IN THESE MATTERS ALL IS OBSCURITY
"If I died tomorrow, every penny I have would be yours" – so spricht Arthur, gestandener Arzt, zu seinem Mündel Margaret, und unterstützt sie zustätzlich monatlich mit einer Summe, die der jungen Frau ein sorgloses Leben in Paris ermöglicht, jener Stadt, in der auch Maugham als junger Mann sich als Bohemien versucht hat. Ach, sagte das doch auch einmal jemand zu mir, aber so etwas geschieht vorzugsweise bei Courths-Maler und eben hier bei Maugham.
Arthur und Margeret, ja passen die beiden denn zusammen? Eine schwierige Frage, denn Maugham beschreibt seine Protagonisten im MAGIER nur anhand von Äußerlichkeiten, Psychologie und Glaubwürdigkeit sucht man vergebens und fände sie eher in einem Pulproman. Margeret ist jung, hübsch und künstlerisch interessiert, wohingegen Arthur zwar ein renommierter Arzt ist, aber doch nicht so einer, wie wir ihn aus den Arztromanen kennen; vielmehr humorlos, ehrgeizig und in seinem Denken ganz der Wissenschaft verhaftet. Aber auch wenn er nicht gut aussieht – und hierfür findet sich eine der wenigen charmanten Beschreibungen bzw. Umschreibungen des Romans: "he did not photograph well (...) but he´s very paintable" – wenn Arthur also auch nicht gutaussehend ist, kein Mr Right, kein Prince Charming, so ist eine spätere Hochzeit doch nicht ausgeschlossen. Es wird doch nicht gar das Geld sein? Versuchen wir gar nicht erst, das zu verstehen, und werfen lieber einen kurzen Blick auf das weitere Romanpersonal:
Da ist Miss Susie Boyds, eine Art Gouvernante von Margaret, mit der das Schicksal es ebenfalls gut meint, seit sie eine kleine Erbschaft gemacht hat und sich endlich nicht mehr als Erzieherin verdingen muss, sondern fortan finanziell unabhängig sich in Paris dilettantisch aber froh den schönen Künsten widmen kann.
Der reiche Liebhaber für Margaret, die unverhoffte Erbschaft für Susie: hier können nur noch die Probleme der fuchsjagenden Klasse für Ungemach sorgen - oder aber:
MAGIE (Tusch)!
Es erscheint Haddo, dessen erster pompöser Auftritt an einem grauenhaft uninspiriert geschilderten Künstlerstammtisch ihn sofort als ausgemachtes *** qualifiziert und ihm schlicht einen Tritt in den Allerwertesten verdienen sollte.
Nun ist es ein offenes Geheimnis, dass Maugham Haddo an den englischen Exzentriker und Scharlatan Aleister Crowley angelehnt hat und der ganze Roman etwas von armseliger Abrechnungsprosa hat. Dass Crowley Maugham den Roman nicht sehr viel mehr verübelt hat als er es tat (er wies lediglich darauf hin, dass Maugham reichlich plagiierte, um den „magische Seite“ der Handlung auszuführen), mag unter anderem daran gelegen haben, dass Maugham von Magie so wenig wie von der psychologisch glaubwürdigen Gestaltung seines Personals verstanden hat und Haddo schlicht ein Popanz ist, eine arme klischeebeladene Kreatur, über die Crowley sich nicht aufregen musste, war sie doch auf den ersten Blick als harmlose Karikatur erkennbar.
Haddo also gebiert sich als enfant terrible, als Tier- und Kinderschreck, der allen auf die Nerven geht und aus unverständlichen Gründen doch ungestraft sein Unwesen treiben darf.
So platt kommt das alles daher, dass man den MAGIER ungestraft als Unterhaltungsliteratur ohne Anspruch einstufen darf; ja er fällt sogar hinter die meisten Schauer- und Gruselromane zurück, und das hat einen ganz einfachen Grund: Maugham kannte sich mit Magie nicht aus und exzerpierte ungeniert aus Quellen, die er fast unverändert in seinen Roman übernahm. Heute würde er sich mittels copy & paste an Wikipedia schadlos halten. Erschwerend muss man aber auch konstatieren, dass dieses Genre augenscheinlich einfach nicht sein Metier ist, so dass wirklich alles uninspiriert und blutleer wirkt. Die Autoren der Pulps hätten Maugham ein paar hilfreiche Tipps geben können, wie man spannende Szenen ökonomisch und mitreißend gestaltet. Denn Maugham will zu viel, und alle gelehrten Anspielungen verderben letztlich den erwünschten Effekt, pompös und langatmig kommt das daher, was den Leser umhauen muss. Selbst ein Drogenrausch gerät hier zu einer anspruchsvollen intellektuellen Reise durch die Welt der Mythologie und der Kunstgeschichte.
Der weitere Gang der Handlung sei nur kurz skizziert: Es kommt zum Konflikt zwischen Arthur und Haddo, der, um sich zu rächen, Arthur das Liebste nimmt, was dieser „besitzt“: Haddo bindet Margaret mit einem Zauberbann (so scheint es) an sich und entführt sie. Die sich daraus ergebende Frage ist tausendfach in Groschenromanen gestellt worden: Wird der Held die Damsel in Distress retten können oder wird Margaret den magischen Experimenten des Wahnsinnigen zum Opfer fallen?
Es sprengte den Rahmen, alle erzählerischen Sünden hier aufzulisten, die Maugham in seinem Jugendwerk unterlaufen, daher nur die fatalsten in Kurzfassung:
Maugham hat kein Gespür für den Rhythmus des Textes, was zu sinnfreien Spannungsabbrüchen führt - wenn ihm einmal so etwas wie Spannung überhaupt gelingt.
Über weiteste Strecken wird der Roman nicht erzählt, sondern es wird schlicht berichtet, was geschieht. Lebhafte Beschreibungen sind Mangelware und fast immer ist eine erzählerische Distanz präsent, die ein Mitfiebern unmöglich macht.
Die Figuren sind unscharf und unglaubwürdig konstruiert und die Erzählperspektive wechselt aus handwerklichen Gründen; denn im Grunde handelt es sich beim MAGIER um keinen Roman, sondern um eine Aneinanderreihung von Snapshots, sprunghaft anstatt substanziell berichtet, die Maugham der Mühe enthebt, zusammenhängend und romangemäß episch zu erzählen. Man sollte hier auf keinen Fall Faulheit als Ökonomie der Mittel missverstehen, und Maughams Nachlässigkeiten und eben die Faulheit sind die größten Mängel dieses Romans, der komplett überarbeitet vielleicht gerade das Zeug zu einer Kurzgeschichte hätte.
Ein Beispiel: Unter Haddos Einfluss erzählt Margaret in geselliger Runde eine ihr wesensfremde extrem peinliche Geschichte, die zu erzählen sie sozial ächtet und sie aus der Gesellschaft der Anwesenden herauskatapultiert. Alle Zuhörer sind furchtbar betroffen, so wird uns versichert, jedoch macht sich Maugham nicht die Mühe, den Leser mit dem Inhalt der Geschichte vertraut zu machen. Das nenne ich Faulheit! Was hätte hier funkeln können und ist doch gar nicht erst aus der Dunkelheit hervorgetreten.
Der Roman muss mit fünf erzählerisch unterentwickelten Personen auskommt, deren Unzulänglichkeiten Maugham mit behäbig gravitätischer Geschwätzigkeit aufzuwiegen versucht - ein verzweifeltes Unternehmen. Und so kommt´s, dass ich als Leser Arthur nicht als die "tragic figure" erlebe, zu der Susie / Maugham ihn stilisieren & reduzieren will, denn dazu ist er erzählerisch viel zu oberflächlich entwickelt, als dass Mitgefühl aufkäme. Und die alte romantische Vorstellung, dass Leid und Krankheit den Menschen veredele, ist pathetischer Mist und macht Arthur auch nicht zu einem „poor thing“: "She (=Susie natürlich, sie ist dafür oberflächlich genug) wondered what refinement of self-torture had driven him to choose that place to come to" - unerträglich!
Als Lehrbuch für junge Autoren mit dem Titel "Wie man einen Roman nicht schreibt" wäre der MAGIER jeden Cent wert, als Leser bedauere ich, mich auf dieses Unterfangen eingelassen zu haben.