Missratener Abschluss einer Trilogie
Der abschließende Teil einer Trilogie über Identität und Fiktion sollte wohl so etwas wie ein Schelmenroman werden, dergleichen kann sich eine Person des öffentlichen Lebens, die permanent das eigene Umfeld in der eigenen literarischen Produktion verwurstet, nicht wirklich leisten.
Zu allem Überfluss hatte Max Frisch mit Andorra auch noch die letzte Patrone aus seinem Magazin alias Tagebuch 1946-49 verschossen.
Da die nächstliegende Inspiration, insbesondere die Beziehung zu Ingeborg Bachmann nicht ungefiltert verarbeitet werden kann, verliert sich der Autor in erzähltechnischen Spielereien und lässt die Leser zunächst darüber im Dunkeln, wer jetzt z.B. gerade nackt im Morgengrauen durch Zürich rennt oder mit dem Porsche des besten Freundes auf dem Glatteis einen Dreher vollführt. Der als dritte Instanz aufgeführte Swoboda, dessen Frau mit Enderlin eine Affäre hat, kommt zwar schon früh als namenloser Hahnrei vor, aber erst so spät als Mann ins Blickfeld, das man ihn praktisch schon abgeschrieben hat.
Das erste Drittel gelingt so weit ganz gut als Rätstelspiel mit einer satirischen Ebene über die Wahrnehmung des Blinden, der nur eine Rolle spielt, durch die Gesellschaft. Das sich einfinden in die Rolle mit sämtlichen nicht bemerkten Pannen hat einen gewissen Charme, auch die Begegnung mit der Zürcher Nitribitt Camilla, die im letzten Viertel umgebracht wird, als sie sich Gs Verschwiegenheit vor dem Wechsel ins bürgerliche Leben mit dem Verweis sichern will, dass sie um sein Geheimnis weiß.
G sieht sich jedenfalls als Mörder, der dem Angeklagten sogar für die Tatzeit ein Alibi geben könnte, würde das die eigene Rolle als Blinder nicht gefährden. Später lässt der Erzähler ein Geständnis Gs an der Realität zerschellen, gewissermaßen ein kleiner Nachhhall zu Stiller und dessen fiktionaler Identität als Jack White.
Dass Frisch im weiteren Verlauf des Romans immer wieder gerade geschilderte Vorgänge ausstreicht, am markantesten mit Gs Geständnis gegenüber Lila, dass er gar nicht Blind sei, das 50 Seiten wieder zurück genommen wird, um in einer anderen Konstellation gegen Ende zu einem anderen Ergebnis zu führen, ist nicht das Problem.
Wirklich nervig ist das ständige Rumdaddeln mit der von Ingeborg Bachmann inspirierten Lila, die im Verlauf des Romans von allen drei Erzähler-alter-Egos gevögelt wird und ihre angetrauten Männer (G,S) konstant mit Enderlin betrügt, gleichbedeutend mit der Gelegenheit das Paket mit dem fleischfarbenen Stoff (Eifersuchtsmetapher in Stiller) noch mal bis zum Erbrechen auszupacken. In dieser Phase ist vom anfänglichen Schwung nichts mehr übrig.
Der Umstand, dass Lila (so erscheint ihre Hautfarbe durch die Blindenbrille), permanent als Schein-Existenz decouvriert werden muss, deren schmuddelige bis eklige Schattenseiten geradezu zwanghaft ins rechte Licht gerückt werden, während sich der Blinde als perfektes Hausmännchen aufspielt, geht mir auch bei jeder Lektüre je länger, desto mehr auf den Wecker.
Der kaum noch erträgliche Gipfel dieser Situationen ist jene Szene, in der die vergessliche Schauspielerin die Wohnung überflutet hat, weil sie nicht daran gedacht hat, das Wasser im Bad nach einer Dusche abzudrehen. Nachdem G in stundenlanger Arbeit die Wohnung trocken gelegt hat, setzt er sie zuletzt wieder unter Wasser, da Lila die Wasserflecken auf dem Parkett als Vorwurf empfinden könnte und bekommt von ihr statt dessen einen Rüffel für seine Vergesslichkeit.
Das Rücksichtsthema gegenüber den Schwächen der Frauen im Haushalt wird Max Frisch noch bis ins Tagebuch 1966-71 (Der Goldschmied von Locarno, Häuslichkeit im Tessin mit Marianne) begleiten und erst in Montauk eine vollkommen überraschende Auflösung bekommen.
Fazit: Deutsch(sprachig)e Literatur Anfang der Sechziger ist für mich eine eher ungeliebte Periode, da etliche Autoren, denen nichts neues einfiel, meinten, sie müssten nur an der Form was ändern, dann wären sie schon wieder an der Spitze der Entwicklung und könnte dabei auch noch subtil Gesellschaftskritik üben. Martin Walsers Einhorn ist sicherlich noch eine üblere Bauchlandung als Gantenbein, aber viel mehr als ein gelegentliches Ätschibätschi, es war gar nicht so oder demonstratives Durchprobieren von Settings hat Max Frisch auf stilistischer Ebene im Gantenbein nicht drauf. Da der Autor keine überzeugenden Erzählkonstruktion mit formalen Finessen liefern kann, übersättigt er seine Leser mit Eifersucht bis zum Abwinken und einer demonstrativen Szene aus der Gattung Männer sind einfühlsamer und verstehen mehr vom Haushalt als die Frauen nach der anderen. In Verbindung mit dem faulen Lila-Zauber eine schwer erträgliche Mischung. Einzelne Lieblingsstellen (Der Mann, der von seinem Tod in der Zeitung erfuhr und nach dem Besuch seiner Beerdigung spurlos verschwand) werde ich mir sicher mal wieder reinziehen, für das ganze Buch reichen mir drei komplette Durchgänge für dieses Leben. Ingeborg Bachmann reagierte angeblich mit Malina auf ihre literarische Verarbeitung als Lila, vielleicht sollte ich mir ihre Antwort noch schnell antun, ehe ich die nervigen Seiten von Gantenbein wieder vergessen habe.