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Miami Punk

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Der Atlantik hat sich über Nacht von der Küste Floridas zurückgezogen und eine Wüste hinterlassen. Kreuzfahrtschiffe rosten im Sand vor Miami, die Hotels bleiben leer, der Hafenbetrieb ist eingestellt und selbst die Dauerwerbesendungsindustrie liegt am Boden. Mittendrin eine überambitionierte Indie-Game-Programmiererin, eine strauchelnde Arbeiterfamilie, eine junge Soziologin und ein E-Sport-Team aus Wuppertal. Witzig und traurig, düster und labyrinthisch: »Miami Punk« ist ein Roman über die Bedeutung von Arbeit, über Herrschaft und Macht und über einsame Nächte vor dem Computer.

640 pages, Hardcover

First published February 27, 2019

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Juan S. Guse

4 books17 followers

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1 star
6 (2%)
Displaying 1 - 30 of 30 reviews
Profile Image for Buchdoktor.
2,366 reviews190 followers
February 27, 2019
Zwischen Miami und den Bahamas hat sich der Atlantik zurückgezogen; im Gegensatz zu allen Klimawandeltheorien ist dort eine Wüste entstanden. Wer es sich leisten konnte, hat die Stadt lange verlassen. Der Norden der USA scheint noch nicht von dem Phänomen betroffen zu sein. Weil Häfen nicht mehr angefahren werden konnten und Touristen ausblieben, brach die gesamte Lebensgrundlage der Region weg. Macht und Wirtschaftskraft liegen inzwischen bei wenigen Konzernen und Interessengruppen. Ein Pizzalieferdienst übernimmt mit seinen Fahrzeugen zugleich die Überwachung der Bevölkerung, ein Chemiekonzern sponsert Bildung und Unterhaltung und die Aufgaben der ehemaligen Polizei und Feuerwehr wurden quasi als Leiharbeit an private Ringervereine ausgegliedert. Von dieser privatisierten Staatsmacht haben sich Todesschwadronen abgespalten, die dem Sicherheitsbedürfnis der Bewohner ganz und gar nicht guttun. Händler und eine japanische Community überdauern erfolgreich in der Wüste und eine Truppe von verurteilten Triebtätern zieht obdachsuchend umher, weil sie die Stadt nicht verlassen dürfen. Die neu entstandene Wüste ist als Rohstofflagerstätte begehrt, Verteilungskämpfe um das Hoheitsgebiet sind zu erwarten.

Für das zurückgebliebene Miami fehlt noch ein passender Begriff, es scheint eine Mischung aus Lebewesen, chemischer Reaktion und automatischen Prozessen zu sein. Eine ehemalige Stadt als Augmented Reality. Drängendste - zusammenhängende - Probleme in Guses dystopischem Szenario sind die Ungenießbarkeit des Wassers, eine Alligatorenplage und die Erhaltung der Bausubstanz; denn alle Gebäude wurden einmal auf Betonpfählen im Sumpf errichtet. In einem Hochhaus- und Geschäftskomplex wird als eSport ein Counterstrike-Turnier sattfinden, zu dem als Team Medusa eine Mannschaft aus Deutschland anreist. Die Ego-Shooter-Spezialisten wirken verunsichert, schließlich wurden sie vor der heruntergekommenen Stadt gewarnt.

In dieser Welt scheint die Zeit in den 90ern stehengeblieben zu sein, als Kinder bereits für die Welt der Online-Spiele lebten, bevor sie richtig Lesen und Schreiben gelernt hatten. Die anreisenden Gamer wirken wie in der Kindheit steckengeblieben; ihren Lebensunterhalt bestreiten sie mit Preisgeldern. In der männlich dominierten Szene der Online-Spiele ungewöhnlich, hat sich die junge Robin seit frühester Kindheit mit der Aufwertung von Spielen durch Inhalte des realen Lebens befasst. Unter dem Arbeitstitel „Das Elend der Welt“ ist die Verschmelzung von Realität und Spiel Robins Lebensaufgabe. Sie will das schwarze Loch beseitigen, die Leere, die Spieler überfällt, nachdem ein Spiel durchgespielt ist und alle Herausforderungen gemeistert sind. Robin hat schon früh erfahren, dass andere ihren Gedankengängen nicht folgen können; im Grunde ist Robin für ihre Welt überqualifiziert. Obwohl die Infrastruktur bereits zusammengebrochen ist, scheinen auch Arbeitskraft und Kompetenzen der anderen Bewohner allein für den Pizza-Lieferdienst gebraucht zu werden. Das Leben wirkt wie ein nicht endendes, von einem mächtigen Konzern gesponsertes Barcamp, solange niemand die Organisation des Alltags in die Hand nimmt.

Wie Miami als gigantischer Lost Place funktioniert, wirkt nicht unbedingt logisch. Wenn das Wasser ungenießbar ist, müsste Wassergewinnung organisiert und finanziert werden. Wer dort Mehrwert erarbeitet und in den Wirtschaftkreislauf einbringt, ist mir nicht klar geworden. Selbst wenn es ein bedingungsloses Grundeinkommen gäbe, müsste der ausgezahlte Betrag vorher erarbeitet werden – von wem?

Mehrere Handlungsstränge geben Einblick in die Clique um Robin, blicken zurück auf Robins persönliche Entwicklung und lösen das Rätsel, wer oder was eigentlich Hideo ist. Überwachungs-Protokolle und die Perspektive von Möbelstücken steuern weiterer Sichtweisen bei.

Meist durch die Gamer-Brille gesehen, öffnet Guse seiner in den 80ern geborenen Generation einen Blick in die Zukunft. Was sie geschaffen, entdeckt und gesammelt hat, wird mit ihr verschwinden, seien es Examensarbeiten, Erfindungen, Spielstände oder Projekte. Alles, was man sich wünschen könnte, ist bereits beim Kauf veraltet oder wertlos. Von der Macht weniger Großkonzerne, dem beschränkten Horizont in der eigenen Blase, über Casting-Wahnsinn, Romanschreibende KI, das Framing durch Medien, politisch korrekt mäandernde Sprachhülsen - Guses Welt hält Lesern der Gegenwart gekonnt den Spiegel vor.

Auch wenn mir für einen Umfang von 600-Seiten im Roman eine Spannungskurve gefehlt hat, erlebe ich Robin als faszinierende Protagonistin – über die Rolle von Frauen in der Gamer-Szene ist noch längst nicht alles geschrieben.
Profile Image for Nils.
22 reviews39 followers
July 7, 2019
Das Meer fand ich schon immer doof; gut, dass es jetzt weg ist.
Profile Image for Electric.
627 reviews1 follower
September 1, 2019
Wie viele der folgenden Begriffe/Namen kennst du: Warhammer 40K, Bruno Schulz, Counter Strike, Lucas Arts, J.G. Ballard, Judge Dredd, Dune, Walter Benjamnin, SNES, Snow Crash, Secret of Mana, Julio Cortazar, Twitch, Neuromancer, Call of Cthulhu (das P&P RPG). Mehra als 10? Dann wirst du mit diesem komplexen, ausufernden, puzzleartigen Monster von einem Buch definitiv eine gute Zeit haben. Weniger als 5: Ruf den Typen an, den du mit 15 ausgelacht hast, weil er Zinnminitauren bemalt hat oder bleib lieber gleich bei Stranger Things. Eine faszinierenderweise ziemlich gegenwärtige Cyberpunk-Meta-Meditation, der man auch gewisse Längen verzeiht. Auch für Fand von Nolte und Senkel. Wat´rum Fischer allerdings keinen effektvolleren Schutzumschlag hinbekommen hat (siehe letzte Murakami VÖ) ist mir allerdings ein Rätsel.
Profile Image for Elinor Richter.
73 reviews8 followers
April 13, 2019
Selbst ambitionierte Gamer oder Nerds hätten bestimmt Schwierigkeiten, sich durch dieses Werk zu ackern (falls sie überhaupt Romane lesen), denn Guse macht es einem wahrlich nicht leicht. Ich habe mir, so wie ich das zwanghaft fast immer halte, alles brav durchgelesen, selbst wenn ich keinen Schimmer hatte, worum es gerade ging, dnn es blieb immer noch genug Handlung, die mich begeisterte und förmlich einsog. Fast wäre ich geneigt, fünf Punkte zu vergeben, doch dann käme ich mir wie eine Hochstaplerin vor. Ich möchte es diesem Rezensenten überlassen, euch angemessener und tiefgreifender zu informieren:
https://www.sueddeutsche.de/kultur/jo...
Profile Image for Sven Henrichs.
12 reviews5 followers
June 22, 2019
Nachdem ich über mehrere positive Rezensionen (u.a. auf welt.de, spiegel.de und zeit.de) gestolpert und ohnehin ein großer Cyberpunk-Fan bin, konnte ich irgendwann nicht mehr widerstehen und musste in der Buchhandlung meines Vertrauens zuschlagen.

Nach knapp zwei Wochen Lektüre bin ich nicht wirklich enttäuscht, aber auch nicht unbedingt begeistert.

Die Zutaten sind im Grunde alle da: quasi-postapokalyptische Themen und Ereignisse, Mysterien und Verschwörungstheorien, radikale und paramilitärische Subkulturen, Kapitalismuskritik, zerissene Charaktere und Sozialstrukturen, Technologie.

Das große Aber: als Fan des Genres beschleicht einen permanent das Gefühl, dass der Autor zu sehr und zu gezwungen versucht, seinen nicht zu verhehlenden Vorbildern nachzueifern. Das Ergebnis ist zu gewollt, zu inkonsistent. Eher ein Snow Crash 0.2 als ein Neuromancer 2.0. Eigentlich schade. Das Zeug bzw. die Themen dazu sind/waren auf jeden Fall vorhanden.

Herausgekommen ist letztlich ein ganz netter, aber insgesamt wenig fesselnder, deutscher Cyberpunk-Roman, der so viel mehr hätte sein können. Eines ist "Miami Punk" aber definitiv nicht geworden: "das ungewöhnlichste Buch des Jahres" (sorry welt.de).
Profile Image for Emi Atze.
73 reviews5 followers
August 14, 2024
Das ist für Leute, die die Schule gehasst haben, jetzt aber gerne zur Uni gehen.

Profile Image for Makeda.
16 reviews1 follower
December 3, 2025
Ich scheine das Gegenteil der Zielgruppe zu sein. Hatte kein bisschen Spaß:(

Update: Komme gerade von einer sehr süßen Seminarsitzung mit dem Autor, der wirklich sehr sympathisch war. Ich fand auch seine Ausführungen zu seiner Arbeitsweise und Gedanken zu dem Buch sehr spannend…. Das Buch ist trotzdem nichts für mich aber es ist wohl auch mit Absicht nicht für jede*n was 😬
Profile Image for Rahel.
296 reviews29 followers
April 21, 2020
Was für ein Buch, was für eine Wucht!

Ich muss gestehen, dass ich mich anfangs schwertat, mich an die herumspringende Erzählweise zu gewöhnen und hier und da längere Lesepausen eingelegt habe. Im Nachhinein ärgere ich mich dies sehr: viele Erzählstränge baumeln noch vor mir herum, wobei ich davon ausgehe, dass ihre Auflösungen bereits in den ersten 200 Seiten aufgeführt werden. Nichtsdestotrotz: ein tolles Buch, das sich - meiner Meinung nach - mit keinem anderen aktuell lieferbaren Titel vergleichen lässt. Jedes Segment hat seinen eigenen Erzählstil und man ist als lesende Person angeregt, selber seinen Kopf einzuschalten und Schlüsse zu ziehen.

Zugegeben, einige Passagen sind schwieriger zu lesen (ich bin maßlos ungeübt darin, akribische Beschreibungen von Counter Strike Taktiken und vier-seitige leerzeichenlose Schilderungen zu lesen), doch dies nimmt man dank der spannenden Geschichte gerne in Kauf. Es gibt vielleicht zwei Leute in meinem Umfeld, denen ich dieses Buch schenken könnte, denn zugänglich und einfach zu lesen ist es wirklich nicht. Die Themen und Settings sind nicht unbedingt massentauglich, aber dennoch muss ich sagen, dass mich Guse mitgerissen hat.

Es gibt Bücher, die einen herausfordern und anstacheln, weil sie vor Geschichte und Informationen so triefen, dass einem der Kopf zu rauchen anfängt. Ich bin froh, die Herausforderung angenommen zu haben, denn jetzt kann ich sagen, dass Miami Punk mit in meinen Favoriten-Kanon aufgenommen und stückchenweise wieder gelesen werden wird.

EDIT: Nachdem ich mir die anderen Reviews durch gelesen habe, würde ich mal ganz platt sagen, dass Miami Punk Cyberpunk ist für Leute, die kein Cyberpunk (ge)lesen (haben).
Profile Image for Alvar Borgan.
62 reviews6 followers
March 3, 2021
Abgebrochen. Langatmig und selbstverliebt. Außerdem voller Abkürzungen, vermutlich, damit der Text nicht noch länger wird, als er ohnehin schon ist.
Profile Image for Oliver Gehrmann.
48 reviews5 followers
January 8, 2025
„Miami Punk“ ist in einem alternativen Miami angesiedelt, in dem sich das Meer zurückgezogen hat und in dem eine Vielzahl an Figuren auf die Auswirkungen dieser absurden Katastrophe reagiert. Da ist Robin, die in einem riesigen Life-Science-Konzern arbeitet und in ihrer Freizeit avantgardistische Computerspiele programmiert, die an der Verschmelzung zwischen Realität und Spiel arbeiten. Ihr Cousin Lint, der sein Glück bei einem mysteriösen spiritualistischen Kongress sucht. Robins Freundin Daria, die in einer ebenfalls mysteriösen Behörde die Verschwörungen in der Stadt erforscht. Und dann ist da noch ein namenloser Ich-Erzähler, der Teil eines E-Sport-Teams aus Wuppertal ist und mit seinen Partnern zum letzten großen Counterstrike 1.6 Turnier angereist ist.

Die Handlung steht in diesem über 600 Seiten langen Roman nicht wirklich im Fokus. Stattdessen besteht eher aus einem weitverzweigten Netz an Erzählsträngen, Perspektiven, Querverweisen, Textformen usw. Es gibt: Illegale Pilgergruppen, die ihre Hoffnung in der plötzlich aufgeploppten Wüste suchen, deren Betreten eigentlich verboten ist, eine Alligatorenplage, die von Ringervereinen (Ja, Wrestling-Ringer) bekämpft werden, den Rowdy-Yates-Komplex, in dem der besagte Kongress tagt, Verschwörungstheorien, einen Pizza-Lieferservice, dessen Lieferwagen mit einer Art riesigem Gummiband auf die Straßen Miamis geschossen werden, Glitches, Abhandlungen über „Age of Empires 2“ Strategien, minutiöse Counterstrike-Analysen und eine Menge weiterer obskurer Dinge.

Das fühlt sich an, als würde Juan S. Guse versuchen, sich an die Struktur von Open-World-Computerspielen in Literaturform anzunähern, was immer wieder zu enorm experimentellen und gleichzeitig wirklich lustigen Momenten führt. Es ist vielleicht DER große Roman über Computerspiele und digitale (Lebens-)Räume voller Querverweise, mit denen Literatur-Gaming-Sci-Fi und Soziologie-Nerds ihre wahre Freude haben werden. Ein verspielter Text voller Sprachwucht, Experimentierfreude, soziologischen und philosophischen Beobachtungen. Einer der abgedrehtesten und dichtesten und voller Ideenreichtum sprudelnden Romane, die ich je gelesen habe. Das ist nicht immer leichte Kost, aber eben auch nicht so sperrig wie befürchtet, vor allem wenn man ein bisschen Computerspiel-Faible und Interesse an Abschweifungen mitbringt.
Profile Image for Zweiundvierzig.
141 reviews1 follower
August 27, 2019
Leider hat‘s mich überhaupt nicht überzeugt.
Die Story ist grundsätzlich ja ganz nett angelegt, die Protagonisten verzetteln sich aber in ihren Handlungen so derart, dass das Lesen sehr ermüdet.
Natürlich kann man einwenden, dass genau DAS das erstarrte Leben in Miami so gut spiegelt, aber ich muss mich nicht durch 600 Seiten quälen, um die Qualen der Bewohner nachzufühlen.

Nee, nee, nee.
Profile Image for Pascal.
47 reviews2 followers
July 28, 2024
DNF nach 230 Seiten. Mühsam, kryptisch, quälend verquatscht, sehr langweilig (für mich) Scheint seinen Status in der Gameskultur rein daraus zu beziehen, dass es Counter-Strike bierernst als Thema einer der vielen Hauptfiguren einbaut. Vielleicht kommt da ja noch was, aber bis dahin hab ich es dann nicht ausgehalten.
7 reviews2 followers
January 19, 2025
Eines vorweg: Miami Punk ist ein großartiger Text. Worum geht es? Kurz gesagt: Um das Leben in Miami; aber nicht das reale Miami unserer Gegenwart. Guse erzählt uns von einer alternative history in der sich das Meer zwischen Miami und den Bahamas auf mysteriöse und unerklärte Weise zurückgezogen hat, unbelebte, karge Wüste hinterlassend wo einst Wasser gewesen ist und die Bewohner:innen Miamis zurücklassend, die einst ihrem regulären Leben nachgegangen sind. Denn der Rückgang des Wassers stürzt die Stadt und ihre Bewohner:innen in eine Krise. Miami Punk handelt vom Leben in diesem Miami, den Bewältigungsstrategien, Lebensweisen und Handlungsorientierungen seiner Bewohner:innen, den verschiedenen Versuchen, in einer plötzlich instabil gewordenen Welt Sinn zu finden.

Einige Beispiele: Robin, die einem unerfüllenden Job in einem großen Konzern nachgeht und hobbymäßig experimentelle Computerspiele erschafft; Daria, die in einer staatlichen Behörde arbeitet, welche die mysteriösen Vorgänge in der Stadt durch empirische Nachforschungen aufzudecken versucht; Lint, der im sogenannten Kongress alternative Vorträge besucht und durch eine Pilgerung ins Wüste gewordene Meeresgebiet sein sinnleeres Leben zurücklassen möchte; eine Deutsche, die Miami besucht, um das wohl letzte CounterStrike 1.6 Turnier zu spielen; Ringervereine, die es sich zum Ziel gesetzt haben, die unzähligen und allgegenwärtigen Alligatoren in Miami zu bekämpfen; Menschen, die seit dem Rückgang des Meeres ihren Job als Dockarbeiter verloren haben, aber dennoch einsichtslos jeden Tag vorort so tun, als ob sie noch arbeiten würden, Tätigkeiten simulierend; u.v.m.

Die abgekürzte Aufzählung wird der Reichhaltigkeit der dargestellten Lebenswelten keineswegs gerecht und kann nur einige der Puzzleteile benennen, die durch ihr Nebeneinander und Ineinandergreifen das Bild eines leicht dystopischen Erzählwelt immens anschaulich machen. Diese raffinierte Verwebung unterschiedlicher Elemente geht einher mit einem weitestgehenden Desinteresse, eine stringente, abgeschlossene und auf ein Ziel gerichtete Handlung zu verfolgen. Vielmehr ist es genau diese auswuchernde Breite eines erzählten Möglichkeitsraums, diese lebendige Ausstaffierung unterschiedlichster Figuren und ihres Daseins und diese umfangreichen Ausführungen zahlreicher Praktiken letztlich fiktiver Kulturen und Milieus, die Miami Punk als Text auszeichnen, spannend machen und die Lesenden in einen immensen Sog ziehen. Nach der Lektüre KENNT man dieses Miami.

Den diversen fragmentierten Lebensweisen und Lösungsstrategien der Bewohner:innen wird Guse durch ein ebenso fragmentiertes Erzählverfahren gerecht: hier deckt sich Inhalt mit Form. Wir folgen beim Lesen nicht einer Perspektive, sondern blicken durch eine Vielzahl von Sichtweisen auf die erzählte Welt: multiperspektives Erzählen trifft auf Vielstimmigkeit der Form. Der Text, der durch eine Vielzahl von unbenannten, unnummerierten Kapiteln strukturiert ist, wechselt von Kapitel zu Kapitel nicht nur zwischen den Perspektiven, sondern auch zwischen der Darstellungsformen, sodass man gar von einer collageartigen Anordnung diverser Erzählelemente, von einer fiktiven Intertextualität sprechen kann: Protokolle von Audiodateien, Transkripte von qualitativen Interviews, Zitate aus Zeitschriften und aus wissenschaftlichen Artikeln, Webseiten-URLs, fiktive, editierte Tagebucheinträge, u.v.m. wechseln mit konventionellem Erzählen ab. Die vielstimmige Reichhaltigkeit der fiktiven Welt wird durch die Vielstimmigkeit der Erzählverfahren vermittelt und gewinnt an Lebendigkeit.

Die kreative Formvielfalt macht Miami Punk zu einem aktiven, abwechslungsreichen, überraschenden, anregenden - und nicht zuletzt äußerst vergnüglichen - Leseabenteuer; zu einem gelungenem Experiment, bei dem Form und Inhalt überzeugen, weil sie einander verstärken.

Absolute Leseempfehlung für alle, die mal etwas anderes lesen wollen.
Profile Image for Michi.
562 reviews4 followers
June 5, 2021
From a seemingly endless array of points of view, this book depicts a city slowly circling the drain in a variety of more or less bizarre ways after an inexplicable natural catastrophe. I found the tone of this book very hard to grasp because it vacillates wildly between hyper-realistic and utterly surreal, but one thing was clear from the very first chapters: This book is extremely experimental.
Some parts of that experiment worked for me: The constant shifts of points of view and different styles of writing (first person, third person, present, past, diary entries, essays and dissertations, log files, etc.) created an image of a whole society while still regularly returning to a few characters whose lives reflected that society particularly well. The fact that the events are set "5 minutes in the future" but practically all the (many, many, many...) references to pop culture and video game culture were vintage well before this book was written evokes a feeling of stagnation that is in line with the mood of the rest of the book.
Some of the experiment really did not work for me at all, though. No, I do not need blow-by-blow accounts of a Counterstrike tournament, I really, really don't. And I need several chapters written entirely without spaces, punctuation or capital letters even less (I sure hope they didn't contain anything plot-relevant because I am NOT wasting time trying to decipher that). I was also a little bothered by the impression that, despite being set in Miami and only one group of protagonists being German, a lot of the atmosphere seemed somehow culturally German (the only specific examples I can point to are repeated references to specifically German niche intellectuals, the fact that registered associations aren't culturally or legally a thing in the US and the idea that people wear special slippers at home is so not a thing in the US that it comes up in every second "Culture shocks when moving to Germany" video, but aside from these minor details it was also a general impression I kept getting that I can't quite put my finger on.) Also, in yet another instance of "Things that made it hard to get immersed", the dialogues were incredibly stilted and unnatural-sounding. Perhaps that was an intentional immersion-breaking element, though.
Profile Image for Fabian Neidhardt.
Author 7 books20 followers
October 11, 2019
Das Meer zieht sich von Miami zurück und die Stadt liegt auf dem Trockenen. Ein halbes Dutzend Protagonisten kämpfen sich durch ihre eigene Version der Realität und Guse schreibt sie nieder. Manchmal ineinander verzweigt, manchmal fragmentarisch und unabhängig. Juan S. Guse macht es mir nicht leicht und obwohl ich das Buch in knapp einer Woche am Stück lese, muss ich zurückblättern und gucken, ob ich irgendwas überlesen habe, weil manche Dinge ganz komisch zum ersten Mal auftauchen.

Ich muss an David Foster Wallace denken und an Joshua Cohen und was für die beiden gilt, greift auch hier: Es ist ein anstrengendes Buch und nicht immer weiß ich, wo ich bin oder was ich davon halten soll, aber ich werde belohnt: Mit Unterhaltung, mit Ideen, mit Schmunzeln und Trauer und mit neuem Wissen. Wobei ich immer wieder nachschlagen muss, was so auch bei Wikipedia steht und was Guse sich ausgedacht hat. (Was nicht bedeutet, dass diese Sachen ein und dasselbe sein könnten.) Ich bin sehr gerne in dieser Welt.

Ich bin ziemlich froh, dass Verlage wie S. Fischer heute noch solche Bücher machen, die garantiert kein großes Publikum erreichen. Aber die es erreicht, die sind dankbar drum.

Leider nur, mal abgesehen vom Design, wird Haptik des Buches nicht dem Inhalt gerecht. Der Einband und auch die Klebebindung fühlen sich an wie die Club Bertelsmann Lizenzausgaben von vor 20 Jahren. Das ist schade. Ich hätte dem Buch mehr gegönnt.
Profile Image for Hanna.
646 reviews85 followers
August 22, 2023
Miami Punk war die Empfehlung eines Freundes, dessen Humor ich schätze. Er hat nicht erwähnt worum es bei dem Buch geht, nur dass er sich prächtig amüsiert hätte. Und ja, amüsiert habe ich mich wirklich, auch wenn ich mir bis zum Schluß nicht sicher bin, WAS genau ich da eigentlich gelesen habe. So geht es mir aber mit einigen meiner Lieblingsbücher: Infinite Jest zB., an das mich Miami Punk stellenweise auch sehr erinnert hat; Die Nase, oder auch Only Revolutions. Gute Literatur muss nicht unbedingt “Sinn” machen. Dieser Roman ist so unglaublich clever, einerseits nahezu dadaistisch, dabei aber sehr tiefgründig und intellektuell (ohne dabei von oben herab auf die Leser*in zu blicken). Ich mochte die unglaublich wahnwitzigen Ideen des Autors, das gesamte Setting, die unterschiedlichen Stilmittel, kurzum, ich fühlte mich über die gesamten 670 Seiten blendend unterhalten, auch wenn es von Zeit zu Zeit ein paar Stellen gab die sich etwas gezogen haben (deshalb auch nur 4 Sterne).
62 reviews8 followers
May 12, 2021
Das ist mehr Kunstprojekt als Buch.
Ich bin nun auf Seite 103 angekommen und weiter werde ich kaum gehen. Die Plotentwicklung bisher könnte man in 2 Sätzen zusammenfassen, alles andere war Charakterisierung wenn man Glück hatte und es nicht nur viel Text für nichts war. Auf Seite 103 weisst du das Layout der Counterstrike-Karte de_dust, aber was die oft erwähnten "Ringervereine" genau sind wurde nie erwähnt, vermutlich was wie Jugendgangs, die sich als Security aufspielen.

Das Problem ist, dass der Autor nicht nur Protagonist einmal pro Kapitel wechselt, sondern auch den Schreibstil anpasst. Zuerst ist das ja nett genug, aber der Reiz des Neuen verfliegt schnell, da so gut wie keiner der Stile angenehm zu lesen ist. Ein Kapitel und die Sätze ziehen sich über ganze Seiten hin. Ein Kapitel und es ist geschrieben wie ein Kind in einem Schulaufsatz schreiben würde, weil es wohl einer sein soll. Ein Kapitel weiter und der CS-Gamer schreibt und jedes "und" ist als "u.", jedes "oder" als "o." und so weiter abgkürzt.
Und nun, auf Seite 103, sind 8 Seiten ohne Gross/Kleinschreibung, ohne Satzzeichen und ohne Leerzeichen. Das wäre schon für einen Absatz ermüdend aber geschlagene 8 Seiten?

Ich denke nicht, dass ich noch die Nerven dafür habe. Plotentwicklung war langsam genug und die interessanten Informationen spärlich genug, dass ich nicht unbedingt wissen muss, wie es endet.
Profile Image for Subliminal.
128 reviews3 followers
September 17, 2019
Eine wilde Mischung aus David Foster Wallace' "Infinite Jest", Neal Stephensons "Snow Crash" und Roberto Bolaños "2666". In der holografischen Erzählung, die verschiedene experimentelle Textformen nutzt, geht es um Verlust, Jugend, Perspektivlosigkeit, Spiritualismus, Games, Eskapismus und der Suche nach dem Sinn des Lebens. Wer nicht neurotisch nach einer Identifikationsfigur (die es durchaus gibt) oder einem Plot (der eher im Hintergrund wirkt) oder einer stringenten Dramaturgie (sie ist sehr komplex) sucht, der wird an diesem Buch, das für den deutschen Sprachraum durchaus singulär ist, seine Freude haben. Ich hätte lieber 4,5 Sterne gegeben, habe aber aus Sympathie für den Autoren auf 5 aufgerundet.
57 reviews
July 31, 2025
Ernsthaft: eins der besten Bücher, die ich seit langem gelesen habe, vor allem in deutscher Sprache. Es ist kompliziert, vielschichtig, verschachtelt, und dennoch sehr kurzweilig. In diesem Sinne hat es mich doch sehr an Infinite Jest erinnert, nur, dass hier Counter Strike-Spiele über Dutzende Seiten beschrieben werden, und nicht Tennispartien. Und nein, ich denke nicht, dass man ein Nerd sein muß, um diesem Roman etwas abzugewinnen, obwohl es sicherlich geholfen hat, dass ich davor Bücher wie Snow Crash und Neuromancer gelesen hatte. Viele Charaktere und Orte wuchsen mir auf diesen 640 Seiten ums Herz, und ich hätte noch Hunderte Seiten länger lesen können.
Warum ist dieses Buch nicht viel bekannter?
2 reviews
March 3, 2021
Ein toller außergewöhnlicher Roman mit einer detaillierten Liebe zum Videospiel. Die nur angehauchte postapokalyptische Situation in Miami, die ungewöhnlichen Storys im Stile des Cyberpunks und die wunderlichen Wendungen, machen einfach Spaß.
Ein klarer Geheimtipp für Liebhaber der alten Videospielgeneration.
Profile Image for Ges Anadasmos.
15 reviews1 follower
January 26, 2025
Im Grunde eine Aneinanderreihung skurriler Ereignisse und Gespräche über Gott und die Welt, vor allem über Computerspiele und akademisch-aktivistische Subkulturen. Einen Spannungsbogen oder irgendeine Art von Plot sucht man aber vergeblich. Ganz unterhaltsam wenn man was mit den behandelten Themen anfangen kann, sonst ziemlich anstrengend zu lesen.
1 review
March 4, 2021
Bester deutscher Roman seit Jahren...immer noch. Ja, frau muss intellektuelle dystopische Literatur mögen, auf wem das zutrifft, wird nicht enttäuscht sein. Traurig, lustig, zutiefst menschlich, und radikal in Breite und Vision. Ich liebe dieses Buch!
5 reviews
December 12, 2021
Meisterlich geschrieben, emotional, interessant! Troz eines unfassbasbar tollen Universums verliert sich die Geschichte leider in totaler Belanglosigkeit, schade! Ich hätte gerne mehr Zeit in Miami verbracht.
18 reviews
August 4, 2023
Was für ein Fiebertraum! Ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll.
Die dichte Atmosphäre reißt einen derart mit, dass einem kaum auffällt, dass man nicht wirklich versteht was überhaupt passiert.
Ich hätte nicht gedacht, dass mich die Strategie hinter Counter Strike so faszinieren würde.
Profile Image for Jule.
819 reviews9 followers
October 25, 2020
Das Einzige, womit ich dieses Buch ansatzweise vergleichen kann, ist Chuck Palahniuk. Es ist eine bizarre Welt - fast unsere eigene, aber nicht wirklich - mit seltsamen Ereignisses, Charakteren, Lebensumständen. Eine ganze Reihe an Figuren lebt im Plot nebeneinander her, einige haben am Rande Einfluss auf andere Figuren, aber die meisten treffen nie aufeinander. Vieles erinnert uns ermahnend an unsere eigene Welt und die Dinge, die wir in ihr tun; vieles ist einfach nur bizarr - und nichts wird richtig erklärt. Es ist ein Roman, in dem es um den Klimawandel geht, um Community (sei es bei Hausbesetzern / Fan-Conventions / Fachmessen [was hier alles eins ist!], sei es in der Gaming-Community), um Medien und besonders um Werbung, um Arbeit und Arbeitslosigkeit (ehrenamtliche Arbeit, die nicht bezahlt wird, aber erfüllt; sinnlose Beschäftigungs-Therapie in Behörden; Arbeitslose, die einfach weiter auf ihre Arbeitsstelle gehen, weil sie nicht ohne leben können), um das Leben in Städten und um einiges mehr. Es ist ein monumentales Buch, das sowohl locker zweihundert Seiten kürzer als auch fünfhundert Seiten länger hätte sein können.
Profile Image for A.L.K..
Author 2 books2 followers
December 22, 2024
(read for class) hat mehr Spaß gemacht beim zweiten Mal lesen als beim ersten :) ein paar unfassbar tolle Zitate. Würde es definitiv noch ein drittes Mal lesen!
Displaying 1 - 30 of 30 reviews

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