German edition – German review:
Die Trümpfe des jüngsten Gerichts:
Der sechste Band des Amber-Zyklus ist dem ersten Band strukturell sehr ähnlich. Wie schon dort, steigt Zelazny hier in medias res ein und erzählt aus der Perspektive eines auf der Erde verweilenden Amberiten, ohne dessen Herkunft und seine damit verbundenen besonderen Fähigkeiten zu erwähnen. In diesem Fall handelt es sich um Merle Corey alias Merlin von Amber, den Sohn von Corwin, dessen Geschichte die ersten fünf Bände umfasste. Merle arbeitet in einer Computerfirma, entwirft nebenher sein Geistrad, eine Art Supercomputer zur Überwachung der Schatten, und muss sich regelmäßig am 30. April wiederkehrender Anschläge auf sein Leben erwehren. Die Suche nach dem Unbekannten beginnt, der es scheinbar nicht nur auf Merles Leben, sondern auch auf das aller anderen überlebenden Familienmitglieder abgesehen hat...
Der Band liest sich flüssig und die Handlungsführung ist nicht mehr so ruckartig und unbeholfen wie in den ersten Bänden. Der Spannungsaufbau ist gekonnt, auch wenn Teile des Plots etwas vorhersehbar wirken, und dass der Band mit einem Cliffhanger endet, sollte inzwischen nicht mehr überraschen. Auch die in den ersten Bänden manchmal etwas lang geratenen Schattenwanderungs-Sequenzen sind auf ein erträgliches Maß reduziert worden und stören den Lesefluss nicht mehr, vielmehr vermögen sie jetzt ihre Wirkung als atmosphärisches Mittel gut zu entfalten.
Das Blut von Amber:
Merlins Abenteuer gehen weiter, die Intrigen verdichten sich und auch dieser Band endet mit einem Cliffhanger (diesmal aus Lewis Carroll). Stilistisch und atmosphärisch geradlinige Fantasy, die ihre Spannung aus der Beschränkung auf Merlins begrenzte Perspektive zieht, die den Leser miträtseln lässt, wer sich denn nun hinter diesem oder jenem Ereignis verbirgt. Der Roman ist gut lesbar, auch wenn sich sonst wenig dazu sagen lässt, da hier noch alle Handlungsstränge offen sind.
Zeichen des Chaos:
Der Roman beginnt mit einer Hommage an Lewis Carroll, in dessen Alice-Romanen Luke und Merlin zunächst gefangen sind, bevor es mit den Konflikten um den Hort der vier Welten, den rätselhaften Zauberer mit der Maske, Geistrad, Amber und die Höfe des Chaos weitergeht. Nach einigen diplomatischen Verwicklungen, in deren Verlauf neue Verwandte ins Spiel kommen, kommt es zum Kampf um den Hort der vier Welten und die Identität von Maske wird überraschend enthüllt...
Ein etwas strafferer Handlungsverlauf hätte dem Roman meines Erachtens nicht geschadet. Nach der zehnten Handlungsverzögerung durch neue Komplikationen wurde ich doch etwas ungeduldig.
Ritter der Schatten:
Nach dem Kampf um den Hort der vier Welten wird Merlin in eine Ebene zwischen den Schatten versetzt. Von diesem surrealen Ort voller Geistererscheinungen gibt es kein Entkommen und die Mächte von Muster und Logrus verlangen eine Entscheidung von Merlin. Wem wird er fortan dienen, der Schlange oder dem Einhorn?
Die Episode in dem Zwischenreich erinnert an die Questen des spätmittelalterlichen höfischen Romans, mit seinen allegorischen âventiuren. Auf Dauer ging mir das jedoch etwas auf die Nerven, ebenso wie die permanente Verunklarung der Handlung. Es ist etwas unerquicklich, wenn über vier Romane hinweg völlig undurchsichtig bleibt, wer was warum macht. Zumal einen das Gefühl beschleicht, es werde nie wirklich geklärt werden, zu sehr verlaufen die Rätsel im Sande. So zum Beispiel die ganze Geschichte um Geistrad, das zunächst ein supermächtiger Akteur war, dessen Motive und Allianzen im Dunklen blieben, das jetzt aber zu einem fügsamen gadget Merlins geworden ist, ohne dass das motiviert worden wäre oder aber seine früheren Handlungen plausibel gemacht wurden.
Prinz des Chaos:
Nach dem Ableben seines Vaters steht Merlin in der Thronfolge nun ziemlich weit oben und der Kampf um die Herrschaftsnachfolge in den Burgen des Chaos ist in vollem Gange. Merlin muss steht dabei nicht nur zwischen den beiden Mächten von Amber-Muster und Chaos-Logrus, sondern muss sich auf der Suche nach seinem Vater Corwin auch noch den Plänen und Intrigen seiner Mutter Dara und seines Bruders Mandor widersetzen. Zur Seite stehen ihm dabei Luke/Rinaldo, Geistrad, das Ty'iga und einige Nebenfiguren wie Söldnerführer Dalt und Coral von Amber.
Die Auflösung der Pentalogie fand ich mehr als enttäuschend. Nach all den Intrigen, Ränkespielen und undurchsichtigen Manövern, löst sich letztendlich alles durch ein kurzes, lapidar erzähltes und auf der reinen magischen Übermacht Merlins beruhendes Duell mit Dara und Mandor auf. Das ist nach all den Verstrickungen doch reichlich einfallslos und geradezu anti-klimaktisch. Merlin ist noch nicht einmal ernsthaft in Gefahr bei diesem Kampf, er gerät höchstens etwas ins Schwitzen, so viel Macht verleihen ihm Speichenring und Geistrad. Apropos Geistrad: ein weiterer extrem schwacher Moment ist hier die plötzliche Allmacht Geistrads, das auf einmal locker dem Logrus selbst auf seinem ureigenen Territorium widerstehen kann, nachdem es nur wenige Momente zuvor von einem niederen Dämon und Spielgefährten Merlins gefangengehalten wurde. Das erscheint reichlich willkürlich und unausgegoren...
Die Ausgabe des Area-Verlages ist sehr erschwinglich und auch wenn die Innengestaltung nichts besonderes ist, macht sich der Band sehr gut im Bücherregal. Umso bedauerlicher, dass die Ausgabe seit der Verlagsauflösung out-of-print ist. Einziges Manko: in die Übersetzung scheinen sich doch ein paar ärgerliche Fehler eingeschlichen zu haben, z.B. dass einmal offenbar "curse" mit "Kurs" übersetzt wurde u.ä.