Hilda Krüger scheint inzwischen einer der bekanntesten deutschen Frauen in Mexiko zu sein: glamouröse Schauspielerin, Nazi-Spionin, Verführerin - genug Zutaten, um die seit Mata Hari gebräuchlichen Phantasmen zu mobilisieren, wenn es um weibliche Spionage geht. Was vielleicht, in diesem Buch vom Journalisten Juan Alberto Cedillo, zur Überbewertung führt. Wirft man einen Blick auf ihre Filmographie, stellt man fest, dass die Krüger, verglichen mit anderen UFA-Stars jener Epoche, nur ein kleines Licht war, Goebbels-Protegée hin oder her. Goebbels war es auch, der die Schauspielerin in die USA schickte, wohl auf Geheiss seiner Frau, der die Protektion etwas zu weit ging, und Goebbels wollte zwar gewiss den totalen Krieg, aber doch bitte nicht im trauten Heim.
Als überzeugte Nazi spioniert sie nun in den USA fürs Reich, lernt dortige Nazi-Sympathisanten kennen, darunter den Millionär J. Paul Getty. Was sie nicht ahnt, ist dass sie schon bei ihrer Ankunft von der Vorläufer-Organisation der CIA unter Beobachtung steht. Nach Pearl Harbour wird ihr auferlegt, ihre Agententätigkeit in Mexiko fortzusetzen.
Dass es in Mexiko Nazis gab (und noch gibt) ist inzwischen hinlänglich bekannt; die Sympathisanten reichen bis in die Regierung hinein, namentlich der Innenminister und spätere Präsident Miguel Alemán (nomen est omen). Der verfällt ihr, protegiert sie. Unterdessen laufen die Beobachtungen der US-Agenten weiter. Mexiko war wichtig fürs Reich, nicht nur wegen dem Öl, sondern auch wegen Quecksilber, das kistenweise und klammheimlich über deutsche U-Boote exportiert wurde. Ob Hilda Krüger da eine entscheidende Rolle gespielt hat, sei dahingestellt.
Hier wird Cedillos Buch seinem Titel nicht gerecht: in vielen Kapiteln geht es gar nicht um Hilda Krüger, sondern um andere eingeschleuste Nazi-Agenten, die entweder über die deutsche Botschaft oder über Scheinfirmen den Grossteil der Arbeit verrichteten. Immerhin hatten die US-Agenten inzwischen ein ausgiebiges Dossier über die Krüger zur Hand, das der mexikanischen Regierung übermittelt wurde und den Druck auf Mexiko erhöhte, die Seite der Allierten zu ergreifen - was dann letztendlich auch geschah: Mexiko erklärt Deutschland den Krieg.
Die Kriegserklärung und der 2. Weltkrieg insgesamt hatte wenig Konsequenzen für das Land, und für Hilda Krüger auch nicht: etwas Gefängnis, aber dann profitierte sie wohl von noch funktionierenden Protektionen. Das Interessante an ihrem Leben in Mexiko war, und das will so gar nicht zur klassischen Spionage-Existenz passen, ihr Interesse an mexikanischer Geschichte. Das ging so weit, dass sie ein Studium an der UNAM aufnahm und - auf spanisch - zwei Monographien zu ikonischen mexikanischen Frauengestalten verfasste: die Malinche und Sor Juana Inés de la Cruz. Zu gerne würde ich da mal einen Blick hineinwerfen, falls es die Texte noch gibt. Laut Cedillo war zu der Zeit ihre Nazi-Begeisterung weitgehend abgeebbt. Was den Autor nicht daran hindert, mehrmals ihren "cuerpo escultural" zu evozieren, also Hilda Krüger als die grosse, blonde, kaltblütige Europäerin, was letztendlich auch nichts weiteres als ein immer noch geläufiges Wunschbild mexikanischer Machos ist.