Sein Erotikroman war ein Bestseller, aber das ist Jahre her. Jetzt steht Leon Walsky vor dem Ruin. Da überrascht ihn eine Unbekannte mit einem Angebot. Sie will ihn für erotische Storys bezahlen, verfasst nach ihren Ideen. Eine literarische Reise ins Begehren beginnt … »Flamingofeuer« ist ein Buch im Buch, ein verführerisches Vexierspiel, das mit Witz und Verve Gewissheiten über erotische Rollenbilder zu Fall bringt.
Leons zweiter Roman muss ein rauschender Erfolg gewesen sein; doch nun ist sein Ruhm verblasst, das Geld verbraucht. Leon verbindet mit dem Gedanken an seinen Erfolgsroman „Die schwarze Augenmaske“ etwas Peinliches, das er noch nicht einmal sich selbst gegenüber auszusprechen wagt. Irgendetwas stimmte nicht mit seinem erotischen Roman. Leon Walsky habe ich mir vorgestellt wie den armen Poeten in seiner Dachkammer. Er muss seine restlichen Habseligkeiten verkaufen und kann die nächste Miete nicht mehr bezahlen. Ein exklusiver Schreibauftrag für erotische Geschichten könnte seine Rettung aus der Not sein. Seine Mäzenin Tanya von Rosenfels gibt sich wohlhabend und bietet sich am Standort ihres frisch erworbenen Gutshauses als bevorzugtes Klatschthema an. Die Sicht der Bewohner dieses wirtschaftlich proper wirkenden Ortes auf Tanya R. erzählt in Ichform der Deutschlehrer Christian Konrad. Leon bricht derweil auf zum Flamingo-Gehege des Zoos; denn seine Auftraggeberin hat ihm schriftlich exakt übermittelt, was sie wünscht. Alles scheint perfekt zu klappen, Tanya fordert, Leon liefert, Tanya überweist umgehend sein Honorar.
"Laura Lay" fügt ein dicht geknüpftes Netz von miteinander verknüpften Personen und Orten zusammen, das wie das Muster eines orientalischen Wandteppichs wirkt. Immer wenn ich glaubte, ich wäre allen Ranken und Windungen gefolgt, entdeckte ich eine neue Perspektive, eine neue Windung im Muster. Schon der Rahmen der Geschichte wirkt verschlungen. Eingepasst in den Rahmen werden in knappen Worten Einzelgeschichten (mit geschmackvollen erotischen Szenen), die zunehmend die Neugier steigern auf die rätselhafte Beziehung zwischen Autor und Mäzenin. Die sexuelle Identität der Figuren scheint fließend zu sein und damit die Leser immer wieder herauszufordern. Dazwischen prasseln Unwetter auf die Protagonisten herein, neue Blickwinkel eröffnen sich. Fragen über Fragen … Befinde ich mich eigentlich gerade in meinem Buch oder in Leons Manuskript? Könnte eine Figur ihre Geschichte verlassen und in Leons Wirklichkeit eintreten? Wirkt Christian mit seinem Vertretungsvertrag nicht auch wie ein armer Poet? Wie viele Tanjas gibt es im Buch in wie vielen Schreibweisen? Welche Rolle spielt die Wahrsagerin?
Die verblüffende Auflösung krönt schließlich einen kunstvoll verwobenen Plot, der immer wieder Zweifel an meiner Wahrnehmung säte, als würde ich auf optische Täuschungen schauen. Blicke in spiegelnde Fensterscheiben, Zweifel der Figuren an den Geschehnissen, immer wieder Illusionen, diese beinahe fotografischen Blickwinkel haben mich überrascht und gefesselt. Dekoriert wird das Spiel mit der Illusion mit süffisanten Seitenhieben auf den Literaturbetrieb.
In Flamingofeuer nimmt uns Antje Wagner alias Laura Lay mit auf eine Reise von erotischen Episoden, wobei der Fokus nicht auf der Erotik selbst liegt, sondern sie eher als Grundstimmung und Begleitprodukt erscheint. Die Autorin spielt mit unseren Erwartungen an Sexualitäten und Identitäten, an Rollenbilder und mit unserer Wahrnehmung, sodass man manchmal kaum die Realität von der Einbildung unterscheiden kann. Sie zeigt, dass Erotik nichts Schmutziges sein muss. Dass Begehren sich nicht an Grenzen aufhält – dass es individuell und doch universell in uns Menschen schlummert, egal welchen Geschlechts und welcher sexuellen Orientierung. Das alles stets stilvoll, mit einem Augenzwinkern und dem nötigen Humor, um bestens zu unterhalten. 😉
Ich habe das komplette Buch auf dem Weg von Hamburg nach Zürich gelesen. Keine gute Idee, denn es war HOT HOT HOT. In kurzen erotischen Kurzgeschichten werden wir auf eine Reise mitgenommen, wo es oft genau um Langsamkeit und Warten darauf ankommt. Nach diesem Buch war mir der Unterschied zwischen Erotik und Sex wieder klar bewusst geworden. Tolle Geschichten, tolles Storytelling und toller Plottwist.
Darf es literarisch im Frühling etwas verspielter sein? Vielleicht eine Kombination aus Erotik, viel Humor, Fantasie und klugem Storytelling? Dann ist „Flamingofeuer“ von Laura Lay, dem Pseudonym von Antje Wagner, exakt das richtige Buch. Zugegeben, mich hatte die Vorstellung, einen erotischen Roman zu lesen, zuerst ein wenig abgeschreckt. Aber wenn ich einem Verlag vertraue, dann ist es der Ulrike Helmer Verlag, mit dem ich bislang ausschließlich positive Leseerfahrungen gemacht habe („Schattengesicht“ von Antje Wagner sowie „Alle Farben der Nacht“ von Jonas Zauels), und wenn ich einer Autorin vertraue, dann Antje Wagner. Sie schreibt schlicht phänomenal gut und zaubert einfach immer wieder Überraschungen aus dem Hütchen. So auch in „Flamingofeuer“.
Erotisch angehauchte Romane sind seit dem Aufblühen des New Adult Genres schon beinahe alltäglich, kaum ein Jugendbuch verzichtet auf explizite Szenen. Der Schritt zu einem erotischen Roman war daher weit weniger ungewohnt als ich erwartet hatte. Und ja, Erotik ist ein übergreifendes Thema, aber bei weitem nicht alles, was diese Geschichte zu bieten hat. Leon Walsky war ein gefeierter Autor, für kurze Zeit war er wegen seines Erotikromans „Die Augenbinde“ eine Berühmtheit. Sein Folgewerk findet jedoch keine Abnehmer, er verliert alles, was er hat und lebt in einer Bruchbude. In dieser Situation erreicht ihn die Nachricht einer Unbekannten, die sich Tanja R. nennt und die ihn bittet, ihr erotische Geschichten zu schreiben, deren inhaltliche Ausrichtung sie selbst bestimmen darf. Leon lässt sich darauf ein und so beginnt ein vielschichtiger Roman, die Grenzen zwischen Wahrheit und Fiktion verwischen, und Stück für Stück wird klar, dass Leon sich in der Vergangenheit in irgendeiner Weise strafbar gemacht hat. Was das war, bleibt bis zum Ende offen.
Nun beginnt das Spiel zwischen Tanja R. und Leon: er schreibt, sie kommentiert und fordert neue Geschichten ein. Er schreibt, sie lenkt und Leon wird, auch wenn er ihre aggressive und fordernde Art nicht leiden kann, schnell auch von ihr abhängig. Unter ihrer Führung schreibt er so intensiv und so viel, wie schon lange nicht mehr. Sie fordert ihn heraus und treibt ihn an seine Grenzen – sie beflügelt ihn und seine Fantasie. Das Hin und Her zwischen den beiden fand ich äußerst interessant, mal befremdlich, mal amüsant. Schnell wird klar, dass der ganze Roman sehr spielerisch ausgelegt ist. Die erotischen Geschichten fügen sich als einzelne Kapitel zwischen den Email-Kontakt zwischen Leon und Tanja R., Beschreibungen seines Alltags und seinen Erinnerungen an eine gewisse Laura ein. Dadurch spiegeln sie immer einen Teil von Leon’s realen Erfahrungen, Wünschen und Vorstellungen wieder.
Er schreibt sich selbst, Tanja R. und auch die geheimnisvolle Laura in seine Geschichten hinein. Ihre Personas ändern sich ständig, ebenso ihre sexuelle Identität. Sie sind mal schüchtern, mal selbstbewusst, mal dominant. Ist es zu heftig? Es gibt Szenen, in denen BDSM eine Rolle spielt, und die für einige Leser sicherlich weniger angenehm zu lesen sind. Eine Gratwanderung, die – wie ich finde – schriftstellerisch aber sehr souverän gemeistert wurde. Einerseits durch den Ton und andererseits durch die Wortwahl und die damit einhergehende Ästhetik von „Flamingofeuer“. Nie wirken die Geschichten platt oder peinlich, immer bleibt eine gewisse künstlerische Distanz bestehen. Man schaut Leon Walsky vielmehr über die Schulter, als sein Schaffen wirklich ernsthaft nachzuempfinden.
Nichtsdestotrotz haben die Geschichten natürlich ihren Reiz. „Flamingofeuer“ fühlt sich tatsächlich wie im oben genannten Zitat an wie eine Reise. Eine Reise durch die verschiedenen Facetten und Nuancen von Erotik. Hinzu kommt der wie immer großartige Schreibstil von Antje Wagner. Sie bringt Humor in der Geschichte, wo man keinen vermuten, inklusive herzhaften Lachmomenten. Sie reichert die unscheinbarsten Momente mit Poesie und Schönheit an. Doch in erster Linie ist „Flamingofeuer“ eine lockere und leichte, aber intelligent aufgebaute Lektüre mit einer Figur, die einen ausgeklügelten Plan verfolgt, der bis zum Ende im Verborgenen bleibt. Dieser erotische Roman hält einige Überraschungen für den Leser bereit.
Fazit
Antje Wagner hat mit „Flamingofeuer“ einen fantasievollen und clever konstruierten erotischen Roman geschrieben. Anstatt peinlich oder platt zu sein, kommt er durch das schriftstellerische Können der Autorin sinnlich und humorvoll daher. Die Figuren sind ebenfalls sympathisch, Leon Walsky als Autor, der nicht an seinen ersten Erfolg anknüpfen kann, die ominöse und herrische Tanja R., die seine Geschichten lesen möchte und die geheimnisvolle Laura, mit der Leon scheinbar einmal etwas verband. Die Erotik zeigt sich in „Flamingofeuer“ in allen denkbaren Facetten, gängige Rollenbilder werden aufgelöst. Ein äußerst vergnügliches Abenteuer für neugierige Leser.