Jean-Marie Dru kommt aus der Werbebranche und stellt in seinem Buch mit dem sperrigen Titel „Disruption“ (Unterbrechung, Störung) anhand von 20 kurzen Unternehmer-Biografien bahnbrechende Unternehmensideen vor. Wenn Personen-Namen wie Jeff Bezos und Steve Jobs fallen oder Unternehmens-Namen wie Proctor & Gamble und Danone, fragen sich Leser des Jahres 2020, wie der Autor zu Fehleinschätzungen oder sozialen und ökologischen Schattenseiten dieser Unternehmens-Ideen steht. Zu Beginn wirkt sein Buch wie eine Huldigung erfolgreicher, einflussreicher Persönlichkeiten, die sich rücksichtslos durchsetzten und auf deren Produkte mancher lieber verzichten würde. Den Bezug zu offensichtlichen Defiziten der gefeierten Personen z. B. in der Kenntnis internationaler Märkte muss man anfangs selbst herstellen. So sind die Abschnitte über Zhang Ruimin (Haier) und Jack Ma (Ali Baba) und ihr Fußfassen auf dem chinesischen Markt hoch interessant, die ausländische Konzerne auf die hinteren Plätze verwiesen, weil sie im Gegensatz zur Konkurrenz wussten, wie chinesische Händler und Käufer ticken. Dru gibt Einblick in Unternehmenskultur als schwer messbaren, immateriellen Wert, berichtet von Storytellern, Marken, Kampagnen und der Plattform-Ökonomie (amazon, Airbnb), sowie deren Schöpfern. Sein Parade-Beispiel eines Personal-Branding (Person als Marke), vertreten durch Oprah Winfrey ist nicht weniger interessant als Arianna Huffington, die mit der Huffington Post zeigte, dass Nachrichten für die Sozialen Medien erst strukturiert, aufbereitet und eingedampft werden müssen. Erst auf den letzten 10% des Buches kommt Dru zum Themenbereich Nachhaltigkeit, rücksichtsvollem Umgang mit Resourcen und gesellschaftlicher Verantwortung von Unternehmen.
Aus Sicht des Bürgers, der Waren und Dienstleistungen der genannten Konzerne nutzt und die sozialen Folgen mitzutragen hat, finde ich Drus Huldigung bahnbrechender Unternehmer-Ideen recht einseitig – so denkt beim Namen „Danone“ kaum ein ökologisch engagierter Leser an eine „tolle Idee“, sondern an Plastikmüll, Mineralwasservermarktung und Babynahrung, die das Stillen verdrängt. Dass ein Buch des Jahres 2020 noch darauf hinweisen muss, dass auch Frauen als Mitarbeiterinnen und Konsumentinnen einflussreich wären, wirkt auf mich antiquiert.
Sprachlich wirkt der Text in der Übersetzung des Titels und des Textes streckenweise hölzern und trifft nicht immer den zeitgemäßen deutschen Ausdruck.