Lola ist Jüdin, aber nur bei den Reformjuden, bei den Orthodoxen wird die Religion matrilinear vererbt und Lolas Mutter ist keine Jüdin. Das stört sie, doch der Giur, die Konversion zum Judentum, ist ihr zu anstrengend. Lola lebt ein relativ freies Leben in Berlin, ist aber immer wieder antisemitischen Äußerungen und Hass ausgesetzt, im Job, in der Nachbarschaft, in sozialen Netzwerken.
Im Sommer reist sie nach Tel Aviv, um Shlomo zu besuchen, einen Künstler, den sie zuvor in Berlin kennengelernt hat. Kurz nach ihrer Ankunft bricht der Gaza-Krieg aus und die Stadt wird wochenlang beschossen. Lola und Shlomo richten sich zwischen Angst und Gewöhnung ein und versuchen herauszufinden, ob ihre Beziehung eine Zukunft haben kann.
Ich war positiv überrascht, mit welcher Intensität das Buch den Nahostkonflikt thematisiert, immer wieder lässt Mirna Funk ihre Figuren die politische Lage zwischen Israel und Palästina diskutieren, verschiedene Perspektiven annehmen, Polemik stattfinden. Sehr dankbar bin ich, durch das Buch Einblick in das jüdische Leben in Deutschland und Israel bekommen zu haben, über das ich, wie ich jetzt gemerkt habe, viel zu wenig wusste.
Mirna Funk spannt den Bogen zwischen Berlin und Tel Aviv und lässt Protagonistin Lola in beiden Städten heimisch sein, aber auch eine Zerrissenheit fühlen, ein Gefühl, das sie auch von ihrer jüdischen/nicht-jüdischen Herkunft kennt. Es geht um Familie und Geschichte, um Politik und Schuld, um das Judentum, um Diskriminierung, um Krieg und Gewalt, Kunst und Selbstfindung, die eigene Nische zum Freisein.
Ich habe Winternähe extrem gern gelesen, weil ich viel gelernt habe, weil Mirna Funk wirklich gut schreibt, weil sie politische Themen spielerisch einfließen lässt und gleichzeitig dafür plädiert, das Vergangene nicht auszuschließen, sondern im Alltag zuzulassen und zu thematisieren. Was für ein Buch, ich kann es nur jedem ans Herz legen! 💙