"Ein Psychogramm der arabischen Seele" - was in ihrer Religion lässt Muslime so werden, wie sie sind, und wie sind sie überhaupt, psychologisch gesehen? Das klang sehr interessant, aber letztlich stimmten meine Erwartungen und das Buch anscheinend nicht überein. Und sicherlich soll es auch polarisierend sein: mir hat es nicht gefallen. Burkhard Hofmann berichtet durchaus über einige interessante Erkenntnisse, die er verständlich erklärt. Ich fand aber, dass das Buch im Großen und Ganzen öfter essayistisch als sachlich war. Es ist zumindest kein klassisches Sachbuch. Doch das ist eine persönliche Meinung, die nicht jeder teilen muss.
Ganz anders hingegen der Schreibstil. Ab und zu hat sich der Autor mächtig im Ton vergriffen und wird spöttisch, umgangssprachlich und schlichtweg intolerant. Das fängt mit Ausdrücken wie "halt irgendeine Schlampe" an, die eventuell Zitate von den Patienten sind, aber nicht deutlich genug als solche gekennzeichnet werden. Es geht weiter mit der mehrmaligen (überhaupt wiederholt sich einiges Wort für Wort) Betonung der "Rückständigkeit" der ganzen Region Saudi Arabien. Ich will hier nicht alles aufzählen, aber während mich zum Beispiel die Bezeichnung "Vermummung" für den Hidschab nur irritiert hat, war ich regelrecht schockiert über die Wortwahl "Schlabberlätzchen" für die Nikab-Verschleierung. Das ist schlichtweg geschmacklos. Auch an anderen Stellen kommt eine verwunderliche Abwertung zu Tage: "Islam bedeutet Unterwerfung" - ja, oder man hätte gutmütiger das Synonym "Hingabe" wählen können, was dann schon ganz anders klingt.
Davon abgesehen wirkt Herr Dr. Hofmann manchmal sehr arrogant, beschreibt sich selbst in den Therapiegesprächen als "gelangweilt", "genervt", "verärgert" und "ungeduldig". Das ist sicherlich keine Art von Therapeut, in dessen Hände ich mich begeben würde. Aber darum geht es nicht - dennoch: das führt dazu, dass das Buch nicht unbedingt sympatisch wirkt und einem die Lust am Weiterlesen vergeht. Außerdem schreibt der Autor, er hätte es nicht nötig, mehrere Patienten für das Buch in eine Person verschmelzen zu lassen, da einer stellvertretend für alle steht, denn sie haben alle dieselben Probleme.
Und das war mein Problem: am Ende fand ich das Ganze zu stereotyp, zu einseitig, zu pessimistisch. Das Fazit ala "Unsere Kulturen sind zu verschieden, wir sollten lieber getrennt bleiben" passt meiner Meinung nach nicht in die heutige Welt. Gerade jetzt brauchen wir eher Bücher, die dazu anregen von einander zu lernen und sich anzunähern, statt einfach im Angesicht der Unterschiede aufzugeben. Ich habe jetzt echt Lust, ein Buch zu lesen über die verbindende Kraft des Glaubens (jeder Richtung), über Religion als Stütze, über erfolgreiche interreligiöse Beziehungen ... Aufrütteln ist ja schön und gut, aber dabei darf man weder abwertend noch vereinfachend werden.
~ Danke an den Verlag Droemer Knaur, der mir ein kostenloses Exemplar zur Verfügung stellte. Diese Rezension wurde freiwillig verfasst und spiegelt lediglich meine Meinung wieder.