In dieser literarischen Reportage zeigt sich Scherer auf dem Höhepunkt ihres Schaffens. Sie heftet sich darin an die Fersen eines in der Berliner U-Bahn spielenden Musikers aus der Ukraine, der mit dem wenigen Geld, das ihm die Passanten zuwerfen, seine Frau und die drei gemeinsamen Kinder in der fernen Heimat ernährt. Die 2004 erstmals veröffentlichte Geschichte – das Bravourstück von Scherers hochverdichteter, einzigartiger Prosa – entfaltet ein "detailreiches Panorama von Globalisierung, Ost-West-Beziehungen, Berliner Schnauze, postsowjetischem Eisenbahnwesen und reichlich Tolstoj" ( Ulrich Stock, Die Zeit). Der Akkordeonspieler bietet damit eine intime Innenansicht der Migration und ist heute aktueller denn je.
Die Reportagen der 2022 verstorbenen Marie-Luise Scherer gehören für mich zu den besonderen Leckerbissen des Reportagenres. In liebevoller Kleinarbeit lotet sie jedes Eckchen des von ihr Beschriebenen aus. Stilistisch speziell, erwecken die Reportagen auch in dem Literaturliebhaber die Hoffnung auf weitere Sammlungen. Die 2023 erschienene Sammlung im Matthes&Seitz Verlag scheint derzeit vergriffen zu sein (eine Rezension dazu kann man auf meiner Goodreads-Seite lesen), diese Fischer-Sammlung habe ich antiquarisch gekauft, sie ist 2006 erschienen und war ursprünglich Teil der Anderen Bibliothek des Eichborn Verlages. Einige der hier abgedruckten Reportagen sind auch im Matthes&Seitz Band enthalten, der Akkrodeonspieler scheint dort kürzlich als Einzelausgabe erschienen zu sein - das kann ich sehr empfehlen, die Geschichte aus der russischen Umbruchszeit in den frühen 90er Jahren, als die alten Sicherheiten zusammenbrachen, mit den neuen Freiheit auch prekäre Lebensverhältnisse sich mehrten. Toll, wie die Scherer das alles anhand der Geschichte über den Akkordeonspieler Kolenko darstellt. Weitere Reportagen führen uns in das Kuba der frühen 90er Jahre, in das Grenzgebiet der alten DDR (auch faszinierend die Aufarbeitung des Lebens am streng geschützten Grenzstreifen zur BRD anhand der traurigen Geschichte der Grenzgänge), das Berlin der Hausbesetzerszene und Ghettoisierung von Kreuzberg. Die schon bei Matthes&Seitz erschienen Reportagen über eine unheimliche Mordserie in Paris, über eine Verfilmung von Prosts Swann und über einen Besuch bei Philippe Soupault habe ich gerne wieder gelesen.
Nur wenige beherrschen das Genre der literarischen Reportage so wie Marie-Luise Scherer. Sie schreibt atmosphärisch dichte Texte, die mich bewegen und die formal geprägt von der Suche nach dem richtigen Wort, dem passenden Adjektiv sind. Scherer hatte das Privileg, im SPIEGEL genügend Raum zugestanden zu bekommen, um ihre sehr anspruchsvollen Reportagen, von denen sich einige in diesem Band finden, dort zuerst veröffentlichen zu können. Eine bewußte Entscheidung der Autorin war es, bei zunehmendem Alter und auch entgegen der Strömung auf Polemik zu verzichten. Über einen langen Zeitraum besuchte sie nach der Grenzöffnung 1991 immer wieder jene Landstriche um Lübeck, wo sie ihre Recherchen für ihre Reportage "Hundegrenze" führte, einen herausragenden Text über die an der Grenze eingesetzten Wachhunde. Unvoreingenommenheit gegenüber den Befragten, eine enorme Liebe zu den Hunden, die an Besessenheit grenzt, und die Gabe, zuzuhören ("Wenn man etwas Interessantes erfahren will, muss man einfache Fragen stellen") sind das Rüstzeug, mittels dessen Scherer am Beispiel der "Grenzhunde" die Unmenschlichkeit des DDR-Regimes greifbar werden läßt. Anläßlich des 25. Jahrestages des Mauerfalls hatte ich das Glück, die fast 76-jährige Autorin am 20.03.2014 in Lübeck lesen zu hören. Und auch wenn Akustik, Beleuchtung und nur eine Handvoll Zuhörer nicht den Eindruck eines großen Events aufkommen ließen, war ich von dieser Frau beeindruckt, die auf eine einnehmende Weise altmodisch und etwas exzentrisch ist, und die berichtete, dass sie aus Mitleid einen der Grenzhunde, der im Keller einer Gaststätte gefangen gehalten wurde, befreite und nicht ohne Gefahr mit nach Hause nahm. Nur die Zahlung einer hohen Geldstrafe verhinderte, dass sie vor Gericht erscheinen mußte.
Der Besuch der Lesung ist ein guter Anlaß für mich, mich wieder mit ihren Reportagen zu beschäftigen, die mir 2004 vom Besten Buchhändler der Welt wärmstens empfohlen worden war.
Marie-Luise Scherer is a grand-mastress of milieu description, her sentences are firmly nailed onto the pages: perfectly crafted, just in the right position, withstanding pushing and pulling, able to carry the burden of human existence: „Entlaubte Pappeln säumten einen unsichtbaren Fluß; Angler, auf Baumstümpfen sitzend, tranken sich die Heimat schön.“ (Utterly untranslatable, particulary the wonderful neologism of „sich etwas schöntrinken“, but maybe roughly something like: „Defoliated poplars lined the invisible river bench; fishermen, sitting on stumps, sugardrank their homeland.“) Or „Die sich stufenweise verschärfende Traurigkeit seines Blicks gelangt manchmal an einen Punkt, an dem sich die Einstichstelle des Weltunglücks zu befinden scheint.“ („The gradually exacerbating sadness of his glance sometimes reaches a point where the puncture of the world's misery seems to be.“). The topics covered in these „true stories“ are crimes, poverty, writers and their surroundings (Proust, Soupault), the watchdogs on the intra-German border in times of Cold War, and some miniatures of ordinary, lower class people. There are not many story books that are so deeply drenched in knowledge of the human world and at the same time so well-crafted in style and wording. I've read this twice already and it wasn't the last time.
Manches war toll, ich mochte den Stil gern, aber insgesamt kam es mir an einigen Stellen (vor allem bei der Beschreibung der russischen Hochzeit) zu "guckt mal die Russen, diese exotischen, alle Klischees erfüllenden Wesen" vor.