Quer durch alle gesellschaftlichen und politischen Lager heißt es immerzu: „Haltung zeigen". Klingt erst mal gut - doch bei genauerem Hinsehen entlarvt sich dieser Appell häufig als hohle Phrase. Haltung manifestiert sich nicht, indem man sie zeigt, sondern hat. Und dort, wo eine Gesellschaft keine gemeinsame Haltung hat, kann sie auch keine zeigen. Gerade angesichts des Erstarkens der Antidemokraten und ihres Getöses kommt die politische Kolumnistin Mely Kiyak zu dem Schluss, dass Haltung ein persönlicher Kompass ist. Und der sagt ihr: Es gibt eine Zeit, da muss man die Stimme erheben. Und eine Zeit, da man zu härteren Mitteln greifen muss: leise sein.
„Was muss in Deutschland eigentlich passieren, damit eine rechtsextreme Partei im Bundestag verboten wird?“ (S. 14), fragt die Autorin schon 2018. Reden über und mit der rechtsextremen Partei hält sie schon vor sieben Jahren für verspätet: „Dass man denjenigen, die unsere Freiheit und Demokratie bedrohen, keinen Zentimeter Land überlassen darf, dass man sich ihnen rhetorisch-argumentativ entgegenzustellen hat – völlig richtig. Ich sehe das genauso. Allerdings als Präventivmaßnahme.“ (S.10) Inzwischen sei es an der Zeit, öfter mal durch Schweigen Haltung zu zeigen: „Es gibt eine Zeit des Redens, da ist jedes Wort richtig, wichtig und wahr. Und es gibt eine Zeit, da sind die gleichen Worte nur noch wie Pfeile, die man gegen sich selbst richtet.“ (S. 57) Stattdessen gelte es, Konsequenzen aufzuzeigen: „Der Schlüssel ist, die Methode Widerspruch ohne Konsequenz in Widerspruch durch Konsequenz zu ändern.“ (S. 12)