„Alien Eroticon“ – der Titel klingt im ersten Moment dubios. Kann es gutgehen, wenn etwas so Intimes wie Erotik auf etwas so Fremdes wie Aliens trifft?
Mein Fazit: In diesem Falle geht nicht nur gut, es fasziniert sogar auf besondere Weise. Was daran liegt, dass die Erzählungen das Thema ernst nehmen und nicht einfach exotische Erotik liefern. Aber der Reihe nach.
Zunächst muss ich gestehen, dass ich selbst eine Geschichte beigetragen habe. (Deshalb vergebe ich auch keine Sterne.) Von mir stammt „Auf den Schwingen der Sternenfrau“. Hier begegnet ein außerirdisches, telepathisches Bewusstsein einem irdischen Mann. Es geht ums körperliche und geistige Verschmelzen der beiden, mehr sei nicht verraten.
Nach dieser Eröffnung folgen 14 weitere Erzählungen, die eine verblüffende Bandbreite abdecken, und ihr jeweiliges Metier durchweg so überzeugend behandeln, dass man als Leser die oft erstaunlichen Annäherungsversuche tatsächlich nachvollziehen kann. (Als Leserin bestimmt ebenso, denn viele Geschichten stammen von Autorinnen und / oder sind aus weiblicher Perspektive geschrieben.)
Ob sich Raumfahrer von primitiven Zivilisationen als Götter feiern lassen wollen, ob biologische Raumschiffe die Beziehung zu ihrer Pilotin vertiefen, ob Detektive fremdgehenden Spezies nachspionieren oder Forscher sich unverhofft beim Stelldichein mit einem Insekt wiederfinden: die Themenvielfalt lässt staunen. Tentakel kommen bei den Zeugungsritualen oktopus-artiger Aliens ins Spiel, auch klassische Schwangerschaften und das ewige Problem mit Männern, die den Mund nicht aufbekommen, findet man. Die Erzähl-Stile variieren von poetisch bis action-orientiert, von romantisch bis distanziert.
Herausheben möchte ich „Sier, Es, Ich“ von Lea Liselotte Wehler. Mit welcher Souveränität die erst 2001 geborene Autorin sich über jedes Schubladendenken hinwegsetzt, wie selbstverständlich sie ein buntes Viel-Spezies-Sonnensystem entwirft, dessen Bewohner sich längst nicht mehr fremd sind, wieviel Emotion sie in den Text packt, wie relevant ihre Botschaft ist – das ist unglaublich stark. Verdammte Axt, kann ich nur sagen.
Im Mittelunkt der Geschichten steht eigentlich immer die jeweilige Sicht auf außerirdisches Leben und Lieben. Die überraschende Auflösung, die zu jeder Kurzgeschichte gehört, bezieht sich oft eher auf einen Randaspekt, während der Kern der Erzählung (wie bei Lovecraft) bestätigt wird. Das kann man im Einzelnen als Manko sehen – der Knalleffekt am Schluss der Geschichten bleibt eher verhalten. Die wahre Stärke des Buches erschließt sich, sobald man mehrere Geschichten liest.
Dann passiert, was SF im besten Falle leisten kann: Man gewinnt einen neuen Blick auf sich selbst, weil die Fremdartigkeit des Geschehens das bisherige Verständnis von Normalität aufhebt. Durch den Blick in die Ferne schaut man zu guter Letzt aus der Ferne auf sich selbst zurück.
Dieser neu gewonnene Blick auf sich selbst ist hier besonders spannend, weil es um etwas so Intimes wie Erotik geht. Deshalb ist es durchaus ein persönliches Abenteuer, das Buch zu lesen. Ich wünsche viel Vergnügen!