Wow! Warum Mode zukünftige Entwicklungen vorweg nehmen kann, Studien in Japan haben gezeigt, dass die jeweils modische Rocklänge der Frauen kommende Wirtschaftskrisen sicherer anzeigt als jede wirtschaftswissenschaftliche Analyse, habe ich in Simmels Aufsatz zwar nicht gefunden, aber ansonsten wirklich eine Philosophie der Mode, die bis heute aktuell ist. Freilich ist für Simmel aufgrund der stärker ausgeprägten Klassengegensätze seiner Zeit deutlicher als für uns Heutige, dass Mode von der Oberschicht gemacht wird, um sich von der unteren abzugrenzen, aber nimmt man heute das Modell der In- und Outgroups, dann versteht man den prinzipiell distinktiven Charakter von Mode als immer noch gültig (und davon ab kann man sich zum Beweis auch eine Oskar- Verleihung ansehen).
Den Reichtum der Aspekte in dieser Betrachtung zu erfassen, hieße das Ganze nachzuerzählen, was sinnlos ist. Nur an einem Beispiel sei ein Hauptstrang Simmelscher Überlegungen illustriert: Ich habe viele Jahre mit ungarischen, polnischen, ukrainischen, slowakischen und rumänischen Studentinnen die Frage diskutiert, warum deutsche intellektuelle Frauen sich so "hässlich" und wenig fraulich kleiden, wohingegen das Selbstgefühl der studierenden und studierten Osteuropäerinnen mit bewusster Feminizität und mit Modebewusstsein einher geht. Simmel erklärt, dass einerseits die prekäre Klasse aus rein ökonomischen Gründen schwerer den Modewechsel vollziehen kann, obwohl die Teile, die doch irgendwie nachkommen, umso mehr sie "nach oben" streben, modisch sein wollen und damit die Veränderungen der Mode bei den wirklich oberen Klassen antreiben. Das würde bedeuten, dass die meist aus finanziell eher prekären Elternhäusern stammenden Osteuropäerinnen, getragen vom Bildungsoptimismus und dem unbedingten Aufstiegswillen (und darin mit allen Ersparnissen ihrer sämtlichen Verwandten unterstützt), diesem Aufstiegsstreben das "passende Kleid" geben. Umgekehrt würde die deutsche Studentin, die ihre prekäre Lage als Jobberin ohne BAföG und künftige Vertreterin der "Generation Praktikum" als solche anerkennt, sich eher von den teuren Modeausgaben fern halten (mit allen Schattierungen "nach oben", nach Studienrichtung und Berufschancen und nach Elternhaus natürlich). Soweit so trivial. Betrachtet man nun die jeweiligen Gruppen in sich, so stellt Simmel fest, dass es auch ein äußerliches Streben nach Gleichförmigkeit (hier IN der Mode, dort GEGEN die Mode) gibt, dass sich durch äußerliches Aufgehen in einer Menge vor den Zudringlichkeiten und Zumutungen schützt, die auf frau zukommen, wenn ihre wirkliche geistige Eigenständigkeit und Originalität sichtbar würde. In Maßen modisch aufzutreten verschafft also Ruhe, denn der- oder diejenige, die anti- modisch auftritt, bleibt a) gleichfalls durch die herrschende Mode determiniert, hebt sich aber b) von der Masse ab, was immer dazu führt, dass ihm die Masse feindlich gegenüber tritt. Diese feindliche Stimmung wieder zu überwinden kostet Kraft, und eine intelligente Frau weicht dem Aufwand aus, indem sie sich äußerlich der Masse gemein macht. (Das trifft insonderheit für die osteuropäischen Studentinnen zu, die schon im Studium lernen, wie wichtig die letzere Verhaltensweise in späteren Job ist, wo sie keinesfalls das Frauenbild ihrer männlichen Chefs, ihrer Klienten usw. unterlaufen dürfen, wenn sie weiter Karriere machen wollen.) Das sind holzschnittartig zwei der von Simmel exemplifizierten Begründungszusammenhänge für ein und dieselbe Sache. Im Ganzen ist der Autor selbst differenzierter und schreibt auf jeder Seite den Gegenstand erhellend. Also unbedingt empfehlenswert für alle, die Mode ablehnen, und gleichermaßen für alle, die nach ihr streben. Ein Text, der - ganz positiv gesehen - absolut nicht polarisiert, sondern wirklich einfach nur erklärt, was für uns alle so oder so zutrifft. Glatte fünf!