Das Buch lässt sich für mich nicht getrennt von seiner Wirkungsgeschichte bewerten: Ich habe kaum Predigten von Keller gehört, aber viele Predigten von Menschen, die Homiletik von Keller gelernt haben. Neben dem empfehlenswerten zweiten Teil zur Kontextualisierung, sehe ich drei Probleme im ersten Teil:
1. Ein pragmatisches Problem: Kapitel 2 trägt die Überschrift "Das Evangelium predigen - immer". Viele 3-Punkte-Predigten, die ich gehört habe, endeten damit mir die Grundlagen des Evangelium zu erklären. Es war letztlich egal, was der Text war, er diente am Ende nur als Sprungbrett, um mir die Grundlagen des Evangeliums zu erklären. Keller warnt zwar davor, Christus zu predigen, ohne über den Text zu predigen (64-66), doch habe ich das leider zu oft erlebt. Dadurch wurden die Predigten vorhersehbar und langweilig.
2. Ein systematisch-theologisches Problem: Das pragmatische Problem sehe ich verankert in einem systematisch-theologischen Problem. Ohne Frage ist Jesu Sühnetod und seine Auferstehung das Zentrum der Theologie. Es entsteht jedoch der Eindruck, dass Keller die Theologie darauf reduziert. Die Vielfalt und der Reichtum an theologischen Lehren würde damit verkannt werden. So überwiegt z.B. die Perspektive des "schon jetzt" durch Jesu Kreuzestod. Die Perspektive des "noch nicht", das die Erfahrungen von Leid und Ungerechtigkeit einschließt, verbunden mit einer eschatologischen Hoffnung auf endgültige Erlösung und Gericht, finden in diesem Buch keine Erwähnung.
3. Ein biblisch-theologisches Problem: Aufgrund einer Reduktion der Theologie auf Christus und seinen Sühnetod plädiert Keller daher auch dafür, jede Gattung, jedes Thema, jede Person, jedes Symbol und jedes Ereignis typologisch auf Christus hin zu predigen (Kapitel 3, 67-84). Gerade als Alttestamentler habe ich da große Anfragen.