even though it partly takes place in the West. There are seemingly autobiographical elements that map on to the author's life, although as far as I can work out he was straight. I read this in French (can't read German); the title is Dessarois in French. Found in Paris at Les mots à la bouche bookshop.
Profile Image for Pow Wow.
259 reviews8 followers
September 11, 2018
Nice enough. A chronicle of German history in the 20th century seen through the lens of a gay relationship. The prose flows nicely and has an old-fashioned ring to it, the central love story is well developed, especially the early stages. Also, in Friedeward's father it has an incredibly well-drawn and complex villain, which is the best part of the book, to be honest. Where the book falters is in its scope. In its attempts to contrast the faults of the two systems (capitalism vs. communism) it seems to be making excuses and doesn't ring true. Also, the tragic coda is not really earned and comes off as self-pitying.
Profile Image for Otto.
750 reviews50 followers
April 3, 2020
Es ist ein mittelmäßiger Text. Das Leben des Friedl (später Uni.Prof. Friedeward Ringeling), der sehr früh merkt, dass er schwul ist und das ein Leben lang verheimlicht. Eingebettet ist es in eine Geschichte der DDR von Gründung bis Untergang und etwas darüber hinaus.
Ja, es liest sich kurzweilig, der 300 Seiten Bericht, teilweise fast lapidar. Die strenge väterliche Erziehung mit Peitsche erinnert mich an den Handke Film über deutsche Erziehung "Das weisse Band", man könnte diesen Roman sicher auch ganz gut verfilmen.
Lesen tut man ihn e schnell, also wer sich einen ruhigen Tag mit Lektüre geben will, greife zu
Profile Image for benjamin.
17 reviews
September 11, 2025
nö, mir gefiel das buch tatsächlich. mochte den nüchternen stil irgendwie. der war zwar ganz schön kalt, aber das hatte etwas. kann man aber lowkey nur einmal lesen hahah und ich glaub, am meisten überzeugt hat mich der teil mit dem germanistik-studium, denn der rest war nicht unbedingt... motivierend? es wäre schön gewesen, hätte man mehr aus des protagonisten charakter gemacht ;) das ende war dann doch ziemlich beschleunigt, was echt schade war! lag denn die beschäftigung mit der eigenen psyche so fern?
This entire review has been hidden because of spoilers.
Profile Image for Nathanael.
18 reviews
April 13, 2021
grundsätzlich ein gutes buch. der reservierte schreibstil gefällt mir. allerdings habe ich das gefühl, dass es sich mittig bis ende aufgelöst hat und lediglich eine plumpe wiedergabe des geschehens im allgemeinen ist. erst in den letzten sätzen hat sich das wiedergefunden, was mir so gefallen hat. ich habe es dennoch genossen.
Profile Image for hand.verlesen.
230 reviews40 followers
January 28, 2023
Trotz des distanzierten Stils ließ sich das Buch für mich gut weglesen, doch das Leseerlebnis war nicht ganz rund. Die Geschichte wirkte irgendwie ziellos. Die Zeitsprünge gingen mir häufig zu schnell und ich hätte mir so manche Stelle lieber zeigen als erzählen lassen.
Displaying 1 - 30 of 38 reviews

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