Ein sehr beeindruckendes Buch eines Schriftstellers, von dem ich bislang noch nichts gehört habe.
Der Ich-Erzähler – ein Mann, der aus Polen stammt und nun als Schriftsteller in Berlin lebt – lässt sich durch die Stadt treiben und macht dabei Bekanntschaft mit Menschen, die ebenfalls aus Polen stammen. Im ersten Teil trifft er eine Architektin, die in Schöneberg lebt und diesen Stadtteil nie verlässt (weil, wie sie sagt: Jede Stadt ist, strukturell gesehen, ähnlich), im dritten Teil lernt er bei der Arbeit einen ehemaligen Arzt kennen, der von seiner unglücklichen Ehe und dem Verlust des Sohnes erzählt. Dazwischen, im zweiten Teil und damit im Zentrum des Romans, erlebt der Erzähler mittels Fernsehnachrichten den Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt und wie dies einige Zeit seine Wahrnehmung beim Laufen durch Berliner Straßen beeinflusst.
Man streicht beim Lesen dieses Romans ständig Stellen an, weil man recherchieren möchte, wo in Berlin sich der Erzähler gerade aufhält, über welche historische Person oder welchen polnischen Ort berichtet wird, weil der Satz so schön ist, zum Beispiel:
Denn die Menschen können ohne Zuversicht nicht leben. Ohne Zuversicht beginnen sie zu hassen. Und schließlich, über kurz oder lang, fangen sie an, sich für diesen Mangel an Zuversicht zu rächen. Ihre Wut lenkt sich um: auf eine Zugverspätung, auf den Verlust der Ersparnisse, darauf, dass ihre Wohnung kleiner ist als die eines Nachbarn.
Diese Aussage der Architektin, so wird einem später klar, ist vielleicht auch ein Erklärungsversuch für die im zweiten Teil geschilderte Gewalt? Auch scheinen die Erzählungen über Exil, Migration und Fremdheit irgendwie mit diesem Aspekt unserer Gegenwart verbunden zu sein. Dabei wird das so, wie ich das hier interpretiere, im Roman nie benannt. Es sind einfach Gedanken, die einem beim Lesen kommen.
Wie es die Aussage der Architektin nahelegt, legt sich über das Erleben Berlins immer wieder die Erinnerung an andere Städte, vor allem in Polen oder der heutigen Ukraine. Aber nicht nur das: Gegenwart assoziiert auch ständig Vergangenes: Nationalsozialismus, Sozialismus, Kindheitserinnerungen, Gedenken an Tote (Friedhöfe werden mehrmals erwähnt und besucht). Das macht die Geschichte ungemein dicht, berührend. Und die Sprache ist sehr einnehmend.
Es geht oft um die Nähe von Leben und Tod, um Vergänglichkeit, wie in der Beschreibung eines Teils des Sophien-Kirchhofs in Berlin:
Auf der anderen Seite erhob sich die unverputzte Seitenwand eines Wohnhauses. Es sah aus, als wäre die angrenzende Häuserzeile an dieser Stelle einfach abgeschnitten worden, mitsamt Innenhof, Hinterhaus und Gartenhaus, als sei der Sophien-Kirchhof II den Leuten hier hineingebaut worden in ihre Leben, die sie direkt hinter der unverputzten Wand im Wohnzimmer, der Küche oder im Badezimmer im dritten Stock führten.
Auch gefiel mir, wie sehr die beschriebenen Figuren nach und nach jeden Ehrgeiz hinter sich lassen. Oder ist es doch die beschriebene Zuversicht, die sie verlässt? So führt der ehemalige Arzt aus, vielleicht als Kontrapunkt zur Architektin:
Soll ich wirklich eine Annäherung an einen neuen Menschen auf mich nehmen? Soll ich all die anstrengenden Phasen, die das mit sich bringen wird, aufs Neue durchlaufen? Oder soll ich nicht lieber die Schwere der sich ansammelnden Jahre annehmen und mich dieser Schwere fügen?
Ein wenig irritiert dagegen hat mich, dass die Frau des Erzählers, Veronika, so merkwürdig blass bleibt. Während der Erzähler sehr viel von anderen Menschen, denen er begegnet zu erzählen weiß. Aber andererseits, erfahren wir auch über den Erzähler selbst wenig, mehr scheint er wie ein Sprachrohr der Geschichten anderer.
Ein wirklich schönes, tiefsinniges Buch, das für den Leipziger Buchpreis nominiert war und leider den Preis nicht gewonnen hat.