Wenn in fernen Galaxien Vertreter verschiedener Spezies in gegenseitiger Leidenschaft entbrennen, überwindet die Liebe dann wirklich alle Hindernisse und Konventionen? Wie ohne gemeinsame Sprache leidenschaftliche Empfindungen vermitteln? Was, wenn die Andersartigkeit des Objektes der Begierde keiner irdischen Lebensform ähnelt? Wie lassen sich körperliche Sehnsüchte erfüllen, wenn gänzlich unterschiedliche Körperform und -funktion eine Vereinigung verhindern?
Diesen und anderen Fragen erstaunlicher Natur stellen sich 15 vom Herausgeber Detlef Klewer ausgewählte Sciencefiction-Stories über intergalaktische Liebe, Leidenschaft, Eifersucht, Begierde und Sinnlichkeit.
Mit Geschichten von: Alvar Borgan * Nina Casement * Anna Eichenbach * Christoph Grimm * Maximilian R. Herzig * Erik Huyoff * Florian Krenn * Carolin Lüders * Anna Mai * Anastasiya Maria * Nadine Muriel * S. Pomej * Norbert Schäfer * Nele Sickel * Lea Liselotte Wehler
Detlef Klewer (geboren 1957) verfasst als Autor Fantasy-, Mystery- Horror-, Steampunk- und Science Fiction-Geschichten und ist seit 2015 auch als Herausgeber im Horrorgenre tätig. Zudem arbeitet er als selbstständiger Coverdesigner, Illustrator und Comiczeichner für verschiedene Verlage.
„Alien Eroticon“ – der Titel klingt im ersten Moment dubios. Kann es gutgehen, wenn etwas so Intimes wie Erotik auf etwas so Fremdes wie Aliens trifft?
Mein Fazit: In diesem Falle geht nicht nur gut, es fasziniert sogar auf besondere Weise. Was daran liegt, dass die Erzählungen das Thema ernst nehmen und nicht einfach exotische Erotik liefern. Aber der Reihe nach.
Zunächst muss ich gestehen, dass ich selbst eine Geschichte beigetragen habe. (Deshalb vergebe ich auch keine Sterne.) Von mir stammt „Auf den Schwingen der Sternenfrau“. Hier begegnet ein außerirdisches, telepathisches Bewusstsein einem irdischen Mann. Es geht ums körperliche und geistige Verschmelzen der beiden, mehr sei nicht verraten.
Nach dieser Eröffnung folgen 14 weitere Erzählungen, die eine verblüffende Bandbreite abdecken, und ihr jeweiliges Metier durchweg so überzeugend behandeln, dass man als Leser die oft erstaunlichen Annäherungsversuche tatsächlich nachvollziehen kann. (Als Leserin bestimmt ebenso, denn viele Geschichten stammen von Autorinnen und / oder sind aus weiblicher Perspektive geschrieben.)
Ob sich Raumfahrer von primitiven Zivilisationen als Götter feiern lassen wollen, ob biologische Raumschiffe die Beziehung zu ihrer Pilotin vertiefen, ob Detektive fremdgehenden Spezies nachspionieren oder Forscher sich unverhofft beim Stelldichein mit einem Insekt wiederfinden: die Themenvielfalt lässt staunen. Tentakel kommen bei den Zeugungsritualen oktopus-artiger Aliens ins Spiel, auch klassische Schwangerschaften und das ewige Problem mit Männern, die den Mund nicht aufbekommen, findet man. Die Erzähl-Stile variieren von poetisch bis action-orientiert, von romantisch bis distanziert.
Herausheben möchte ich „Sier, Es, Ich“ von Lea Liselotte Wehler. Mit welcher Souveränität die erst 2001 geborene Autorin sich über jedes Schubladendenken hinwegsetzt, wie selbstverständlich sie ein buntes Viel-Spezies-Sonnensystem entwirft, dessen Bewohner sich längst nicht mehr fremd sind, wieviel Emotion sie in den Text packt, wie relevant ihre Botschaft ist – das ist unglaublich stark. Verdammte Axt, kann ich nur sagen.
Im Mittelunkt der Geschichten steht eigentlich immer die jeweilige Sicht auf außerirdisches Leben und Lieben. Die überraschende Auflösung, die zu jeder Kurzgeschichte gehört, bezieht sich oft eher auf einen Randaspekt, während der Kern der Erzählung (wie bei Lovecraft) bestätigt wird. Das kann man im Einzelnen als Manko sehen – der Knalleffekt am Schluss der Geschichten bleibt eher verhalten. Die wahre Stärke des Buches erschließt sich, sobald man mehrere Geschichten liest.
Dann passiert, was SF im besten Falle leisten kann: Man gewinnt einen neuen Blick auf sich selbst, weil die Fremdartigkeit des Geschehens das bisherige Verständnis von Normalität aufhebt. Durch den Blick in die Ferne schaut man zu guter Letzt aus der Ferne auf sich selbst zurück.
Dieser neu gewonnene Blick auf sich selbst ist hier besonders spannend, weil es um etwas so Intimes wie Erotik geht. Deshalb ist es durchaus ein persönliches Abenteuer, das Buch zu lesen. Ich wünsche viel Vergnügen!
Diese Sammlung mit fünfzehn erotischen SF-Geschichten fängt mit einer guten Geschichte von Alvar Borgan an, in der ein Mann am Strand eine Frau von den Sternen trifft. Eine “First Contact” Erzählung mit einer dem Thema der Anthologie entsprechenden erotischen Komponente - und mit Konsequenzen für den Strandspaziergänger.
Ganz stark fand ich “Sier, Es, Ich” von Lea Liselote Wehler: Sie beschäftigt sich mit Geschlechterrollen, spielt mit Leseerwartungen, versieht ihre Erzählung mit Fußnoten und ist auch in der Sprache innovativ, wenn sie von “sier” als Verschmelzung der Pronomen “sie” und “er“ schreibt.
Die Bandbreite der Geschichten ist groß: da wird in “Coleo” von Nadine Muriel die Liebe zu einer Insektoiden beschrieben und in “Die Verbindung” von Maximilian R. Herzig die Liebe zu einem Raumschiff. In “Neues Leben” von Carolin Lüders sind die Protagonisten Wasserlebewesen, die sich mittels biolumineszenten Stoffen verständigen. Liebe überschreitet die Grenzen zwischen den Völkern, was wie in “Die Phase” von Christoph Grimm auch einmal zu bösen Überraschungen führen kann. Hier ist es die Liebe einer Frau zu einem Außerirdischen, der anfangs geschlechtslos ist und dies später auch wieder wird.
Sehr gut gefallen hat mir z.B. auch “Aar” von Anastasiya Maria, eine Geschichte in der es darum geht, wie durch erotische Anziehungskraft die Grenze zwischen völlig verschiedenartigen Lebewesen überwunden werden kann.
Ohnehin enthält die Anthologie viele Geschichten um Kommunikation und das Zusammenkommen verschiedenartiger Lebewesen, es geht um die Überwindung von Unterschieden geistiger und körperlicher Art und dies gehört doch zu den spannendsten Themen der Science-Fiction und wird in vielen Facetten durchdacht.
Die Anthologie "Alien Eroticon" beinhaltet facettenreiche und spannende Geschichten mit einem gewissen Prickeln - sofern man als LeserIn auch Insektenwesen und/ oder Glibber durchaus als attraktiv empfinden kann.
Jedoch erwarten einen trotz diesem gewissen Etwas mehr Science-Fiction als Erotik, weshalb diese Thematik keinen Fan von außerirdischen Geschichten abschrecken sollte. Im Gegenteil, das Thema wird genutzt um tiefsinnige und zum Teil philosophische Problematiken und Aspekte aufzuzeigen, die mich zum Nachdenken angeregt haben.
Die Zusammenstellung empfinde ich als sehr gelungen, ebenso die Qualität allgemein. Mir haben dreiviertel der Geschichten sehr gut gefallen, was der Anthologie auch 5 Sterne von mir einbringt. Nicht alle teffen meinen Geschmack, aber das stelle ich mir bei einer Anthologie nahezu unmöglich vor.
Besonders hervorheben möchte ich folgende Geschichten, die mich besonders überzeugt und berührt haben:
Coleo - die süßeste mit einem unerwartet ernsten Hintergrund.
Amorphobilie - die krasseste, böseste und gleichzeitig erotischste.
Symbiose - menschlich, tiefsinnig und soooo schön.
Eine Kurzgeschichtensammlung ist immer schwierig zu beurteilen, in diesem Fall gibt es einige Werke die mich angesprochen haben und andere, die mich nicht fesseln konnten. Wer sich hier heiße Erotik und wilde Leidenschaft erwartet wird vielleicht etwas enttäuscht sein, denn es gerät mehr in das Reich aus Gefühlen und Biologie. Was jetzt nichts schlechtes ist, aber dennoch sei der Leser gewarnt, dass es mitunter überaus faszinierend sein kann, sich mit einem Wesen vom anderen Stern einzulassen.