Ich habe noch nicht allzu viele Bücher gelesen, die sich mit Mythologie auseinandersetzen, aber Lisa Rosenbeckers Interpretation des Mythos um Perseus und Medusa fand ich sehr spannend und kreativ umgesetzt. Die Vorgeschichte ist bis ins kleinste Detail durchdacht, und auch das Magiesystem hat mir gut gefallen. Ganz besonders mochte ich die Darstellung der Gorgonen als eine Gemeinschaft von gebrochenen Frauen, die ihre Magie für ein höheres Ziel einsetzen.
Auch die Ausgangssituation fand ich wahnsinnig spannend - eine Frau, die versteinert wurde und sich nicht an ihre Vergangenheit erinnert. Davon habe ich mir viel versprochen. Leider habe ich diesbezüglich schnell einen Dämpfer bekommen, weil mir der Anfang zu schnell ging und dabei das Worldbuilding und Ryas Innenleben auf der Strecke blieben. Für mich kam nicht rüber, dass sie ihr Leben als Statue so furchtbar fand und dass sie sich nach Freiheit sehnt. Dementsprechend fand ich ihre spätere Entwicklung nicht greifbar. Außerdem fand ich es nicht logisch, dass Rya sich sofort in einer modernen Welt zurechtfindet, obwohl sie seit 100 Jahren eine Statue war; dass sie Begriffe kennt, die sie nicht kennen sollte und alles, was man ihr erklärt, sofort akzeptiert. Letzteres hat mich generell gestört, zum einen, weil die erste Hälfte des Buches viel Info-Dump beinhaltet und Rya gefühlt alles nur über sich ergehen lässt. Zum anderen habe ich ihre Motivation, dem Orden zu helfen, nicht verstanden. Es erschien mir nicht logisch, dass sie das tut, um ihre bösen Taten in der Vergangenheit wiederguzumachen, da sie sich an eben diese Taten überhaupt nicht erinnert; sie bekommt zwar gesagt, dass sie vermutlich früher böse war und Menschen versteinert hat, aber dass sie das nicht einmal hinterfragt, fand ich unglaubwürdig.
Generell konnte mich Rya als Protagonistin leider nicht überzeugen. Sie war mir über weite Strecken zu fremdgesteuert, hatte keinen eigenen Antrieb, und als sie den dann doch hatte, war es mir zu sehr auf die Liebesgeschichte ausgerichtet. Rya beschreibt sich selbst an einer Stelle als willenlose Spielfigur, und genauso hat sie auf mich auch gewirkt. Außerdem ging mir ihr Helfer- und Märtyrer-Syndrom unglaublich auf die Nerven.
Wen ich sehr viel interessanter fand, waren Helena und Lexia, doch ich hätte mir gewünscht, dass sie als Figuren ein bisschen stärker zur Geltung kommen und dass vor allem auch ihre Beziehung mehr beleuchtet wird. Lexias Entwicklung hat mich leider sehr enttäuscht, weil ich das Eifersuchtsdrama wegen Nick total unwürdig und auch unpassend fand. Meiner Ansicht nach hätte Lexia als Charakter sehr viel mehr hergegeben, als auf ihre Rolle als Ryas "Konkurrentin" reduziert zu werden.
Mein Hauptproblem mit dem Buch war allerdings die Tatsache, dass der Grundkonflikt keinen Sinn ergeben hat. Dies ist tatsächlich genau so intendiert und wird auch reflektiert, aber mir persönlich hat das Konzept mit dem "Spiel der Götter" nicht gefallen, und dadurch konnte ich mich leider nicht wirklich für die Handlung begeistern.
Vermutlich ist es einfach nicht meine Geschichte - das heißt nicht, dass es anderen nicht gefallen könnte. Wer sich für Mythologie interessiert, sollte "Magie aus Gift und Silber" auf jeden Fall eine Chance geben, denn es hat durchaus spannende Momente, gelungene Twists und eine schöne Botschaft am Ende.