“Ich bin da, um zu tun, was sie will, Clarimonde, die ich liebe in köstlicher Angst.!
Der Name Hanns Heinz Ewers war mir bislang nur als Filmliebhaber geläufig, denn er schrieb das Drehbuch zu dem 1913 von Paul Wegener inszenierten Gruselfilm Der Student von Prag. Von Ewers‘ schriftstellerischem Werk hingegen hatte ich mir bislang noch keinen Eindruck verschafft, so daß ich mit einiger Neugierde begann, die Erzählung Die Spinne zu lesen, die in einer Lesegruppe für den Gruselmonat November ausgewählt wurde.
In der Geschichte geht es um einen Medizinstudenten, der sich in einem Hotelzimmer einmietet, in dem in drei aufeinanderfolgenden Wochen drei andere Männer jeweils zur selben Stunde auf die gleiche Weise Selbstmord begangen haben. Der Student spekuliert zum einen auf freie Kost und Logis, wenn er sich anerbietet, das Rätsel, an dem die Polizei gescheitert war, zu lösen, doch zum anderen treibt ihn auch morbides Interesse, sich mit der Sache zu beschäftigen. Schon bald bemerkt er in einem Zimmer auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine junge Frau, die mit immerwährendem Spinnen beschäftigt ist und die sich langsam auf seine zunächst nur zaghaft durch die Scheibe über die Straße hinweg erfolgenden Annäherungsversuche einläßt.
Die geheimnisvolle Frau als übernatürliche Femme fatale, als lockende und letztlich todbringende Versuchung, der sich der Mann mit einer Mischung aus Grauen und Wollust hingibt – da hüpft der Psycholog sicher vor Freud im Kreis herum und freut sich auf tiefschürfendes, assoziatives Analysieren. Die Geschichte, die recht nüchtern mit einem Überblick über die ersten drei Selbstmorde und ihre Folgen für die Besitzerin des kleinen Hotels beginnt, entfaltet alsbald eine faszinierende Sogkraft, nicht unähnlich der, der sich der Student ausgesetzt sieht, nachdem sich zwischen ihm und der unbekannten Frau aus dem Haus gegenüber eine wortlose Beziehung entsponnen hat. Ewers läßt im Hauptteil der Geschichte den Protagonisten selbst zu Wort kommen, in der Form eines Tagesbuches, dessen Eindrücke zusehends von der Veränderung im Denken und Fühlen des Schreibenden Zeugnis ablegen. Man wird nicht überrascht vom Ende, denn der Zeichen und Andeutungen gibt es viele, zumal der Student selbst sein Schicksal vorausgeahnt haben dürfte, doch trotzdem ist Die Spinne eine intensive Leseerfahrung, die ich nicht nur voller Anspannung, sondern auch mit einem leichten Gefühl des Widerwillens gegen den so leicht zu betörenden Protagonisten gelesen habe. Wenn diese Geschichte repräsentativ für Ewers ist, werde ich sicher noch die eine oder andere Geschichte von ihm lesen.