Klassisch-populärwissenschaftlicher Elternratgeber.
Ausgehend von einem nicht weiter erklärten und eher zweifelhaften Konzept „artgerecht“ (weitere Bücher von ihr, in denen das Konzept evtl. genauer erklärt wird, habe ich nicht gelesen) bietet Nicola Schmidt Handlungsweisen für Eltern mit (erwarteten) Geschwisterkindern an, die sich ein harmonisches Miteinander zwischen den eigenen Kindern wünschen.
Im Wesentlichen stellt sie dabei heraus, dass der Umgang der Geschwister miteinander weniger mit den Kindern selbst zu tun habe als vielmehr mit dem Umfeld, das sie vorfänden. Nicola Schmidt betont zwar mehrfach, dass jedes Kind anders ist und daher einige Geschwisterkinder von sich aus leichter miteinander auskämen als andere, dennoch läge der Fokus auf den Eltern. Es sei in ihrer Hand, Vorkehrungen zu treffen, sodass die Geschwister sich vertragen und das kooperative Verhalten gestärkt wird.
Dafür schlägt sie unter anderem vor:
- Kinder in ein soziales Netz aus der Familie einzubetten.
- Ältere Kinder altersgerecht auf die Ankunft neuer Familienmitglieder vorbereiten.
- Weder ältere noch jüngere Geschwister in ihren Bedürfnissen zu kurz kommen zu lassen
- Geschwisterkinder keinen gegenseitigen Wettbewerb aussetzen.
- Kinder nicht etikettieren („der Ruhige“ „der Wüterich“ etc.)
- Streitigkeiten altersabhängig und konstruktiv begleiten und dabei keine Partei ergreifen.
- Den Kindern helfen „sich selbst zu finden“
- Ziele und Spiele anbieten, die die Geschwister nur als Team lösen können
Die Vorschläge sind allgemein ganz angenehm zu lesen und lassen sich dem bindungsorientierten und dem autoritativen Erziehungsstiel zuordnen. Wer Größen aus diesen Richtungen (Jesper Juul, Alfi Kohn etc.) kennt, der wird etliches in dem Buch von Nicola Schmidt wiedererkennen. Wer schon danach handelt, wird kaum Probleme haben, das vorgeschlagene auch sinnvoll umzusetzen.
Das Buch von Nicola Schmidt ergänzt in diesem Sinne die Werke von Juul, Kohn und co., da dort eher selten die Geschwisterbeziehung betrachtet wird, sondern vor allem das einzelne Kind an sich oder die Familie als gesamtes.
Als Einstiegswerk in die Thematik eignet sich das Buch daher nicht. Auch wegen des sehr laxen Umgangs mit Quellen und „der Wissenschaft“. Hier agiert Nicola Schmidt typisch populärwissenschaftlich: Es werden Aussagen als „erwiesen“ oder „wissenschaftlich bestätigt“ tituliert, ohne dafür eine Quelle anzugeben. Gleichzeitig werden an anderen eher unwichtigeren Stellen doch Quellen angegeben (um die Literaturliste zu verlängern?). Oft wird sich zudem auf die Aussagen irgendwelcher Experten bezogen (wer Juul und co. gelesen hat, wird den ein oder anderen zitierten 'Experten' kennen), ohne dass genauer erklärt wird, warum gerade dieser und nicht der Experte mit der gegenteiligen Meinung und den gegenteiligen Studienergebnissen zitiert wird (weil es besser ins eigene Weltbild passt?). Einen roten Faden bei der Zitation konnte ich jedenfalls nicht ausmachen. Genauso werden Studienergebnisse sehr verkürzt dargestellt, wie man es von Journalisten (der eigentliche Beruf von Nicola Schmidt) gewöhnt ist. Typische Aussagen wie „Eine wissenschaftliche Studie hat gezeigt...“ oder „Forscher haben bewiesen...“ kommen häufig genug vor. Wer sich etwas in der Thematik auskennt, wird solche Aussagen einordnen können. Alle anderen (also vor allem die Hauptzielgruppe des Buches) müssten die 154 angegebenen Quellen selbst überprüfen, um die 6, 7, 8 falsch zitierten Studien ausfinden zu können und einschätzen zu können, ob die anderen Studien überhaupt eine geeignete Methodologie aufwiesen, um die Ergebnisse glaubhaft begründen zu können (etwas, was der eigentlichen Zielgruppe nicht zuzumuten ist).
Am Ende des Buches bleibt daher der fade Beigeschmack von Marketing und Ideologie, die sich hinter dem Begriff „artgerecht“ verstecken. Der Verdacht liegt nahe, dass Studienergebnisse (bewusst oder unbewusst) falsch gewählt und interpretiert worden sind, um ein inhaltlich stimmiges Buch zu schreiben. Denn selbst Nicola Schmidt lässt in diesem Buch mehrfach durchblitzen, dass es so etwas wie eine „artgerechte Kindeserziehung“ eigentlich nicht gibt.
Genau kann hier berechtigt gefragt werden, ob der Inhalt nicht einfach in einem Blogbeitrag zusammengefasst werden hätte können, anstatt ein (relativ teures) Buch drucken zu lassen.