Hübls Grundeinsichten zur Rolle des Ekels bei der Ausprägung konservativer Grundeinstellungen, seine virtuose Handhabung der Idealabstraktionen "Offenheit" und "Geschlossenheit", um tribalistisch- abgrenzendes es oder eben global- aufgeschlossenes Verhalten zu analysieren, tragen über 300 Seiten das ganze, gut recherchierte Buch. Dabei zeichnet Hübls Vorgehen aus, dass er keine Belege für eine These sucht, sondern eine Vielzahl sozialpsychologischer Studien zu einem Themenfeld diskutiert, um dann seinen philosophisch abgesicherten Schluss daraus zu ziehen. Auf diese Weise bereichert er die traditionelle Moralphilosophie jenseits aller Spekulation um die Auswertung reichen empirischen Materials und korrigiert wie nebenher manch psychologischen Fehlschluss. Letzteres kommt besonders deswegen häufig vor, weil viele empirisch arbeitende Wissenschaftler, entgegen der schon von David Hume formulierten Erkenntnis, dass man aus dem Seienden kein Sollendes ableiten kann, genau das tun: Sie interpretieren die vorgefundenen Verhaltensmuster als unveränderlich und naturgegeben. So ist es z.B. kein Wunder, dass kognitive Psychologen die Rolle von Emotionen oft unter-, andere Kolleg/innen sie hingegen verabsolutiert haben. Beides ist falsch: Wenn unsere moralischen Werturteile angeboren und/ oder ausschließlich emotionsbasiert wären, wäre der Wertewandel mit Blick etwa auf Homophobie nicht zu erklären. Hübl führt an eher auf die Familie gerichteten, aber dann auch anhand von politischen oder zwischenstaatlichen Fragestellungen vor, wie das erste "schnelle" kognitive Verarbeitungssystem "aus dem Bauch heraus" Entscheidungen fällt, die wir mit dem "langsamen", also intellektuelle Arbeit erfordernden zweiten System korrigieren können (aber leider nicht müssen). Zeigt man Menschen für den Bruchteil einer Sekunde ein Bild, das sie abstößt, registriert der Hirn- Scanner diese Ablehnung als quasi naturgegeben. Trotzdem kann das kulturelle bzw. Bildungswissen diesen ersten Impuls erfolgreich überschreiben. Ich kann mir also vorstellen, dass ich beim Anblick zweier sich küssender Männer instinktiv ablehnend reagieren, meinem Sohn eine homoerotische Neigung jedoch nicht übel nehmen würde. Das Optimistische an Hübls Analysen ist, dass er überzeugend herausarbeitet, inwieweit "Offenheit" für Fortschritte auf Gebieten zuständig ist, die allgemein von den Menschen akzeptiert und gewollt werden. Islamistische Macho- Gesellschaften scheitern daran, dass sie attraktiven Werten und Leistungen des Westens (social media, freie Partnerwahl, persönliche Freiheit usw.) nichts Gleichwertiges entgegen setzen können. Deswegen geht die Tendenz weltweit zur Akzeptanz "westlicher Werte", die nicht in Kolonialmanier "exportiert" werden können oder sollten, die sich aber ihrer Universalität wegen ausbreiten und weltweit Akzeptanz finden können. "Westlich" ist an diesen Werten also nur, dass sie im Westen erstmals formuliert wurden. Gegen den Kulturrelativismus, der anderen Kulturen "eigene antiwestliche" Werte bescheinigt, ließe sich einwenden, dass dies nicht universalisierbar sind. In Gesellschaften, die es Frauen nahelegen, sich mit ihrem verstorbenen Gatten verbrennen zu lassen, kann "Freiheit" befreiend wirken; umgekehrt dürfte das Prinzip, dem Mann in den Tod zu folgen, weder in Afrika noch in Japan je (wieder) akzeptabel werden. Diese Fragerichtung finde ich produktiv und sie hat mein Nachdenken über solche Problemstellungen bereichert, denn oft sehen wir ja vor lauter Bäumen den Zusammenhang "Wald" nicht mehr, oder wir sehen überall Wälder, aber keine Bäume. Konservatives Denken wird aussterben, egal, was die AfD davon hält, und ein wirklich verblüffender Zusammenhang ist, dass Penicillin, Impfungen und verbesserte Körperhygiene die Menschen aufgeschlossener und freier machen! Wer hätte das gedacht? Schafft in Afrika oder im Jemen menschenwürdige Lebensbedingungen und eine gute medizinische Versorgung und das Problem des Islamismus wird sich mit der Zeit (wie von selbst, aber eben doch nicht von selbst) erledigen. Damit sei das Buche allen empfohlen, die sich von solchen psychologischen Studienergebnissen überraschen und in ihren festgefügten Weltbildern stören lassen wollen. Das gilt besonders auch auf dem Gebiet der Politischen Korrektheit, des Genderns, des Anti- Rassismus usw. Jenseits der überhitzten Debatten hat Hübl hier interessante Einsichten zu den hinter dem Meinungskampf verborgenen Mechanismen anzubieten. Aus meiner Sicht überzeugend.
Übrigens habe ich den Autor hier bereits zwei Mal wegen seiner etwas drögen Schreibweise kritisiert. Das trifft auf dieses Buch absolut nicht mehr zu. Philipp Hübl hat seinen Stil gefunden. Der Text Buch liest sich kurzweilig und ist auf keiner Seite langweilig. Das muss man als Philosoph auch erst einmal können. Also: absolut empfehlenswert!