Kein Ereignis der Kieler Stadtgeschichte hat den Gang der deutschen, gar der europäischen Geschichte so verändert wie der Aufstand der Matrosen und Arbeiter in Kiel 1918. Mit ihm begann die Revolution, die das Deutsche Kaiserreich innerhalb weniger Tage zum Einsturz brachte. Martin Rackwitz hat für "Kiel 1918" zahlreiche neue Quellen erschlossen. In seinem Buch lässt er die Originalstimmen der Zeit zu Wort kommen und dokumentiert dabei ebenso detailreich wie lebendig die Ereignisse der Novembertage 1918 in Kiel.
Zuerst möchte ich beantworten, warum ich glaube, dass daraus (nicht alleine aus dem Stoff, sondern aus der Art und Weise wie der Autor dieses Thema anpackt) ein Film gemacht werden sollte. Die Heransgehensweise in der ersten Beschreibung des Aufstandes ist chronologisch, fast Bulletin-artig und da eine Betonung auf die mundpropagandistische Übertragung von Informationen und die nur schwachen Korrektive der ebenfalls ideologisch gefärbten Tageszeitungen liegen, hat sich in meinem Kopf sofort eine cineastische oder zumindest dokumentarfilmische Möglichkeit gebildet, die Atemlosigkeit und das Chaos der Tage der Revolution darzustellen. Gerade diese Wechselwirkung zwischen politischen Machtkämpfen, den Versuchen den Aufstand zu kontrollieren, der Kontrollverlust auf der Höhe des Aufstandes wäre interessant in einer hektischen wie filmischen Aufarbeitung. Dem Autor gelingt es, dieses hektische Gefühl, die Überforderung aller Beteiligten (von den Reichsgranden bis zu den Arbeitern), die Ziellosigkeit, das Überbordende und deswegen auch irgendwann Scheiternde einzufangen.
Rackwitz macht das geschickt, dass er erst den Rahmen steckt, aus dem das Chaos entspringt, dann einen das Chaos chronologisch erleben und teils miterleben lässt (eben nicht durch schwere Beschreibung, sondern durch den Bulletin-artigen Stil), und abschließend in den nächsten Parts diese chronologische Abfolge aufarbeitet und die Folgen daraus beobachtet und beschreibt.
Rackwitz macht sich auch die Mühe, die unterschiedlichen Positionen darzustellen, beachtet die Grundzüge der Quellenkritik und wägt die jeweiligen Positionen gegeneinander ab. Es ist kurzweilig und gut geschrieben, hat genügend Tiefe, um sich wissenschaftlich streiten zu können (wenn man will) und ist trotzdem geschlossen genug, um einfach durchgelesen zu werden.
Es ist also sowohl in seiner Konzeption, in seiner Umsetzung und in seinen Details ein stimmiges wie empfehlenswertes Werk. Und es ist auch politisch gefärbt, woraus der Autor keinen Hehl macht. Es ist demokratisch zu lesen. Auf eine sehr angenehme Art und Weise. Der Autor ist aber nicht nur lobpreisend, sondern auch warnend genug. Deutet gerade im Bereich derartiger Umschwünge die Schwierigkeiten an; ja, implizit geht er sogar weiter.
Ohne zu weit ins Detail zu gehen: Ich war von dem Werk recht angetan.