Ein Karniveur und Gentleman oder Der im Irrgarten der Barbarei herumtaumelnde Kavalier
Einen Pulp-Roman zu bewerten ist so eine Sache und eine leichte dazu, wollte man BEYOND THIRTY mit einem Stern abstrafen. Man kan soetwas tun, zumal dieser nicht zu ERBs großen Romane zählt. So manches ist hier nicht gelungen und die Fehler wiegen nicht leicht. Ein Held, so wenig charismatisch wie der deutsche Durchschnittspolitiker, eine Handlung, die viel Potential verschenkt und ERB-typisch zu einem überstürzten Ende kommt: einen Orden gewinnt der Autor dafür nicht, und wir sind nicht überrascht, dass sein Verleger die Herausgabe zunächst ablehnte.
Und doch!
SCIENCE FICTION!
BEYOND THIRTY, während des Ersten Weltkriegs geschrieben und 1916 erstveröffentlicht, als Woodrow Wilson im amerikanischen Wahlkampf beworben wurde mit dem Slogan „He kept us out of war“, ist eine der frühen Arbeiten von ERB. Es gab lange Zeit nur zwei Nachdrucke, eine limited edition bei Bradford Day (1957) und eine gekürzte ACE-Ausgabe unter dem Titel THE LOST CONTINENT.
ERB schildert in diesem „If-this-goes-on“-Subgenre der SciFi die möglichen Konsequenzen eines großen Krieges rückblickend aus dem Jahre 2137.
Während Amerika sich wegen des Weltkrieges seit zwei Jahrhunderten von Europa isoliert hat, herrschen dort inzwischen Barbarei und Gewalt. Als „cordon sanitaire“ gegen Minenfelder und Kriegswahnsinn legte der auf der westlichen Halbkugel neu gegründete Pan-Amerikanischen Staat die Fläche zwischen dem 30. und dem 175. Längengrad fest:
"From 30 to 175 is peace, prosperity and happiness.
Beyond was the great unknown. Even the geographies of my boyhood showed nothing beyond. We were taught of nothing beyond. Speculation was discouraged. For two hundred years the Eastern Hemisphere had been wiped from the maps and histories of Pan-America.”
Der Erzähler, Captain Jefferson Turck, Offizier der Navy, ist nach über 200 Jahren der erste Pan-Amerikaner, die den 30. Längengrad überschreitet und in das inzwischen sagenhafte Europa vordringt. Er gehört damit zu ERBs Entdeckern fantastischer „Lost Continents“:
„I am glad that it was given to me to be an instrument in the hands of Providence for the uplifting of benighted Europe, and the amelioration of the suffering, degradation, and abysmal ignorance in which I found her.”
Keine kleine Aufgabe! Arno Schmidt könnte dieses Setting gefallen haben. Turck allerdings wird von Abenteuerlust getrieben, nicht von Bildungshunger oder Antimilitarismus.
ROBINSONADE!
Technische Pannen und Sabotage sind verantwortlich dafür, dass die "Coldwater" auf ihrer Patrouillenfahrt entlang des 30. Längengrades plötzlich manöverierunfähig wird und Captain Turck und seine Gefährten Snider, Taylor und Delcarte nicht nur diese "Schattenlinie" verbotswidrig überqueren, sondern in einem kleinen Beiboot, das die Rückkehr über den Ozean zurück nach Amerika nicht schaffen würde, in England stranden. Das Festland ist "tigerverseucht", so dass man sich entschließt, zunächst lieber auf einer vorgelagerten Insel, der Isle of Man, zu landen. Hier allerdings stellt sich heraus, dass die "Ureinwohner" Englands durch den Krieg auf den Entwicklungsstand einer steinzeitlichen Gesellschaft zurückgefallen sind. Sie haben keine geschichtlichen oder geographischen Kenntnisse mehr und beherrschen gerade noch die Kunst des Feuermachens. Da Turck von diesen Menschen nicht erfahren kann, was seit dem Großen Krieg geschah, setzt sich unser Expeditionstrupp ab in Richtung London.
Ein wenig erinnert der Rückfall in die Steinzeit an die Comic-Reihe MIGHTY SAMSON, allerdings spielte diese nach dem atomaren Inferno eines dritten Weltkrieges, und von Atomwaffen konnte Burroughs noch nichts ahnen. So gehen die Gefahren hier einstweilen von wilden Tieren anstatt von mutierten Bestien aus.
ABENTEUER!
Und was für Tiere sich auf der englischen Insel herumtreiben: Tiger, Antilopen, Löwen und afrikanische Elefanten. Denkt gerade jemand an Tarzan und den Dschungel? Ich auch, und es gibt weitere Verbindungen. So ist nicht nur Tarzen auf das Verzehren (um einmal nicht von Fressen zu sprechen) von rohem, roten Fleisch versessen, sondern diverse Safari-Teilnehmer in Tarzan-Romanen können sich nicht alleine von Früchten und Pflanzen ernähren und benötigen das Fleisch wie der Vampir das Blut. Ist es eine Besessenheit von ERB oder mehr? Jedenfalls jagd auch Captain Turck bei London Antilopen, um endlich wieder Fleisch essen zu können.
Wilde Tiere, Jagd, die Lust auf Fleisch: stellt Burroughs mit diesen Motiven den Rückfall in die Barbarei nach dem Ersten Weltkrieg dar, oder handelt es sich um stereotype Elemente, die er schon im ersten Tarzan-Roman verwendet hat? Vermutlich hat ERB selber das gar nicht so sorgsam trennen wollen:
"A lion reigned, undisturbed, within a few miles of the seat of one of the greatest governments the world has ever known, his domain a howling wilderness, where yesterday fell the shadows of the largest city in the world." (S. 34)
Als ein Löwe Turck aus seinen Betrachtungen reißt, indem er den Erzähler umstandslos angreift, ist dieses ein guter Anlass für ERB, einmal mehr eines seiner Lieblingsnomen zu Gehör zu bringen: CARNIVORA (also Fleischfresser).
Auch in London und vor allem im Palast selbst sind unzählige Löwen, doch vermute ich, dass ERB weniger an den Englischen Löwen gedacht hat als an das Abenteuerpotential und die Exotik, die diese Tiere mit sich bringen.
ROMANTIK!
Und was wäre ein solcher Adventure-Roman ohne Romantik? Kein Grund zur Beunruhigung, es gibt sie auch in BEYOND THIRTY. Turck rettet eine junge gutaussehende Frau aus den Fängen ihrer Entführer, wird selbst kurz darauf von einem Bösewicht gefangen genommen, der die junge Frau zum Weib begehrt, und es stellt sich heraus, dass die Schöne in der weiblichen Erblinie die Königin Englands ist und ihr künftiger Mann entsprechend der König. Turck soll an die Löwen verfüttert werden, kann von Victory - ja, so heißt sie tatsächlich - gerettet werden und gemeinsam flieht man nach London in die Stadt der Löwen.
Keine Frage, Turck kann Victory hier nicht alleine lassen: “Too, she was queen of England; but, by far the most potent argument in her favor, she was a woman in distress – and a young and very beautiful one.“ Da ist sie, ein Tusch: Romantik!
Und mit welcher FLEISCHESLUST weckt die edle Wilde unseren Helden:
"Antelope!" she whispered in my ear; and, as I raised my head, she pointed upriver. Crawling to my knees, I looked in the direction she indicated, to see a buck standing upon a little knoll some two hundred yards from us. There was good cover between the animal and me, and so, though I might have hit him at two hundred yards, I preferred to crawl closer to him and make sure of THE MEAT WE BOTH SO CRAVED." Was für ein Erwachen!
Als man schließlich nach Ostende übersetzt und den Rhein hinauf fährt, auf der Suche nach einer Zivilisation, braucht man was? "We were in need of fresh meat".
VERRAT!
Snider verrät seine Landsleute und läßt sie ohne das Schiff und ohne Victory zurück, die er entführt. Und obwohl sich Turck von ihr so sehr angezogen fühlte, hat er offenbar nicht viel Vertrauen in seine queen. Als er eifersüchtig auf Snider war, mit dem sie tuschelte, war sie eine "uncultured little savage"; als er befürchtet, dass sie nun mit Snider gemeinsame Sache macht: "She was a half-naked little savage, I a gentleman and an officer in the world´s greatest navy". So setzt die Eifersucht der Liebe zu.
GESELLSCHAFTSKRITIK!
Auf der Suche nach Victory gerät Turck in Gefangenschaft des Abyssiniers Colonel Belik und wird sein persönlicher Sklave. Hier verkehrt ERB die in Amerika herrschenden Verhältnisse: Belik ist Farbiger, ein Christ, und er gehört zur machthabenden Rasse. Zu Zeiten des Ku-Klux-Klan, als ERB den Roman schrieb, gewiß eine gewagte Idee. Zusammen mit mit der Darstellung des Unterganges der Zivilisationen durch den Krieg könnte man diesen Teil des Romans als Gesellschaftskritik lesen, aber vorsichtig, denn wie schon erwähnt, Turck ist Offizier der Navy, kein Antimilitarist.
Auf den letzten Seiten überschlagen sich nun die Ereignisse. Die Abyssinier sind im Krieg mit den Chinesen, die sich als das letzte Kulturvolk Eurasiens herausstellen, und von eben diesen wird Turck befreit und erlangt Ehre & Ruhm in Pan Amerika zurück, wo er als großer Entdecker gefeiert wird. Und wer mag ihn wohl bei der Rückkehr in die Heimat begleiten?
Fazit:
Die Stärken von BEYOND THIRTY sind der hohe Unterhaltungswert und die Kürze, die keine Langeweile aufkommen läßt. In der "Bison Frontiers of Imagination"-Reihe wurde zum 100-seitigen Roman-Text eine Einleitung von David Brin sowie die beiden Kurz-Essays "The War to End All Future Wars" von Phillip R. Burger und "Beyond 1965, Beyond 2137, Beyond 30" von Richard A. Lupoff zugegeben, die für Leser sehr interessant sind, die sich nicht nur oberflächlich mit ERB beschäftigen möchten.
Ein lesenswerter Roman für alle, die nicht nur Tarzan oder Barsoom kennen wollen.