Mal wieder dachte ich fälschlicherweise, ich könnte einfach einen unterhaltsamen, wenig anspruchsvollen Jugendroman konsumieren, mal wieder wurden meine nicht vorhandenen Erwartungen unterboten. Natürlich erfüllt der Roman alle Klischees, die man so erwartet, die Protagonistin mit dem androgynen Namen, die eine Männerrolle übernimmt, um ihre Geschwister zu schützen, die Arena, in der die mörderischen Gladiatorenkämpfe aufgeführt werden, die Romanze mit dem übernatürlichen Bad Boy, etc., aber leider konnte das Buch es nicht lassen, auch noch mit unschönen bis widerlichen Implikationen um sich zu werfen.
Relativ weit am Anfang heißt es, Moon habe ihren besten Freund Alessio dazu gedrängt, mit ihr zu schlafen, bis er schließlich eingewilligt hat, um gezielt ihre Jungfräulichkeit zu verlieren – Autsch! Das nennt man sexuelle Nötigung! Man stelle sich das Ganze mit umgekehrten Geschlechterrollen vor!
Gleich darauf heißt es, Alessio würde sich verhalten, als würde er mit ihrem Jungfernhäutchen auch Moon selbst besitzen. Wie widerlich ist das denn?! Tolles Frauenbild! Und in Bio gibt es auch eine 6, ein Jungfernhäutchen kann man nicht irgendwem anders geben, damit der es dann besitzt! Überhaupt ist Jungfräulichkeit nichts weiter als ein kulturelles Konzept, eine Person egal welchen Geschlechts, die schon mal Sex hatte, ist auf keine Weise anders als eine, die noch nie Sex hatte, es hat nichts mit ihrem Wert oder ihrer Unabhängigkeit zu tun und ich hasse, dass Bücher wie dieses leicht zu beeindruckenden Teenagern etwas anderes zu vermitteln versuchen! Leute, ihr könnt euer erstes Mal zu jedem Zeitpunkt und unter allen Umständen haben, die ihr wollt (und auch, die euch aufgezwungen werden, wie man leider dazu sagen muss), es sagt ÜBERHAUPT NICHTS über euren Wert als Mitglied eures Geschlechts oder generell als Mensch aus oder darüber, wie sehr ihr irgendwas verdient oder nicht!
Natürlich kackt Moon auch viel auf Femininität im Allgemeinen, so lässt sie sich beispielsweise nicht bei ihrem echten Namen, Luna, nennen, weil das angeblich nach einem Mädchen klänge, das sich nur für Kleider interessiere. Büääh, man stelle sich nur vor, man würde sie für ein Mädchen halten, das Mädchensachen mag! Wie peinlich wäre das denn?! Merke: Wenn sich ein Mädchen nicht benimmt wie ein Junge, von der Narration behandelt wird wie ein Junge und alles Mädchenhafte hasst, ist es nicht würdig, eine Protagonistin zu sein! [/sarkasmus]
Zudem hat Moon einen größeren Hass auf die Menschen, die sich den Engeln zum Selbstschutz beugen, als auf die Engel selbst. Sie scheint nie über die Implikationen nachzudenken und dass diese Menschen nur das gleiche wollen wie sie: Durch Egoismus überleben. Zeigt ihr hingegen ein einziger Engel ein bisschen grundlegende Nettigkeit, muss man quasi gleich den Boden anhimmeln, auf dem er geht. Grässlich.
Dann die Geschwister. Dass Tizian endlos infantilisiert wird, ist schlimm genug, ständig werden sein kindliches Gesicht und seine piepsige Stimme erwähnt, dabei ist der Junge immerhin zwölf in einer postapokalyptischen Welt. Ich lebe mit einer Zwölfjährigen zusammen, die kommt jeden Tag alleine von der Schule heim, weil ihre Mutter dann noch ein, zwei Stunden arbeitet, macht selbstständig Hausaufgaben und sich auch manchmal selber Essen. Mit zwölf ist man kein Baby mehr und in einer Welt, in der man tagtäglich ums Überleben kämpfen muss, ist es auch einfach verantwortungslos, einen Zwölfjährigen nicht auf das harte echte Leben vorzubereiten, weil man zu beschäftigt ist, darüber zu gurren, wie niedlich und unschuldig er doch ist.
Star jedoch schlägt dem Fass die Krone ins Gesicht. Nun ist es ja schlimm genug, wenn die Protagonistin ein Geschwister als drolliges, inkompetentes, wehrloses Prinzesschen behandelt, für das sie alles auf sich nimmt, welches jünger ist als sie – siehe Katniss mit Prim für das Ur-Beispiel im dystopischen Genre – aber Star ist Moons Zwillingsschwester, oder, in anderen Worten, exakt genauso alt wie sie selbst. Trotzdem fühlt Moon offenbar das Verlangen, uns ständig zu erzählen, wie zart, zerbrechlich und feengleich Star doch ist und wie dringend sie beschützt werden muss, wie einzigartig und zauberhaft sie mit all ihren kleinen Eigenheiten ist. Nun gibt es da ein Problem: Star ist neurodivers. Das wird von Anfang an klar und mir hat sich von Anfang an der verdacht aufgedrängt, dass Star eine miese Darstellung von Autismus hat, aber weil man sich als Autor heutzutage offenbar nicht mehr zu Recherchen herablassen muss, kriegen wir als vollständige Erklärung nur, dass Star „gewisse Anzeichen auf das Asperger-Syndrom“ zeige. Nicht nur ist Asperger-Syndrom eine obsolete Diagnose, und das schon seit 2013, von welchem Zeitpunkt an jede Form von Autismus unter Autism Spectrum Disorder oder kurz ASD zusammengefasst wird, sondern das mit den „gewissen Anzeichen“ ist auch Schwachsinn und nährt die toxische „Jeder ist ein bisschen autistisch!“-Narrative, mit denen echte Autisten invalidiert und unter deren Vorwand sie nicht ernst genommen werden. Jemand ist entweder autistisch oder ist es eben nicht. Aber ich nehme an, dass das nur eines der Symptome auf Recherche-Unlust seitens Frau Woolfs ist, denn auch Stars eigene Symptome sind querbeet: Einerseits ist Star die Ober-Klischee-Autistin, sie verlässt nie das Haus, hat nur sehr eingeschränkten zwischenmenschlichen Kontakt, muss stets ihre Hände in Bewegung halten (aber natürlich nur graziöser Bewegung, anders als bei echten Autisten), hat ein Gehirn wie ein Speicherchip und merkt sich den Inhalt kompletter Bücher auswendig, beschäftigt sich gern kreativ in der Form von Zeichnen und Mosaik, hasst es, wenn Orte, Umstände oder die Platzierung von Gegenständen sich ändern, isst nur bestimmte Sachen in bestimmter Anordnung und ist komplett nonverbal.
(Weil das noch nicht doll genug ist, musste die Sprecherin des Hörbuchs Stars in Zeichensprache kommunizierte Sätze auch noch sehr laut, langsam, abgehackt und ein klein bisschen dämlich vorlesen – bloß nicht implizieren, dass Star irgendwie kompetent wäre!)
Nicht nur wären viele davon, gerade die Nonverbalität, zu krass, als dass Star jemals mit dem Asperger-Syndrom diagnostiziert worden wäre, sondern einige dieser Symptome sind einfach nicht typisch autistisch, wie dass sie jeden Bissen exakt neunzehnmal kaut, was eher nach einer Zwangsstörung klingt. Andererseits gehen Star viele „klassische“ Symptome von Autismus ab, so hat sie offenbar kein Problem damit, Augenkontakt zu halten, Körperkontakt zu suchen, Sinneseindrücke wahrzunehmen oder sich in Gruppen von Menschen aufzuhalten. Klar ist bei jedem Autisten die Zusammenstellung und Ausprägung der Symptome etwas anders, nicht umsonst spricht man schließlich von einem Spektrum, aber hier erscheint das alles so planlos, dass es mir schwer fällt, zu glauben, dass die Autorin sich auch nur zehn Minuten lang ernsthaft mit Autismus auseinander, geschweige denn vielleicht mal mit echten Autisten in Verbindung gesetzt hat. Wie um das zu beweisen, erklärt Moon nämlich auch hastig, dass Star nicht das autistische Symptom der Empathielosigkeit aufweisen würde. Dieses so genannte „Symptom“ ist ein schädliches Klischee, das eigentlich auch schon längst widerlegt ist: Autisten sind überdurchschnittlich oft hyperempathisch, sie sind im Großen und Ganzen viel mitfühlender als Allisten oder zumindest nicht weniger mitfühlend, sie können nur Gesichtsausdrücke und Körpersprache nicht gut lesen.
Und um diese erwachsene Frau, die keine bis kaum Anzeichen darauf zeigt, dass sie nicht allein zurechtkommt und mindestens genauso intelligent ist wie sie selbst, flattert die gleichaltrige Moon herum wie eine Glucke, blubbert darüber, wie verletzlich und besonders sie doch ist, dass sie dringend einen Beschützer braucht… kurz, infantilisiert sie bis zum Dahinaus, stellt sie als geringer, als nicht gleich gut, als fast eine andere Spezies dar. Dabei klopft sie sich selbst auch noch ausgiebig auf die Schulter dafür, wie toll sie doch dafür ist, die Eigenheiten ihrer Schwester so brav und tapfer zu akzeptieren, als sollte das irgendetwas anderes als eine Selbstverständlichkeit sein.
Moon setzt dem Ganzen dann auch noch das Sahnehäubchen mit Kirschkrone des Ableismus auf und bezeichnet die Neurodiversität ihrer Schwester als „Krankheit“.
Ja. Du mich auch, Moon.
Ich hab noch mehr Kritikpunkte, aber das ist hier egal. Es ist auch egal, was noch kommt, denn nichts, was noch passiert, könnte diese Widerlichkeiten irgendwie wieder ausmerzen. Ein Stern und ein hoch ausgestreckter Mittelfinger von mir.