Ich kenne Samuel Koch aus Talkshows als hochsympathischen, humorvollen Menschen. Zudem hat mein Lesefreund Semjon das Buch wohlwollend besprochen und resilienter wäre ich natürlich selbst auch gerne. Wobei ich Ratgeber alles andere als schätze und weitgehend als Geschäftemacherei betrachte.
Dieses Buch gibt vor, kein Ratgeber sein zu wollen und doch denke ich, dass es bewusst genau die Menschen anspricht, die auf Ratschläge hoffen – also ein Anti-Ratgeber-Ratgeber?
Erst einmal finde ich es persönlich wenig überzeugend, dass Koch Gerald Hüther mit ins Boot geholt hat. Hüther ist „ein deutscher Neurobiologe und Autor populärwissenschaftlicher Bücher und anderer Schriften“ wie es auf Wikipedia heißt. Manches von ihm Verfasste ist kaum von Ratgeberliteratur zu unterscheiden, er hat in der Wissenschaft Kritik auf sich gezogen für seine Thesen zur Behandlung von Kindern mit ADHS, unterstützt seit letztem Jahr die Gegner von Corona-Maßnahmen und hat seine eigene Akademie gegründet (was man halt so macht, wenn man an keiner renommierten Uni einen Lehrstuhl bekommt, vermute ich mal).
Und als Mitarbeiterin an einem sozialwissenschaftlichen Institut wird mir hier zu viel in einen Topf geworfen. Forschung zum Thema Resilienz mündet in der Regel nicht (und schon gar nicht unmittelbar) in Ratgeberliteratur – die dort zu findenden Vereinfachungen führen bei ernsthaften Wissenschaftler*innen meist zum Kräuseln der Zehennägel. Es geht, soweit ich das überblicke, in der Forschung zunächst nicht um Maßnahmen, sondern um die Erhebung von Daten zum Thema Resilienz. Also was unterscheidet Menschen, die sich nach einem einschneidenden Lebensereignis (wie Tod eines geliebten Menschen, schwerer Krankheit) nach kurzer Zeit wieder fangen von Menschen, die das nicht schaffen? Und dabei ist das Vorher wichtig. Wo und wie haben sie diese Resilienz erworben? Welche Rolle spielen Herkunft, Bildung, soziales Netzwerk, materielle Situation, erfahrene Wertschätzung, gesellschaftliche Stereotype, das Gefühl der Eingebundenheit vor diesem kritischen Ereignis? Das ist das was die Forschung leistet, und darauf können dann Interventionen aufbauen – die aber vielleicht nicht erst im Moment der Krise einsetzen sollten, sondern früher im Leben, also prophylaktisch. Und das vielleicht nicht nur als individuelles, sondern als gesellschaftliches, politisches Ziel, wie meine Begriffe weiter oben erläutern (so wie Depression oder Einsamkeit auch nicht nur individuell bekämpft werden sollten).
Ein Beispiel: Samuel Koch bemängelt zu Recht, dass es zu simpel ist, Menschen die wenig resilient sind, dazu aufzufordern, sich eine positivere Weltsicht anzueignen. Der Fehler liegt aber vielleicht auch darin, dass man das Individuum allein für seine Weltsicht verantwortlich macht. Aus der Forschung weiß man aber, dass negative Altersbilder in der Gesellschaft dazu führen, dass viele Menschen sie in jungem Alter adaptieren und sich im höheren Alter dann selbst nutzlos und wenig wertgeschätzt fühlen. Das kann niemand alleine ändern, das ist eine gesellschaftliche Aufgabe, bei der kein Ratgeber weiterhilft.
Aber das heißt natürlich nicht, dass man Menschen, die diese Resilienz nicht aufweisen, nicht therapeutisch helfen kann und soll. Nur Ratgeber helfen da, wie Koch ja selbst beschreibt, kaum weiter. Deshalb ist es schade, dass das Buch dennoch ein wenig in diesem Gewand daher kommt (die farblich hervorgehobenen Leitsätze gemahnen nun wirklich an Ratgeberliteratur). Denn was stattdessen, vielleicht, zumindest für einen kurzen Moment, hilft, ist seine eigene Geschichte in der Geschichte eines anderen Menschen gespiegelt zu sehen. Und da wäre eine eindeutig autobiografische (oder auch literarisch gefärbte) Geschichte vermutlich hilfreicher als dieses sich abarbeiten am Genre Ratgeberliteratur.
Ebenfalls ein wenig verärgert hat mich das Beispiel Harald Glööcklers, der sich mittels Kreativität und Fantasie aus seiner Kindheit wegträumte. Es ist der Harald Glööckler, den ich in einer Talkshow über seinen Partner sprechen sah. Der sei depressiv gewesen und Glööckler fand das unmöglich, aber schließlich habe sich sein Partner wieder zusammengerissen. Echt jetzt? Sich Zusammenreißen als Mittel gegen Depression? Auch das ist natürlich ein Nebenerzählstrang, den Koch vermutlich nicht kannte – aber mir als Leserin wird damit das Glööckler-Erfolgsrezept verleidet.
Vieles was ich hier kritisch ausgeführt habe, streift Koch auch hier und da, aber eher als Sidekick. Der Glaube als Heilmittel bleibt mir Atheistin zudem fremd, auch wenn ich diesen Zugang respektiere (und manchmal auch beneide).
Und so bleibt als Fazit der Lektüre: Es war interessant, mal in ein ganz anderes Genre abzutauchen und mich daran inhaltlich zu reiben. Und auch wenn ich vielem nicht zustimme, tut das meiner Sympathie und Bewunderung für Samuel Koch keinen Abbruch.