Der Name Carolin Emcke lief mir das erste Mal über den Weg, als sie einen Friedenspreis gewonnen hat, und sich in einer (anscheinend - ich habe sie nicht gehört/gesehen/gelesen) flammenden Rede gegen die Übel unserer Zeit ausgelassen hat.
"Gegen den Hass" ist ein Buch, das ich so wohl nicht "angerührt" hätte, ich es aber im Zuge eines Abos lesen "musste". (So tauchen oft die besten Perlen auf!)
Von Anfang bis Ende hat mich der Schreibstil von Emcke mitgerissen, sie kann unglaublich gut formulieren, und ist wirklich stringent in ihrer Ausdrucksweise; sie fällt an keiner Stelle ab (meiner Empfindung nach). Leider musste ich aber auch noch bei keinem anderen Buch so oft mein Fremdwörterbuch zu Rate ziehen, denn ihren philosophischen Schlag lässt sie wirklich gnadenlos raus.
Das Buch fing eigentlich ganz gut an, mit einer Einführung, was Hass eigentlich ist, und wie er sich verbreitet, und auf wen er abzielt. Dann aber driftet die Autorin eine ganz eigene Wutrede hinein, von der zwei Drittel den rechten Hass behandelt, das letzte Drittel den Hass gegen Homosexuelle und Transmenschen. Vor allem beim rechten Hass bügelt sie jede Person rigoros ab, die sich irgendwie gegen Flüchtlinge wendet - ob das der besorgte Opa ist, der das soziale Gefüge in Gefahr sieht, bis hin zum Neonazi, der ein Flüchtlingsheim anzündet. Sie beschreibt den Tod eines Schwarzen in Amerika, was für sie insgesamt symptomatisch ist für die - nach wie vor - "guten" Weißen und "bösen" Schwarzen, für die Herrschaft der einen über die anderen. Die letzten Kapitel über Homophobie in allen Formen und Arten sind ein Textfluss, der sich zwar sehr nett anhört, aber irgendwann hatte ich persönlich das Gefühl, in einem Hamsterrad fest zu sitzen. Es läuft irgendwie auf nichts hinaus, ausser dass man Menschen, die anders lieben, halt nicht hassen soll...
Es gutmenschelt sehr in diesem Buch, in dem der größte Minuspunkt für mich das Fehlen der Ausgewogenheit war. Die unglaublichen Übergriffe von Flüchtlingen in der Silvesternacht wird bei ihr, genauso wie das gelebte Frauenbild dieser Männergruppe(n), in ein, zwei Sätzen abgehandelt, während sie sich gleichzeitig über eine Asylunterkunftblockade seitenlang in allen Details auslässt. Dass sie Menschen auf eine Stufe mit stumpfen Nazis stellt, die nach jahrzehntelangen Maloche- und Steuerpflichten nun mit Sorge auf die Finanzierung dieser Massenzuwanderung reagieren, finde ich schlicht eine Frechheit. (Diese Auswirkungen erlebe ich persönlich überigens jeden Tag in meiner staatlichen Arbeitsstelle.)
Beim Hass auf Schwarze verfährt die Autorin ähnlich.
Beim Hass auf Homosexuelle und Transsexuelle verliert sich die Autorin dann etwas in ihren Ausführungen.
Alles in allem ein wirklich sehr gut geschriebenes Buch (stilistisch), dem es leider an Differenziertheit fehlt und viel zu sehr mit dem erhobenen Zeigefinger daherkommt. Trotzdem bin ich neugierig auf die Autorin geworden, und schaue mal, was sie sonst noch so geschrieben hat.