In Autonomy Nicholas Brown theorizes the historical and theoretical argument for art's autonomy from its acknowledged character as a commodity. Refusing the position that the distinction between art and the commodity has collapsed, Brown demonstrates how art can, in confronting its material determinations, suspend the logic of capital by demanding interpretive attention. He applies his readings of Marx, Hegel, Adorno, and Jameson to a range of literature, photography, music, television, and sculpture, from Cindy Sherman's photography and the novels of Ben Lerner and Jennifer Egan to The Wire and the music of the White Stripes. He demonstrates that through their attention and commitment to form, such artists turn aside the determination posed by the demand of the market, thereby defeating the foreclosure of meaning entailed in commodification. In so doing, he offers a new theory of art that prompts a rethinking of the relationship between art, critical theory, and capitalism.
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Nicholas Brown is Associate Professor of English and African American Studies at the University of Illinois at Chicago, author of Utopian Generations: The Political Horizon of Twentieth-Century Literature, and coeditor of Contemporary Marxist Theory: A Reader.
In seinem 2019 bei Duke University Press erschienenen Werk Autonomy: The Social Ontology of Art under Capitalism widmet sich Nicholas Brown einer grundlegenden Frage, die bereits György Lukács vor über einem Jahrhundert stellte: „Kunstwerke existieren – wie sind sie möglich?“ Angesichts einer Gegenwart, in der die Reduktion von Kultur auf eine Ware allgegenwärtig erscheint, untersucht Brown, wie Kunst unter den Bedingungen des globalen Kapitalismus weiterhin einen Anspruch auf Autonomie und Bedeutung erheben kann.
Theoretisches Fundament: Kunst und Ware Browns Argumentation basiert auf einer Synthese aus marxistischer Ökonomiekritik – insbesondere dem Konzept der realen Subsumtion der Arbeit unter das Kapital – und der ästhetischen Tradition von Immanuel Kant, Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Michael Fried. Der Kern des Problems liegt für Brown im Charakter der Ware. Während der Gebrauchswert eines Hammers für dessen Existenz als Hammer entscheidend ist, scheint die Kommerzialisierung eines Kunstwerks dessen Status als Kunst zu bedrohen. Wenn ein Werk lediglich als Ware fungiert, dient es primär dazu, privates Interesse oder Marktnischen zu bedienen – statt eine immanente Bedeutung zu entfalten, die öffentliche Interpretation verlangt. Autonomie definiert Brown daher nicht als metaphysische Unabhängigkeit von äußeren Umständen, sondern als die Fähigkeit eines Werks, seine eigene Warenform innerhalb seiner ästhetischen Struktur zu suspendieren.
Die „List des Werks“ Diesen Prozess demonstriert Brown anhand verschiedener Kunstformen.
Fotografie und Film Er analysiert etwa die Serie Untitled Film Stills von Cindy Sherman, in der filmische Theatralik und der männliche Blick in die Bildstruktur integriert und zugleich unterlaufen werden. Die „near-documentary“-Fotografie von Jeff Wall nutzt den fotografischen Index, um soziale Widersprüche – etwa Klassengegensätze – sichtbar zu machen, ohne in bloße Allegorie oder marktförmige Sentimentalität zu verfallen.
Der Roman Anhand von 10:04 von Ben Lerner und A Visit from the Goon Squad von Jennifer Egan zeigt Brown, wie zeitgenössische Literatur das Risiko des Marktes bewusst eingeht, um es formal zu überwinden. Er spricht hier von der „List des Werks“, in Anlehnung an Hegels „List der Vernunft“: Die äußere Absicht – etwa ein Bestseller zu werden – wird durch die immanente formale Logik des Werks transformiert.
Musik Auch in der Popmusik findet Brown Beispiele ästhetischer Autonomie. Bands wie The White Stripes oder Künstler wie Caetano Veloso zeigen, wie formale Reduktion, Zitat und stilistische Brechung den rein konsumierbaren „Sound“ in eine musikalische Idee überführen können.
Fernsehen Ein Höhepunkt des Buches ist Browns Analyse der Serie The Wire. Er interpretiert sie als moderne Wiederkehr der tragischen Form: Genre-Konventionen – etwa der obsessiven Polizistenfigur – fungieren hier als bewusst angenommene Beschränkungen, durch die die strukturellen Mächte der Gesellschaft sichtbar werden. Institutionen wie Polizei, Gewerkschaften oder Verwaltung erscheinen als Kräfte, die individuelle Handlungsspielräume prägen und begrenzen.
Politische Implikationen Brown gelangt zu dem Schluss, dass die Behauptung ästhetischer Autonomie heute eine minimale, aber notwendige politische Geste darstellt. In einer Welt, in der nahezu alles als Marktphänomen erscheint, fordert das Kunstwerk ein Urteil ein, das weder auf persönlicher Neigung noch auf staatlichem Nutzen basiert, sondern subjektiv und zugleich universell sein soll. Das Buch endet mit einem Rückgriff auf die Figur des Odradek aus einer Erzählung von Franz Kafka – eine mögliche Verkörperung von Kants Idee der „Zweckmäßigkeit ohne Zweck“. Die Autonomie der Kunst verspricht keine unmittelbare politische Befreiung. Sie bildet jedoch einen Fremdkörper innerhalb der kapitalistischen Warenlogik – einen Ort, an dem Bedeutung weiterhin durch Form und Absicht entsteht, nicht durch den Preis.
Kunst, Bewusstsein und Realität Browns Verteidigung der ästhetischen Autonomie erinnert daran, dass Bedeutung nicht vollständig in ökonomischen Strukturen aufgeht. In dieser Hinsicht berührt sich seine Argumentation mit den Überlegungen von H. Chris Ransford in God and the Mathematics of Infinity sowie mit der neuropolitischen Perspektive von Liya Yu in Hirn statt Moral, die darauf hinweist, dass Wahrnehmung und Urteil stets auch Leistungen des Gehirns sind. Kunst erscheint damit als ein besonderer Ort, an dem sich Form, Bewusstsein und gesellschaftliche Ordnung gegenseitig spiegeln.
Schlusspointe Der Flakon von Chanel No. 5 auf dem Titelbild ist das perfekte Symbol der Warenwelt: elegant, begehrenswert, vollständig in Marke und Marktwert aufgehoben. Browns Argument erinnert jedoch daran, dass Kunst – anders als das Parfüm – ihre eigene Warenform reflektieren und unterlaufen kann. Wo die Ware nur Begehren erzeugt, zwingt das autonome Werk zur Interpretation.