Hätte sich Dostojewski entschlossen, aus dem Reich der Toten zurückzukehren und Charles Webbs „The Graduate“ (verfilmt als „Die Reifeprüfung“ mit Dustin Hoffman) auf den Kopf zu stellen und neu zu schreiben, um zu zeigen, welches Potential in diesem Stoff liegt, er hätte „Ein letzter Sommer“ geschrieben.
Der Ich-Erzähler Daniel Price, 17 Jahre alt, absolviert seinen High-School-Abschluss, verliebt sich zum ersten Mal und macht seine ersten sexuellen Erfahrungen. Dies sollte die schönste unbeschwerte Zeit seines Lebens sein; oder?
Endlich hat man den Schulabschluss und möchte das Versprechen einlösen, dass damit alle Türen offen stehen, und nun? Daniel und seine Freunde Larry Misiora und Billy Freund haben keine Vorstellung, was sie mit ihrem Leben nach der Schule anfangen wollen. Der Traum der Ringerkarriere ist ausgeträumt und ein Studium an der Universität kommt für diese Söhne einfacher Eltern nicht in Betracht. Willkommen im East-Chicago des Jahres 1960, das keinen Platz für Helden hat. Jobs gibt es genug, aber keiner davon spricht einen jungen Menschen an, der (noch) etwas vom Leben erwartet.
Doch die Frage der Berufswahl tritt für Daniel in diesem Sommer nach dem Schulabschluss einstweilen zurück, denn sein Leben dreht sich um zwei Menschen, die seine ganze Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Da ist die schöne, aber eigensinnige Rachel, die zu sehen alles ist, was Daniel sich wünscht, und da ist der an Krebs sterbende Vater, der wie eine schwarze Wolke Daniels Leben verdunkelt.
Tesich beschreibt die Gefühlswelt des jugendlichen Protagonisten glaubwürdig und großartig. Die (Schuld)Gefühle gegenüber seinem Vater, die vom unterdrückten Wunsch verstärkt werden, dieser möge sterben, damit Daniel ein freies, glückliches Leben führen könne; die Unbedingtheit, mit der er sich in Rachel verliebt, nur noch für sie da sein möchte und schon bald, ohne wirklich etwas von ihr zu wissen, an Heirat denkt; all die Selbsttäuschungen, das Wegsehen und sich belügen, um dem eigenen Leben etwas Schicksalhaftes zu verleihen.
Daniels Elternhaus wird mit so unheimlicher Akkuratesse beschrieben, dass es schwer fällt sich vorzustellen, dass einige der geschilderten Details nicht biographischer Natur sein sollten. Ich kann mir Daniels Familie so gut vorstellen! Die willensstarke Mutter, eine jugoslawische Einwanderin, groß, gutaussehend, zupackend, durch keine intellektuellen Fährnisse geschwächt, dem Vater im tagtäglichen Leben so unvorstellbar überlegen. Dagegen der Vater: kleinwüchsig, verbittert, bar jeder Lebensfreude. Und gequält von der Frage, ob diese Frau ihn je geliebt, je für ihn gelächelt hat?
Hat er sie nur einmal wirklich zum Lächeln gebracht, hat nur einmal ihr Lächeln wirklich ihm gegolten? Als der Vater im Sterben liegt, glaubt er daran nicht mehr. Schlimmer aber noch ist die Horrorvorstellung, er hätte seine Lebensuntüchtigkeit, die Unfähigkeit, Glück zu empfinden und anderen zu vermitteln, auf seinen Sohn vererbt.
Der Anruf des Vaters aus dem Krankenhaus, mit dem er Daniel aus seinen Tagträumereien weckt, um ihm, der den Sterbenden nicht ein einziges Mal im Krankenhaus besucht hat, mitzuteilen: „Ich lebe noch“ könnte direkt aus einem Horrorfilm stammen. Gefolgt von Daniels Schrecken, als sein Vater aus dem Krankenhaus entlassen wird und zum Sterben nach Hause kommt, weil die Versicherung nicht mehr zahlt. Dabei hat Daniel nur Rachel im Sinn, während zugleich der moralische Druck auf ihn wächst, sich um den Vater zu kümmern. Durch eben diesen Vater sieht Daniel sich konfrontiert mit Schuldvorwürfen, Zweifel und Leid. Wie ein böser Seher prophezeit er Daniel, dass dieser gleich ihm nie mit einer Frau glücklich werden wird.
Und nun Rachel, Daniels erste große Liebe. Eine ans neurotisch grenzend sprunghafte, eigensinnige junge Frau, schön und geheimnisvoll, die Daniel in einem Moment Nähe gewährt, ihn im nächsten aber schon wieder auf Abstand hält. Die von sich selbst fast nichts verrät und erst in Daniels Kopf für ihn greifbar wird, wenn er versucht, ihre widersprüchlichen Verhaltensweisen und Signale für sich zu deuten. Ja, da ist die Einmaligkeit der ersten Liebe zu spüren (wie sagte ein Zyniker: „Nichts ähnelt einer großen Liebe so sehr wie eine andere große Liebe“), doch bald gesellt sich Erniedrigung hinzu.
Gleich seinem Vater, der angesichts des Todes um ein Zeichen der Liebe bettelt, bettelt Daniel nun im Angesicht der Liebe um ein Lächeln, ein Lächeln, das ihm und nur ihm gilt. Und so erzählt „Ein letzter Sommer“ dann auch von Lebenseinsamkeit und Freiheit, der Notwendigkeit, den eigenen Weg zu gehen, entweder in Bitterkeit oder vergebend. Das klingt alttestamentarisch, ist von Tesich aber doch aus der Sicht eines jungen Mannes geschildert. „Freiheit war ein welkes Blatt, das die Straße hinunter geweht wurde, und ich wollte mit etwas, mit jemandem verbunden sein. Besser Schmerz als nichts. Lebenslange Freiheit war eine Schreckensvorstellung, auf die ich mich noch nicht einlassen konnte.“
„Ein letzter Sommer“ wartet nicht mit Handlungselementen wie „The Graduate“ auf, hier wird keine Braut vom Altar entführt, und darum werde ich in der Rezension auch nicht näher auf die Frage eingehen, wie sich die Liebe zwischen Rachel und Daniel entwickelt, denn das, was der Roman an „Spannungselementen“ hat, soll hier nicht gespoilert werden. Die großen Qualitäten des Romans liegen hauptsächlich im Sprachlichen und in der Gestaltung und Entwicklung der Figuren. Der Plot ist das Vehikel, mit dem Tesich dieses transportiert. Reine Handlungsleser werden den Roman möglicherweise etwas langatmig finden und alles andere als erheiternd.
Mich hat Familie Price sehr berührt, und ein kleines Bekenntnis will ich an den Schluss der Rezension stellen. Der Ich-Erzähler Daniel ist die Figur, mit der sich der Leser vermutlich am ehesten identifizieren wird und soll. Gleichwohl hat mich auch die Vaterfigur sehr berührt und nachdenklich gemacht, auch dann noch, als der Vater vom Krebs zerfressen bösartig und alles vergiftend zur Last wird und das Familienleben wie eine schwarze Wolke verdunkelt. Neben seinem großartigen Gespür für Dramatik und Dialog hat Tesich jeder seiner Figuren ihr Existenzrecht zugebilligt, keine Figur wird zum Abziehbild, und der Leser ist frei zu entscheiden, wem seine Sympathien gelten.