1949, ein deutsches Entnazifizierung, Wiederaufbau, Staatsgründung, Demokratisierung
»Christian Bommarius ist ein großartiger Erzähler, er macht die Nachkriegsgeschichte so lebendig, dass man erschrickt. Man erschrickt deshalb, weil unsere Gesellschaft so viel hätte lernen können, aber so wenig gelernt hat.« Heribert Prantl, Kolumnist und Autor der Süddeutschen Zeitung
1949 ist das Jahr der doppelten Staatsgründung und des Beginns der zweiten Demokratie auf deutschem Boden. Die ersten Bundestagswahlen bringen Konrad Adenauer ins Kanzleramt, Theodor Heuss wird Bundespräsident, Bonn Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland. In der DDR wird Wilhelm Pieck Präsident, Ministerpräsident Otto Grotewohl.
Christian Bommarius erzählt so kundig wie kurzweilig die Geschichte des langen Jahres 1949. Dieses setzt bereits 1948 ein, als mit Währungsreform – die sich 2023 zum 75. Mal jährt – und Auftrag zur Verfassungs-Bildung die Weichen in Richtung Bundesrepublik gestellt wurden. Und 1948 blockiert auch die Sowjetunion den Zugang zu West-Berlin, eine Blockade, die fast ein Jahr andauert, die abgeschnittene Stadt kann nur durch die Luftbrücke der Alliierten mit dem Lebensnotwendigen versorgt werden.
Bommarius schildert zentrale und marginale Episoden aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Alltagsleben. Sein Sachbuch ist ein buntes Panoptikum der frühen Bundesrepublik Deutschland – und birgt eine höchst aktuelle Botschaft: Demokratisches Denken und Handeln muss immer wieder gegen Widerstände gelebt werden, damals wie heute.
»Christian Bommarius' großes Panorama der Nachkriegsjahre verstört und ist zugleich ein stilistischer Genuss, von dem man nicht mehr loskommt. Nie ist so klug, komisch und kompromisslos über diese Zeit geschrieben worden.« Karina Urbach, Institute of Historical Research, University of London
Der Titel führt leicht in die Irre. Christian Bommarius beginnt 1949 nicht mit einem Silvesterfeuerwerk, sondern im Juni 1948 – mit der Währungsreform. Denn hier, in diesem ökonomischen Einschnitt, beginnt das neue Kapitel deutscher Geschichte tatsächlich. Es ist eine kluge Entscheidung: Die Staatsgründungen vollziehen sich 1949, aber der tiefere Umbruch beginnt früher – schleichend, tastend, widersprüchlich. Bommarius erzählt davon mit feinem Gespür für das Verborgene im Sichtbaren. Das Jahr 1949 steht für das Ende der Nachkriegszeit und den Beginn von zwei deutschen Staaten. Die Bundesrepublik im Westen, die DDR im Osten. Doch das Buch will mehr als zwei Gründungsakte beschreiben. Bommarius geht es nicht um einen heroischen Gründungsmythos, sondern um ein gesellschaftliches Panorama. Er zeigt, wie Institutionen entstehen – aber auch, wie Menschen in diesen Übergang hineingeworfen werden. Wie aus Erschöpfung System wird. Wie Alltag und Ideologie nebeneinander existieren. Der Autor folgt dem Kalender, aber nicht starr. Sein Zugriff ist chronologisch, ohne mechanisch zu sein. Er gleicht eher einer musikalischen Partitur: Themen tauchen auf, verschwinden, kehren zurück. Debatten flackern auf – über Verfassung und Erinnerung, über Schuld und Versorgung, über Pressefreiheit und NS-Prozesse. Manche Töne sind laut, andere fast unhörbar, aber alle gehören zum Gesamtbild. Bommarius verzichtet auf die großen Thesen – und lässt stattdessen die Vielzahl der Stimmen für sich sprechen. Bemerkenswert ist die Spannbreite des Stoffes: Politik, Recht, Medien, Wirtschaft, Kultur, Wohnungsnot, Strafprozesse, Frauenbilder, Pressezensur – nichts wird hier isoliert betrachtet. Der Wiederaufbau ist bei Bommarius kein technisches Programm, sondern eine gesellschaftliche Suchbewegung. Zwischen Lagerberichten und Bundestagsreden, zwischen Kinoplakaten und Gerichtsverhandlungen wird sichtbar, wie fragil dieser neue Anfang war. Der Ton bleibt dabei zurückhaltend, manchmal lakonisch. Keine inszenierte Dramatik, keine belehrenden Kommentare. Und doch ist Haltung spürbar. Bommarius benennt das Fortwirken alter Eliten, das Schweigen über Schuld, die Zähigkeit des autoritären Erbes – ohne zu polemisieren. Er schreibt nicht als Richter, sondern als Chronist mit moralischer Aufmerksamkeit. Genau das macht das Buch so überzeugend: Es urteilt, ohne zu verurteilen. Fazit: 1949 ist kein Geschichtsbuch im klassischen Sinn, sondern eine literarisch komponierte Chronik eines Jahres, das sich nicht auf Gründungsdaten reduzieren lässt. Bommarius macht sichtbar, wie viele Widersprüche, Ängste, Kompromisse in diesen Neubeginn eingeschrieben waren. Und er erinnert daran, dass Geschichte selten aus Entscheidungen besteht – sondern aus Bewegungen, Widerständen, Unschärfen.
Ein Werk aus Teilen von Lebensgeschichten der Nachkriegszeit welches die Justiz, die Universitäten etc. mit vielen weiter bestehenden NS-Leuten zeigt... Hat mich geschockt, aber nachträglich auch irgendwie nicht überrascht, wie viele Nazis weiterhin noch da waren. Vor allem aber haben mich die teils lächerlichen Begründungen für die Freilassung/Minderbelastung der NS-Täter geschockt. Hat mich zum Nachdenken angeregt. Geschichte ist wichtig :)
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