4,5 - Robert Koldewey leitet die Ausgrabungen von Babel, der berühmten antiken Stadt, deren Überreste in der Nähe des modernen Bagdad liegen. Das erste Kapitel (und es gibt nur zwei) beginnt allerdings nicht zwischen Ruinen, sondern im Kopf des Forschers, dessen Perspektive wir als Leser nicht mehr verlassen.
Koldewey hat Schmerzen, weil er sich bei den sehr höflichen und sehr lange andauernden Verhandlungen mit den örtlichen Scheichs am Vormittag literweise Limonade eingeflößt hat. Während er also überlegt, ob er eine Blinddarmentzündung hat und wie er sich am besten verhalten soll (Dem „Grundriss der inneren Medizin“ folgen oder nicht? Sich bewegen oder nicht bewegen? Rizinusöl – ja oder nein?) bewegen sich seine Gedanken frei assoziativ vom Schlamm des Flusses, zur Medizin, Photographie, zum Wesen von Wahrnehmung und Wirklichkeit. Er selbst bleibt erst einmal liegen.
Diese Eingangsepisode gibt das Tempo des Romans vor, der so zeitgedehnt geschrieben ist, dass die eigentliche Handlung nur wenige Stunden an einem glühend heißen Nachmittag auf der Ausgrabungsstätte umfasst, in der Koldewey sich ausruht, Briefe liest und sich nach einem Gespräch mit Buddensieg, seinem Assistenten, auf den Weg macht, um die britische Fotografin (und Spionin) Gertrud Bell beim Turm von Babel zu treffen. Das war's an Handlung und ich habe mich nach den ersten Widerständen diesem gemächlichen Tempo überlassen und es nicht bereut. Nachdem ich den Protagonisten etwas besser kennengelernt hatte, war es mir sogar, als ob er über meine erste Ungeduld tief seufzend den Kopf schütteln würde…
Nicht nur Koldeweys Gedanken winden sich von einem Gegenstand zum nächsten, auch die Sätze selbst sind entsprechend lang und gewunden. Nach einer direkten Verbindung zwischen Subjekt und Prädikat, Satzanfang und –ende habe ich anfänglich mit Mühe gesucht, bis ich mich an diese Art der Satzfortbewegung gewöhnt hatte und es schließlich faszinierend fand, den mäandernden Gedanken zu folgen. Ein bisschen war es so, als ob man mit auf die Ausgrabungen genommen wird, wo man zwar die Richtung ahnt, aber keine Ahnung hat, wie tief man graben muss und worauf man letztlich stößt. Während es für die Arbeiter bestimmt eine Tortur war, die Tore, Gräben und Tempel dieser tief verschütteten Stadt auszugraben, hat mir der Spaziergang durch Koldeweys innere Welt großen Spaß gemacht, vor allem, nachdem der seine Hypochondrie überwunden, sein Zimmer schließlich verlassen hat und den antiken Straßen folgt.
Koldeweys Persönlichkeit hat für mich entscheidend zum Lesevergnügen beigetragen. Er ist nämlich ganz und gar kein typisches Exemplar eines trockenen, nationalistischen wilhelminischen Gelehrten, der seinen Elfenbeinturm nur verlässt, um mit seinen Entdeckungen zum Ruhm des Vaterlandes beizutragen. Ganz im Gegenteil, für ihn sind die „europäischen Imperien, ihre Kolonialverwaltungen – eine einmalige Ansammlung von Kindern, ein Kindergarten.“ (S. 124) Er liegt im Dauerclinch mit der Deutschen Orientgesellschaft, die weniger auf breite und umfassende als auf gezielte Ausgrabungen setzt, um so viele Schrifttafeln wie nur möglich zu sichern und einen glänzenden Abschlussbericht präsentieren und die Briten übertrumpfen zu können. Es ist amüsant mitzuerleben, wie man ihn aus Berlin dirigieren möchte. Cusanit streut dazu Teile des Briefverkehrs mit Förderern und Mahnern ein, die in ihrer Kürze und Dringlichkeit einen deutlichen Kontrast zu Koldeweys entspanntem Sinnieren bieten.
Neben seiner Unabhängigkeit machen ihn auch seine Offenheit und kulturelle Intelligenz zur Ausnahmeerscheinung. So bewegt er sich zwischen Orient und Okzident mit einer Sicherheit, die seinen Assistenten (und vor allem dem von ihm verachteten Buddensieg) und vielen seiner Kollegen völlig abgeht. Er fühlt sich in der Wüste und beim Verhandeln mit den örtlichen Araberfürsten wohler, als bei der Audienz mit dem Kaiser und im schnellen, geschmacklos zugebauten Berlin („In Babylon verwendete man den Baustoff wieder, in Berlin den Baustil“, S. 208), das ihm in der langen Abwesenheit fremd geworden ist. All diese Gegensätze beschreibt er mit viel Witz und Ironie, na, und einer Prise trockenen, bösen Humors. Wenn Buddensieg ihm mit seiner besorgten Art auf die Nerven geht, der Philologe Delitzsch sich zu einer Diskussion über das Verhältnis von Wissenschaft und Religion provozieren lässt, lädt das schon zum Schmunzeln ein.
Jetzt könnte der Eindruck entstehen, dass „Babel“ weniger vom antiken Babylon als von dessen berühmtem Erforscher handelt. Jein. Auf seinem Spaziergang durch die Grabungsstäte sieht und kommentiert Koldewey natürlich auch die Sehenswürdigkeiten und Geschichte der Stadt. Wir erfahren wir von den Prachtstraßen, dem Gott Marduk und seinem „Turm“, frühen und späten Herrschern dieses untergegangenen Reiches, die Koldewey jedoch nicht nur beschreibt, sondern assoziativ mit der modernen Welt verknüpft, um so „die eigene Ordnung mit bestehenden Ordnungen in Einklang zu bringen.“ (S. 99) Ich denke, dass Archäologiebegeisterte hier einen Roman nach ihrem Geschmack finden werden, wenn sie sich mit dem Stil anfreunden können. Zugegeben, mir ist es erst im zweiten Anlauf gelungen. Einen Versuch würde ich auf jeden Fall empfehlen!