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Kippfigur: Erzählungen

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Unusual book

Paperback

First published January 1, 1986

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About the author

Robert Gernhardt

181 books8 followers
Robert Johann Arthur Gernhardt war ein deutscher Schriftsteller, Dichter, Zeichner und Maler.

Im Dezember 2008 stiftete die Landesbank Hessen-Thüringen im Andenken an Robert Gernhardt den beim Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst angesiedelten Robert-Gernhardt-Förderpreis (heute: Robert-Gernhardt-Preis). Er wird seit 2009 jährlich an je zwei hessische Autoren vergeben, um sie darin zu unterstützen, ein besonderes literarisches Projekt zu verwirklichen.

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Displaying 1 - 3 of 3 reviews
Profile Image for Klaus Mattes.
726 reviews10 followers
June 23, 2025
Wenig vergnügliche Ausgrabung aus den achtziger Jahren. Damals war ich ein großer Anhänger Robert Gernhardts und habe mir das Buch gleich bei Erscheinen der gebundenen Ausgabe gekauft, obwohl ich sonst fast nur Taschenbücher las. Wie ich’s damals wohl fand, ich weiß es nicht mehr. Ich konnte mich sowieso an den Inhalt fast keiner dieser Geschichten mehr erinnern, wie mir beim Wiederlesen dann aufging.

Robert Gernhardt, den als komischen Zeichner alle kannten, als „Nonsense-Dichter“, aus seiner Zeit beim Magazin „pardon!“ in den 1960-ern, als Mitbegründer der „Titanic“ gegen Ende der 1970-er (die ich ab dem ersten Heft abonniert hatte – und heute schon so, so lange überhaupt nicht mehr wahrnehme), als Ghost- und Drehbuchautor des ostfriesischen Komikers Otto in den 1980-ern, Robert Gernhardt also besaß das abgelegene Sommerhaus in der Toskana, malte die Sommer durch seine stillen Interieurs in Öl, Bilder ohne Menschen. Seit Mitte der sechziger Jahre war er mit der Kinderbuchillustratorin Almut Gernhardt verheiratet, die dann Ende der 1980-er starb. Dass er, der nach dem Abitur in Göttingen als Aspirant aufs Gymnasiallehrertum in den Fächern Deutsch und Bildende Kunst angefangen hatte, sich in klassischer und romantischer deutscher hervorragend auskannte, merkte man diesen oft etwas autobiografischen Geschichten an. Bei Gernhardt geht es fast immer um eine „Fallhöhe“, die komisch wird. Das hochgestimmte Künstlerpathos der deutschen Maler im Italien des frühen 19. Jahrhunderts kontrastiert er mit Banal-Erfahrungen seiner Toskana-Tage.

Falls es nicht sowieso gleich um die haltlose Eitelkeit von Schriftstellern geht, geht es in den „Kippfigur“-Texten ums leise, aber lästige Grummeln der Alltagsunzufriedenheit in Paarbeziehungen zwischen Boheme-Menschen, die nicht mehr am Hungertuch sterben müssen wie bei Puccini. Da holt der Neoklassiker Robert Gernhardt dann ganz weit aus, um vor allem seine brillante Stilistik vorzuzeigen. Die trivialen Zweierkisten der Postmoderne werden in ehern heroische Sprache gezwängt. Man müsste schon sehr gebildet sein um zu entscheiden, hat er das jetzt bei Mörike, Hoffmann, Eichendorff oder Goethe gelernt oder parodiert er mal Boccaccio.

Zwei Tramperinnen werden von Italienern zum Essen eingeladen, sprechen gierig den Spaghetti zu, deutsch: „Was auf den Tisch kommt, wird gegessen“, ahnen nicht, dass die besten piatti erst noch kommen werden. Dann können sie nur noch „ancora!“ rufen, was aber wohl doch nicht „aufhören!“ heißt.

Zwei Männer, irgendwie kulturell engagiert, buhlen, in einer Gasstätte, um die Zuneigung einer Dame. Man streift den Regisseur Alfred Hitchcock und den berühmten MacGuffin, namentlich in „Eine Dame verschwindet“, was die angepeilte Dame weder versteht noch interessiert. Es wäre jetzt wohl besser, ihren dümmlichen Bemerkungen beizupflichten, aber die beiden Herren haben gerade erkannt, dass ihre Kino- und Hitchcockleidenschaft sie verbindet. War nicht Gregory Peck in zwei Filmen von ihm als Star besetzt worden? So was hat man einfach zu wissen! Die Dame ist genervt und rauscht davon. Das könnte der Beginn einer gr0ßen Freundschaft sein.

Ein weiterer, schon ergrauter Kulturschaffender besucht den sagenumwobenen Palio von Siena mit einer bildschönen jungen Freundin an seiner Seite. Das Publikum wird bei dieser Veranstaltung ziemlich hingehalten und die Spannungen des Paars nehmen zu. Da ist noch ein befreundetes Paar dabei und jener Mann überschüttet die der deutschen Sprache Mächtigen mit einer Sintflut öder kulturhistorischer Abschweifungen. Man müsste dann mal austreten, kommt im Gemenge aber längst nicht mehr durch. Der Ergraute erleichtert sich in eine Limonadenflasche. Dann greift die Freundin danach, weil sie schrecklichen Durst hat. In seiner Verlegenheit verweigert er ihr den Trunk und schmeißt die PET-Flasche weit weg unter die Leute. Sie macht Schluss mit ihm.

Wieder ein anderes deutsches Paar im schönen Italien betrachtet einen kleinen Waldsee. Dabei muss er an Elch, Bär und Biber denken, sie allerdings an Erdmännchen. Aber, gerät er aus dem Häuschen, wie könne sie jetzt mit Erdmännchen kommen, nachdem er eine unverkennbar ins Nordland weisende Tierespur gelegt habe! Am folgendem Morgen schaut er einer fetten Kröte bei der Erledigung des Stuhlgangs auf dem Gartenmäuerchen zu. Die Freundin hatte das Zeug als „Stachelschweinkot“ beschrieben. Als er auftrumpft, dass er sich mit Tieren nun mal besser auskenne, merkt sie, dass sie mit einem Blödmann zusammen ist.

Gibt man die Storyinhalte ohne ihre altmeisterliche sprachliche Einkleidung wieder, wirken sie platt. Aber ich muss enttäuschen: Relevanteres kommt in diesem Buch nicht vor. Also war klar, dass ich diese Geschichten in meinen auf ihre Zweitlektüre folgenden Jahren wieder vergessen würde - und jetzt hier nur noch das sehe, was ich mir damals notiert habe. Ich weiß aber noch: Obwohl er's wollte, gelacht habe ich nie.

Welch ein restringierter Code, diese Körpersprache! Da gab es nur wahre oder unwahre Aussagen, eigentlich nur wahre, da die Lügen ja doch immer gleich aufflogen - auf einmal kam ihm das ganze, nun schon fast zwei Jahre dauernde Verhältnis ganz unglaublich und ganz und gar unmöglich vor. Immerzu diese Direktheit der Körper! Ihre unveränderliche, schlichte Botschaft! Alles Aussagesätze: Ich begehre dich. Ich will dich. Wenn es nicht lediglich Befehlssätze der reduziertesten Sorte waren: Ja! Jetzt! Komm! Keinen Konjunktiv vermochten diese Körper zu bilden, zu keinerlei uneigentlichem Sprechen waren sie fähig. War eine ironische Erektion denkbar, ein ironischer Orgasmus gar?
Profile Image for Christian.
81 reviews3 followers
June 23, 2019
Dieses Buch enthält um die zehn Kurzgeschichten von Gernhardt. Seine Sprache kombiniert mit
den Szenen und der Zeichnung der Figuren, wirken ein wenig wie eine Zeitreise in die BRD der 60er und 70er auf mich. Ich mag, seine Beobachtungen vom Alltag und wie er in diesen ein Auge fürs Komische und Skurille hat und das nach Außen kehrt. Sehr zu empfehlen.
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