Durch ein interessante Reportage auf sie aufmerksam geworden, wollte ich unbedingt mehr über sie erfahren. Von ihren Gemälden spricht mich zwar nur eines an. Doch begeisterten mich ihre Zielstrebigkeit, ihre Leidenschaft und Beharrlichkeit, sich künstlerisch auszudrücken und weiterzuentwickeln. Und dies in einer historischen Zeit eingebettet, die Frauen in erster Linie die Rolle als selbstlose Ehefrau und Mutter zugestand. Gerade die väterlichen Briefe vor ihrer Eheschließung mit Modersohn geben einen tiefen Einblick in den zu erwartenden Zwiespalt, in dem sich die junge Malerin bald wiederfinden wird. Obwohl sie sich als Malerin fühlt, besucht sie eine Hauswirtschaftsschule, um Mann und Stieftochter auch erwartungsgemäß versorgen zu können. Aber glücklich und erfüllt fühlt sie sich davon nicht. Es zieht sie nach Paris, in Galerien, an die Leinwand. Und dennoch ist da der unüberwindbare Wunsch nach einem eigenen Kind, das letztlich ihr Schicksal besiegelt und sie mit Anfang 30 bereits stirbt.
Ich genoss das gekonnte Einbetten sämtlicher Korrespondenzen aus einem Zeitalter, als das Schreiben von Briefen sowie das Führen von Tagebüchern zur täglichen Hausaufgabe zählte und man sich darauf auch verstand.
Für eine Biografie super gut zu lesen, besonders durch die vielen Tagebucheinträge und Briefe. Finde den Text sehr berührend und außerdem dokumentiert er die Zeit der 1990er Jahre alltagsgeschichtlich - man erfährt nebenbei, wie Paula und ihr Ehemann Otto Kinderbetreuung und Arbeit organisieren, was für eine Rolle Sexualität gespielt hat etc.
Paula Modersohn-Becker war in der Kunst so etwas wie Évariste Galois und Niels Henrik Abel zusammen für die Mathematik – nur mit mehr Farben und weniger Duellen. Marina Bohlmann-Modersohn zeigt uns durch die Briefe, dass Paulas Leben wie eine hochkomplexe Gleichung war: visionär, unterschätzt und viel zu früh beendet. Während Abel und Galois die Algebra auf den Kopf stellten, brach Paula mit den Sehgewohnheiten ihrer Zeit. Ihre Briefe sind dabei ihre „Nacht vor dem Duell“: In ihnen formulierte sie ihre radikalsten Gedanken über Einfachheit und Form. Alle drei starben jung (Paula mit 31, Abel mit 26, Galois mit 20), als hätten sie denselben Kalender für „Große Ideen ohne Zeit für Updates“ genutzt. Bohlmann-Modersohn würdigt hier eine Künstlerin, deren Präzision so unerbittlich war wie eine mathematische Formel – nur dass sie sich in Farbe manifestierte – und die zum Glück ohne Pistolen auskam.