"In 10 Schritten zum vaginalen Höhepunkt" - auch ich war etwas abgeschreckt vom Untertitel des Buchs, denn Selbstoptimierungslisten zu Sex kenne ich aus Frauenmagazinen der 2000er zur Genüge.
Andererseits: Davon auszugehen, dass beim Sex alles intuitiv und von selbst funktionieren muss, kann auch einschränken. Die "Sexocorporel"-Theorie, auf der das Buch fußt, geht davon aus, dass guter Sex lernbar ist. Und dem stimme ich wiederum sehr zu.
Ich habe das Buch von meiner Lektorin bekommen und es zunächst eher aus der Perspektive als angehende Autorin und Sexualberaterin gelesen. Nach und nach habe ich immer mehr auf mich selbst bezogen und reflektiert. Dabei wurde mir klar, dass es im Buch weniger um das Ziel des "vaginalen" Orgasmus geht, sondern um lustvolleren, intensiveren Sex allgemein. Der Ansatz der Autorin, die Vagina durch verschiedene Techniken und Selbstfürsorge zu sensibilisieren, finde ich total stimmig. Laut Autorin verarbeitet das Gehirn erst nach und nach das Lustempfinden und trainiert es somit, so wie wir es am äußeren Teil der Klitoris meistens schon länger "geübt" haben oder Männer an ihrem Penis.
Auch wenn ich glaube, meinen Körper schon sehr gut zu kennen, konnte ich viel mitnehmen und auch kritisch reflektieren, dass man sich nicht auf bestimmte Techniken oder Berührungen "festfährt" (das gilt für alle Geschlechter).
So toll das Buch also auch für Fortgeschrittene funktioniert, so denke ich, dass es für "absolute Beginner" mit großen Hemmungen nicht am richtigen Punkt ansetzt. Bei der Selbstbefriedigung heißt es mehrmals "Mach einfach, was sich gut anfühlt" - wer aber noch nie masturbiert hat und große Scham oder Scheu davor hat, bräuchte hier meiner Meinung nach andere, behutsame Übungen zum Einstieg. Aber dafür gibt es andere tolle Bücher.
Wer nun sagt: Den vaginalen Orgasmus gibt es nicht, die Klitoris ist immer beteiligt und sie liegt auch innerhalb des Körpers - keine Sorge, das stellt die Autorin auch zu Beginn des Buchs klar. Dass es eine seltene Ausnahme dazu gibt und eine Studie zum Vagusnerv, hat mich im Buch überrascht und werde ich noch genauer nachlesen.
Ich hatte direkt davor "Come as you are" von Emily Nagoski gelesen, was einen ganz anderen Ansatz hat. Dort geht es sehr viel um Überwindung von Scham und Selbstzweifeln, und es gefühlt hundertmal im Buch, dass man normal und beautiful so ist, wie man ist. Auch ein sehr wichtiges Buch, das ich an anderer Stelle rezensiert habe, aber ich persönlich fühlte mich nicht immer abgeholt. Weil ich manchmal eben doch gern was dazulerne - auch beim Sex- , auch wenn ich mich schon normal und schön fühle.
Vermutlich soll der (Unter-)Titel dieses Buchs erst einmal Leute "catchen" und auf ein klares Ziel hinführen. Dahinter wartet keine kalte Selbstoptimierung, sondern immer wieder liebevolle Reflexionen, Ermutigungen und auch die Klarstellung: Nichts muss, aber alles kann. Das heißt: Wer keinen Orgasmus bei der Penetration hat und damit happy ist, kann genauso glücklich weiterleben. Wer aber Lust hat, die Vagina weiter zu sensibilisieren und das Körpergefühl zu stärken (egal, ob mit oder ohne Höhepunkt), wird mit dem Buch auf jeden Fall Freude haben.
Einen Stern ziehe ich ab, weil das Buch heteronormativ ist und ich die gewählten Begriffe nicht immer super finde. Und in Bezug auf männliche Masturbation hat mich gewundert, dass sie keine Sextoys für Penisse empfiehlt, sondern nur eine andere Bewegung. Ich habe den Eindruck, dass sie das vielleicht noch nicht so auf dem Schirm hat (dabei gibts inzwischen echt eine gute Auswahl) oder auch dem Klischee aufsitzt, dass Sextoys für Frauen / Menschen mit Vulva sind.