Die Waffen-SS umgibt bis heute der düstere Mythos der Brutalität, der Indoktrination und Unbesiegbarkeit. Doch in wie weit war die Waffen-SS tatsächlich militärische Elite? Oder waren ihre Divisionen doch nur ganz normale Fronttruppen? Klaus-Jürgen Bremm wagt eine ebenso kritische wie fundierte Gesamtdarstellung der militärischen Eliteformation. Er schildert die Verfahren der Ideologisierung und die Organisationsgeschichte von den ersten Totenkopfverbänden und der Leibstandarte Adolf Hitler bis zu den schließlich 38 Divisionen der Waffen-SS am Kriegsende, zu denen auch viele Einheiten mit ausländischen Soldaten zählten. Er fächert detailliert ihre Operationsgeschichte, ihre tatsächlichen – erfolgreichen wie desaströsen – Kampfeinsätze auf. Er widmet sich den Kriegsgräueln der 1946 zur "verbrecherischen Organisation" erklärten Truppe und den Aktivitäten ihrer Angehörigen in der frühen Bundesrepublik. Sein prägnantes Fazit: Am besten war die Waffen-SS nach dem Krieg.
Ein wichtiges und gut lesbares Buch. Für jeden, der sich für die Militärgeschichte des Zweiten Weltkriegs interessiert und den hartnäckigen Mythos der "Elite-SS" kritisch hinterfragen möchte, ist dieses Werk eine absolute Empfehlung. Es trifft den Nagel auf den Kopf, wenn es darum geht, mit einer Legende aufzuräumen, die in bestimmten Kreisen leider immer noch gepflegt wird.
Bremm gelingt es meisterhaft, die Waffen-SS von ihrem propagandistischen Podest zu stoßen. Er zeigt detailliert auf, dass sie weit entfernt von einer unbesiegbaren Elitetruppe war. Stattdessen zeichnet er das Bild einer "privilegierten Chaostruppe". Konkret bedeutet das: Ihre scheinbaren Erfolge beruhten OFT nicht auf überlegener Taktik, sondern auf materieller Bevorzugung mit der besten Ausrüstung und ihrem strategischen Einsatz als "Feuerwehr" an Krisenpunkten, was den falschen Eindruck ständiger Überlegenheit erweckte. Bremm belegt, dass ihre Kriegsführung von einem ideologischen Fanatismus geprägt war, der zu blindem Draufgängertum und unverhältnismäßig hohen eigenen Verlusten führte.
Besonders stark ist das Buch, weil es die militärischen Operationen niemals von der kriminellen Natur der Organisation trennt. Bremm macht unmissverständlich klar: Die Waffen-SS war von Anfang an nicht nur eine militärische, sondern vor allem eine ideologische und verbrecherische Organisation. Er verfolgt ihre Entwicklung von den SS-Totenkopfverbänden bis hin zu den 38 Divisionen am Kriegsende und zeigt so die strukturelle Verflechtung mit dem Terrorapparat auf. Anstatt Verbrechen pauschal zu erwähnen, nennt er konkrete Beispiele, wie die Ermordung von 14.000 Juden durch die 2. SS-Kavallerie-Brigade gleich zu Beginn des Russlandfeldzuges.
Eine besondere Stärke ist, dass Bremm ein eigenes Kapitel der 7. SS-Freiwilligen-Gebirgs-Division "Prinz Eugen“ widmet. Er zeigt hier ungeschönt die Realität des brutalen Partisanenkrieges in Jugoslawien, der von dieser aus Volksdeutschen rekrutierten Division geführt wurde. Er beschreibt ihre systematischen Massaker an Zivilisten, wie die Zerstörung von 22 Dörfern im Raum Knin, bei der über 2.000 Männer, Frauen und Kinder niedergemetzelt wurden. Die operative Doktrin der Division, dass der „Balkanmensch“ die „Peitsche fühlen“ müsse, wird als Kern ihrer mörderischen Effizienz entlarvt. Dieses dedizierte Kapitel verhindert, dass diese spezifischen Verbrechen in einer allgemeinen Erzählung über die Waffen-SS verloren gehen, und unterstreicht die durchgehende Kriminalität der gesamten Organisation, egal an welcher Front.
Der vielleicht brillanteste Punkt des Buches ist Bremms Fazit, dass die Waffen-SS "am besten nach dem Krieg" war. Er beschreibt eindrücklich, wie die Veteranenverbände (insbesondere die HIAG) nach 1945 durch Lobbyarbeit und eine Flut apologetischer Memoiren erfolgreich daran arbeiteten, ihre eigene Geschichte umzuschreiben, sich als "Soldaten wie alle anderen" zu stilisieren und so die Mythen zu schaffen, die bis heute nachwirken.
Warum also nur vier statt fünf Sterne? Aus rein akademischer Sicht mag man dem Buch, wie Fachkritiker wie Ralf Raths bereits anmerkten, Schwächen vorwerfen. Bremms Tendenz, die Waffen-SS als monolithischen Block zu behandeln, ist eine davon. Dies weist auf eine zentrale Schwierigkeit hin, die das Buch, vielleicht unbeabsichtigt, deutlich macht: Es ist unglaublich schwer, ein pauschales Urteil über "die" Waffen-SS zu fällen. Die Organisation durchlief während des Krieges einen enormen Wandel, von einer kleinen, ideologisch fanatischen Freiwilligentruppe mit strengen Rassekriterien zu einer multinationalen Massenarmee mit fast einer Million Mann in 38 Divisionen, von denen viele zwangsrekrutiert wurden und deren Kampfwert extrem schwankte. Bremms Vereinfachung ist zwar eine Schwäche, unterstreicht aber auch die Herausforderung, der sich jeder Historiker bei der Bewertung dieses komplexen und sich wandelnden Gebildes stellen muss. Zudem präsentiert er Statistiken oft ohne den nötigen Kontext oder Vergleich zu Wehrmachtseinheiten.
Für den historisch interessierten Laien (die meisten von uns) und als Gegengewicht zur verklärenden Literatur ist es jedoch genau das richtige Buch: prägnant, fundiert und unmissverständlich in seinem Urteil. Ein Weckruf gegen die Verklärung und ein Plädoyer für eine nüchterne, faktenbasierte Geschichtsbetrachtung. Absolut lesenswert.