Nur ganz knapp an 5 Sternen vorbeigeschrammt, ist unbedingt zu empfehlen!
Hier liegt nicht nur eine kulturwissenschaftliche Abhandlung über den Gehalt ausgewählter deutscher Mythen vor, sondern auch eine historisch-politische Untersuchung, welche Wirkung diese Mythen in der deutschen Geschichte hatten. Dafür setzt Münkler voraus, dass Mythen keine Dogmen sind, sondern in der Wiedererzählung und Aktualisierung immer auch Akzentverschiebungen erfahren; also sich verändern, solange sie lebendig sind. Das überzeugt ebenso wie die Abgrenzung von allein ideologiekritischen Ansätzen, die in Mythen nichts weiter als verschleierte Machtinteressen zu sehen glauben. Dass Mythen de facto für Interessen eingespannt werden, leugnet Münkler nicht - er bleibt aber nicht bei dieser denkfaulen Feststellung, sondern zeichnet exakt nach, wer sich wann wieso auf welchen Mythos bezogen hat und wieso das damit verbundene geschichtspolitische Ziel (nicht) erreicht wurde. Somit erscheinen Mythen nicht als instrumentell eingesetztes Mittel zur Verdummung der Massen, sondern als mal reaktionär, mal revolutionär wirkende Narrative, die wesentlich an das Bildungsbürgertum gebunden waren. Es sind Mobilisierungs- und Selbstvergewisserungserzählungen, die Kohäsion einerseits und Abgrenzung andererseits bewirken - in dieser Ambivalenz werden sie kritisch betrachtet und gewürdigt.
Exemplarisch geschieht das gleich zu Beginn am Beispiel des Mythos vom schlafenden Kaiser Barbarossa, der eindrücklich in seiner ganzen mythopolitischen Spannung und Widersprüchlichkeit dargestellt wird. Zentral ist er im 19. Jahrhundert bei der Frage nach der klein- oder großdeutschen Einigung des Reiches. Verschiedene Historiker positionierten sich mit tagespolitischen Implikationen und Absichten. Während Bismarck Bezüge auf Barbarossa explizit zu vermeiden suchte, um keine europäischen Ängste vor deutschen Expansionsbestrebungen zu schüren, wurde Kaiser Wilhelm in der Populärkultur schnell mit Barbarossa parallelisiert. Das Kyffhäuserdenkmal symbolisiert dann unter Wilhelm II das Wiedererstehen, nicht die Neugründung des Reiches und befriedet den Traditionsstreit zwischen Hohenzollern und Hohenstaufen, zwischen Nord- und Süddeutschland. Im Dritten Reich bezog man sich wegen seiner siedlungspolitischen Ausrichtung nach Osten stärker auf den Widersacher Barbarossas, Heinrich den Löwen. Dennoch nannte Hitler persönlich den Feldzug gegen Moskau „Unternehmen Barbarossa“, um militärische Uneinigkeiten zu glätten. Das Scheitern desselben besiegelt schließlich die politische Bedeutungslosigkeit des Mythos.
Das Buch ist keine nur nüchtern-wissenschaftliche Abhandlung, sondern arbeitet intensiv mit Lyrikpassagen, um die zeitgenössische „Arbeit am Mythos“ zu verdeutlichen. Immer wieder taucht Heinrich Heine auf. Anfangs dachte ich, dass ich diese ausführlichen Zitate von Professoren und auch die vielen Gedichtstrophen nicht immer gebraucht hätte. Das wäre dann wohl mit 50 Seiten weniger ausgekommen. Historisch ist es aber enorm interessant, wie die Mythen im Bildungsbürgertum und bei den Künstlern wirkten. Je länger ich gelesen habe, desto mehr habe ich diesen Ansatz geschätzt.
Münkler konzentriert sich stark auf das 19. und 20. Jahrhundert, insbesondere Kaiserreich, 1WK und 2WK. Das sind die Jahrhunderte, in denen die deutschen Mythen politisch werden. Wenngleich das aus der Zielsetzung des Buches nachvollziehbar ist, entsteht in der Gesamtschau der Eindruck, als führten die deutschen Mythen kausal in die Katastrophe. Auch wird die Dramaturgie der Mythen teils überspannt, wenn sie für die Deutung der deutschen Geschichte herangezogen werden. So erscheinen die Verstrickungen der Intellektuellen in den NS als faustischer Teufelspakt und Stalingrad als Untergang der Nibelungen an Etzels Hof.
Besonders lehrreich und überraschend waren die Passagen zu Preußen. Dem Autor merkt man seine Sympathien an, wenngleich er selbstverständlich nie in Apologetik abgleitet. Im Mindesten korrigiert er das Bild von Preußen als bloß „aggressiver Militärmacht“. Spannend auch die Ausführungen zur DDR: Ihr Antifaschismus war dezidiert politischer Mythos. Die Bevölkerung wurde entlastet, indem die Nazi-Verbrechen als Auswüchse des Kapitalismus und einer kleinen Clique dargestellt wurden. Die eigenen Vorfahren seien zudem mehr Widerstandskämpfer als Opfer gewesen - von Mittätern oder Mitläufern ganz zu schweigen, denn der NS hat im Proletariat angeblich nicht verfangen. Diese sozialistische Geschichtserzählung missachtete die nationalsozialistische Vernichtungsabsicht gegenüber den Juden und verstand den NS wesentlich als anti-sozialistischen Faschismus. Zur Legitimation des Regimes griff die DDR paradoxerweise viel stärker auf die deutsche Geschichte zurück als die vermeintlich konservativere BRD. Auch der Alltag wurde mythopolitisch aufgeladen, indem sich der Jahreskreislauf durch Gedenktage und rituelle Inszenierungen gliederte. Eine solche Einspannung des Mythos hatte zur Konsequenz, dass die politische Kultur erstarrte, weil alles irgendwie „heilig“ war. Auch ein Grund, warum der Realsozialismus reformunfähig wurde und schließlich unterging, so Münkler. In der BRD hingegen hat es einen politischen Gründungsmythos nie gegeben. Stattdessen was es das sogenannte Wirtschaftswunder, das in der Nachkriegszeit das als Provisorium gedachte Staatswesen stabilisierte: Ludwig Erhard, die D-Mark, der Fleiß der Deutschen, die Trümmerfrauen, der VW Käfer, der jährliche Sommerurlaub. Die Profanität dieser Erzählung setzt sich auch später fort, wenn die BRD erfolgreich durch die Geschichte steuert und dabei ihre eigenen Traditionen schafft: Selbst 1968 und die Wiedervereinigung knüpfen gerade nicht an historisch-idealistische Bestände an, sondern sind immanente Entwicklungen, die in der Rückschau durchaus Kraft entfalten, aber kaum identitätspolitisch mobilisiert werden (können). Die BRD blieb und bleibt mythenpolitisch abgerüstet. Interessant dennoch: Dass die Wiedervereinigung und die Wiederaufwertung Berlins als Hauptstadt im Ausland nicht als nationalistische Gefahr bewertet wurde, hängt wesentlich mit dem Verzicht auf mythischen Taumel zusammen - und der Errichtung des Mahnmals für die ermordeten Juden an zentraler Position. Der Wiederaufstieg Deutschlands wurde mit einer kritischeren Geschichtspolitik „erkauft“, könnte man sagen. Nach 1990 kam dann die Zeit der Journalisten und Public-Relation-Spindoctoren: „Wir sind Papst“ und „Du bist Deutschland“ als Werbekampagnen mit appellativem Charakter, die tatsächlich eine positive öffentliche Stimmung hervorriefen - sie sind kein politischer Mythos, aber in mancher Hinsicht ein Funktionsäquivalent. Sie bedeuten gleichzeitig Trivialisierung, Verflachung, Kulturlosigkeit - und sind durch ihren Charakter der zielgerichteten Beeinflussung der Massen höchst propagandistisch. Das Perverse liegt darin, dass der „Mythos“ hier ex nihilo für einen bestimmten Zweck erschaffen wird und keine Grenzen im Kulturbewusstsein der Menschen findet; und diese Passivität als Konsument wird zugleich als Freiheit verkauft. Toller Fortschritt.
So ist das Buch nicht nur historisch lehrreich, sondern auch eine Selbstverständigung über die deutsche Identität. Die allermeisten Mythen sind nach 1945 versiegt - was bedeutet das für die Deutschen? Phantomschmerz für mich; da wo früher kollektive Identität war, ist jetzt nur noch romantisch-sehnsüchtige Rückschau. Und zugleich: Vielleicht ist es doch die beste aller möglichen Welten, wenn die Mythen nichts als Angebote ohne Verpflichtung sind und der Einzelne sie sich in Freiheit aneignen kann. Sie haben dann kein Gewicht, keine Größe mehr, weil sie nur eine Identitätsmöglichkeit unter vielen sind. Aber ihnen wird auch der politische Stachel gezogen. So bleibt die Entzweiung: Der Einzelne steht dem Absoluten gegenüber, eine Vereinigung findet nicht mehr statt, nur noch Bezugnahme. Gewinn nur dann, wenn die Erfahrung des Verlustes nicht abgewertet wird.
Ausblick: Das Buch ist 2009 erschienen, wahrscheinlich im Eindruck des „Sommermärchens“ 2006 verfasst; dieser Fußball-Patriotismus wurde 2014 nochmal bestätigt - danach ging es von Krise zu Krise. 2015, Brexit, Corona, Ukraine, Trump. Eine mythenpolitische Ausrichtung der BRD auf eine multikulturelle Gesellschaft und auf Europa wurde versucht, hat aber massiven Widerstand produziert. Die AfD tritt mit einem explizit identitätspolitischen Programm an - die Etablierten haben dem nichts entgegenzusetzen; der Gesetzestext des GG entfaltet naturgemäß keine emotionale Wirkung (und Böhmermann macht sich mit „Schlandi“ nur lächerlich). Merz konzentriert sich zurecht auf die Außenpolitik; vllt wächst Europa im Zuge dieser Entwicklungen sogar zusammen, aber allein als sicherheitspolitisches und bürokratische Projekt wird es nicht überleben. Wenn die nationalistischen Monster nicht wiedererstehen sollen, braucht es kluge europäische Kulturpolitik, die sich von bloßer Propaganda unterscheidet. Dafür bräuchte es Mut zur Identität.