Der Einstieg …
gelang mir problemlos dank eines kurzweiligen Schreibstils und kurzer Kapitel, die zum zügigen Weiterlesen animieren. Die Geschichte ist durchgehend in Präsens verfasst, was kurzzeitig irritierte, weil es das nicht häufig gibt, aber der Geschichte im Verlauf eine interessante Gegenwärtigkeit verleiht.
Der Erzähler …
ist allwissend und berichtet größtenteils aus den Perspektiven verschiedener Charaktere. Die Wechsel zwischen den Charakteren erfolgen dabei mal von Kapitel zu Kapitel, mal innerhalb eines Kapitels, und führten in ihrer Häufigkeit dazu, dass ich kaum Zugang zu den Charakteren fand. Für mich blieben sie überwiegend oberflächlich und wenig greifbar.
Die Handlung …
birgt eine interessante Entwicklung, konnte mich aufgrund eines immer wiederkehrenden Handlungsmusters aber nur wenig packen: Wann immer Nathaniel etwas Neues herausfindet, wird ihm (fast) nicht geglaubt und er versinkt in Zweifel und Enttäuschung. Wenn er kurz darauf wieder eine neue Erkenntnis hat, beginnt das ganze von vorn. Spannung kam so kaum auf.
Gemachte Andeutungen auf Nathaniels tragische Vergangenheit sorgten nach anfänglichem Interesse auch eher für Frustration, weil sich die Andeutungen x Mal wiederholen, ohne dass tatsächlich geklärt wird, was passiert ist. Das kommt erst viel, viel später und zu einem Zeitpunkt, an dem ich von dieser Nebenhandlung längst genervt war.
Der Protagonist …
wurde für meinen Geschmack leider zu sehr auf eine Eigenschaft, seine Blindheit, reduziert. Viel zu oft wird er einfach nur als „der Blinde“ bezeichnet. Selbst von der Polizei. Alternativ ist er dort „Nathaniel“, was eher nach einem Kind, als nach einem Mann klingt, und nicht sonderlich überzeugend wirkte.
Zudem bringt der Erzähler immer wieder Aussagen nach dem Motto „Wenn Nathaniel sehen könnte, würde er merken, dass ...“, die mich einfach nur nervten. Verständlicherweise kann Nathaniel nicht alles wahrnehmen, aber statt sich auf seine Stärken – zuhören und Geräusche unterscheiden – zu konzentrieren, wird immer und immer wieder seine Schwäche betont. Und wenn doch mal seine Stärken zum Zuge kommen, ist er für die anderen Charaktere überwiegend der Verrückte und der unglaubwürdige Blinde. Nervig!
Das Finale …
besticht, nach einer überwiegend nicht sehr packenden Handlung, durch kurze Szenen und schnelle Perspektivwechsel, die wohl versuchen sollen, Spannung zu erzeugen und eine Gleichzeitigkeit zu erzeugen. Leider konnte auch das mich nicht überzeugen, sondern verstärkte das Gefühl der Oberflächlichkeit und den Wunsch, dass die Handlung endlich mal zum Punkt kommen möge.
FAZIT
Eine Idee mit viel Potenzial, aber mit großen Lücken in der Umsetzung. Oberflächlichkeit, wenig Spannung und nicht zuletzt der Umgang mit Nathaniels Blindheit sorgten bei mir eher für Frustration als für gute Unterhaltung.