Dominic war in seinem Leben schon auf mehr Hochzeiten, als er zählen kann, denn er verdient seine Brötchen als Hochzeitsfotograf und hat wohl schon so ziemlich alles gesehen, was man auf solchen Feierlichkeiten mitkriegen kann, mit der einen oder anderen Brautjungfer geknutscht und sich dabei eine ziemlich zynische Einstellung zu Hochzeiten und zu den sich wandelnden Zeiten zugelegt.
Fotografiert hat er schon seit früher Jugend gerne und sogar die Hochzeit seiner zehn Jahre älteren Schwester Victoria gerettet, als die Kamera des Hochzeitsfotografen ein paar übermütigen Gästen zum Opfer fiel und er mit seiner kleinen Box einige wenige erfrischend ungestellt Aufnahmen knipste. Und das, obwohl er sich nicht besonders gefreut hat, dass seine geliebte Victoria einen großspurigen Cricketstar heiratet und mit ihm zukünftig ein mondänes Jetset-Leben rund um den Globus führt.
Victoria ist für Dominic immer die Frau gewesen, an der sich alle anderen messen lassen mussten. Selbst als er Lauren kennenlernt und heiratet, ist das Beziehungsglück von kurzer Dauer, mit Ankunft von Töchterchen Elizabeth, einem Schreikind, geht es rapide bergab mit der Ehe, und Dominics Leben gerät immer mehr aus den Fugen, vor allem, nachdem bei seinem Vater eine frühe Demenz einsetzt und eine fatale Begegnung auch noch sein Verhältnis zu Victoria belastet.
Das klingt alles ziemlich niederschmetternd, und Dominic hat tatsächlich in seinem Leben nicht sehr viel Grund zur Freude, aber das Buch liest sich bei aller Tragik und allen Problemen nicht deprimierend, was wohl hauptsächlich an Dominics häufig selbstironischem Erzähltonfall und treffend-bissigen Beschreibungen liegt und daran, dass Mark Watson bei allem vordergründigem Zynismus viel Einfühlungsvermögen an den Tag legt.
Die Charaktere mögen ein wenig überzeichnet sein, vor allem Dominics ätzender Bruder Max, aber nicht so stark, dass es nervt, und die Geschichte der zunächst recht normal bis bieder wirkenden Familie Kitchen erweist sich als vielschichtiger, als es anfangs scheint, so dass mit diesem Entwicklungs- und Familienroman für unterhaltsame und auch durchaus spannende Lektüre gesorgt ist.
Der Titel "Überlebensgroß" gefällt mir ausnahmsweise tatsächlich besser als der Originaltitel "The Knot" (wobei dessen Mehrdeutigkeit im Englischen auch durchaus passend ist). Dominic empfindet die selbstbewusste Victoria immer als "überlebensgroß" und sich selbst im Vergleich dazu als unbedeutend und langweilig, bis er irgendwann begreift, dass auch er im nötigen Moment über sich selbst hinauszuwachsen imstande ist.