Vor der Flut wird als erotische Literatur angepriesen. Mutig sei das Werk, es handele von einer Frau, „die sich offen ihrem Begehren hingibt“. Und ist doch nur eine Romanze für rüstige Rentiers. Oder Urlaubslektüre für Syltreisende.
Die Autorin selbst – von Hause aus Zahnärztin für Kieferorthopädie – wurde auf Fehmarn geboren und lebt heute in Zürich. Vor der Flut ist – nach Die Halbwertzeit der Liebe, Schön ist das Leben und Gottes Herrlichkeit in seiner Schöpfung, Samenklau und Maria Rosenblatt – ihr fünfter Roman. In ihm geht es – erzählt in der ersten Person – um die einundfünfzigjährige Zahnärztin Judith, die nymphoman fremde Männer verschlingen wollend und als Gefährtin ihres deutlich älteren, reichen und asexuellen Ehemannes – ein Psychoanalytiker – durch ihr mehr oder weniger langweiliges Leben schwebt. Keine Kinder, kein Hund, keine Katze. Aber Geld, ein Haus am Meer und eine schlecht besuchte Praxis mit einer sechzigjährigen Arzthelferin, die sie gern „die Peters“ oder einfach nur „die Alte“ nennt. Alter: Das ist es, was ihr Angst macht. Sievers verschont ihre Leserinnen nicht mit blumigen Beschreibungen des körperlichen Verfalls ihrer Protagonistin: „Ich betrachte mich im Licht der marokkanischen Lampe. Neuerdings verformt die Schwerkraft meine Züge auf ungekannte Weise.... Betrachtung meiner Arme. Auch sie im Anfangsstadium der Verwesung.“ Ich schreibe „Leserinnen“, bewusst die weibliche Form wählend, denn Sievers präsentiert den klassischen Frauenroman für die Generation 50+: Ein bisschen Selbstironie, ein bisschen Drama, viel angekündigter Sex im eher undramatischen Mittelschichtswinter. Überdies ist ihre Heldin Judith überzeugt, Feministin zu sein: „Ich bin Feministin, ich bin stolz, aber was nützt das, wenn ich Lust habe, einen Schwanz zu lutschen.“ Gleichwohl nehme ich es ihr nicht ab. Es ist auch wenig relevant. Eine Ich-Betrachtung auf knapp über 200 Seiten, die Beschreibung einer leicht verlängerten Woche, die von Freitag bis zum Sonntagmorgen der Folgewoche reicht. Das Wort „ficken“ steht im Zentrum – gefühlt auf jeder dritten Seite – im melodischen Wechsel mit „Schwanz“, „Geschlechtsverkehr“, „erigiert“ und diversen ähnlichen Begriffen mehr.
Vor der Flut erzählt eine Geschichte, die vielfach angedeutet dennoch nie passiert. Ergänzt um Lebensweisheiten wie diese: „Eine paarungsbereite Frau will leuchten, von außen und innen, aber mehr noch von außen (eine Aussage, für die mich Mitfeministinnen verabscheuen dürften, jedoch schließen sich Emanzipation und der Wunsch nach Kopulation nicht aus.)“ Erik, die Freifrau, Hovard – Namen fallen, Personen werden gestreift, und nichts verändert sich. Vielleicht ist der Eisberg im Garten des Analytikers und seiner Gattin eine Bedrohung? Oder die Schneewehe, in die sie auf der späten Heimfahrt nach einem Date gerät? Der Spannungsbogen, das verbindende Element im Narrativ fehlt. Eine sexwütige Ärztin ohne Erfüllung. Traurig.
Anlässlich der Verleihung des Ingeborg-Bachmann-Preises in Klagenfurt 2018 las Sievers einen Auszug aus ihrem aktuell entstehenden neuen Roman vor. Die Reaktion, so wird berichtet, war positiv. Mich erinnert das nun vollendete Buch dagegen eher an eine Übung in einer Werkstatt für kreatives Schreiben. Bemüht, doch nicht wirklich entspannt. Und sehnsüchtig denke ich an die schönen Texte aus der Abteilung erotische Literatur, die sich einst in Bibliotheken fanden: Anaïs Nin, Erica Jong, Gudula Lorenz’ Wo die Nacht den Tag umarmt. Dorthin ist der Weg noch weit für Corinna T. Sievers.