Die Familie: "...eine Art Reservetruppe, die einem immer zur Verfügung steht.“ Briefroman
Ein Brief findet den Weg von Genf nach Paris, vom 40jährigen Boris an seine Eltern, Arzt Lionel und Sophie. Vor sieben Jahren hatte der Banker mit seiner Familie gebrochen, jetzt ist er geschieden, an Körper und Seele krank, und wurde von seinem Therapeuten zu dieser Form der Auseinandersetzung ermutigt. Es folgen viele weitere Briefe, die gesamte Familie wird von einer Art „Briefvirus“ erfasst, und langsam bekommt der Leser ein Bild der Zusammenhänge, der Personen und folgt den Entwicklungen (es gibt, wie ich zum Ende merkte, auch eine Graphik dazu – aber bitte glaubt mir, es macht mehr Spaß, das selbst nachzuverfolgen).
Mir hat das Buch sehr gut gefallen, wie ich langsam mir ein Bild machen konnte davon, wer jeweils wie mit wem zusammenhing, wenn die Personen schrittweise eingeführt werden. Da erwähnt Boris Charlotte, man erfährt dann, dass es sich um seine Schwester handelt und sie Ärztin ist, nein Kinderärztin, nein Kinderpsychiaterin und seine jüngere Schwester – das ist sehr ähnlich dazu, wie man beispielsweise die Familie des Partners kennenlernen würde; ich fand das erfrischend. Auch führt die Briefform zu einer Direktheit in der Aussage und „verrät“ die Positionierung der Familienmitglieder, da schreibt beispielsweise Mutter Sophie an Boris „“Du hast Ruth also verlassen. Nein, pardon, sie hat dich verlassen. So siehst du das zumindest.“ Hingegen meint wenig später Luc zu Boris: „Du hast dich also scheiden lassen. Unter uns gesagt, es war der richtige Entschluss. Ich habe nie kapiert, wie du es mit dieser Ruth ausgehalten hast. Maman hat sie oft als Xanthippe bezeichnet. Bestimmt war sie es, die dich dazu gedrängt hat, den Kontakt zu uns abzubrechen, anders kann es eigentlich gar nicht sein.“ Der Leser bekommt also nicht eine fertige Version, sondern sowohl verschiedene Versionen als auch gleichzeitig, wie sich die Schreibenden dazu verhalten. „… gibt es einen, der neutral und unparteiisch ist? Jeder glaubt an seine eigene Wahrheit.“
An einigen Stellen amüsierte mich der Inhalt köstlich, so Mireille an die Mutter „Deine Erziehung war deprimierend, zermürbend und nervtötend, wenn du es genau wissen willst. Trotzdem bin ich dir heute dankbar.“ Ja, Familien halt. Die Auseinandersetzung zeigt häufig, wie ein Familienmitglied dem anderen etwas vergibt oder sich entschuldigt, sich aber im quasi gleichen Atem- äh Feder-Zug wieder rechtfertigt, sehr auf den Kopf getroffen. Der Autor ist Psychiater, Hypnosetherapeut, auf Familientherapie spezialisiert, das merkt man. Das ist meistens positiv, nur zum Ende hin, als es mir etwas zu butterzart für zumindest Teile der Familie wird, merkt man es etwas zu stark. Ganz ehrlich? Egal. Das ist so gut gemacht und so unterhaltsam und enthüllend und durchweg so treffsicher, dass ich ihm das gerne verzeihe, ab gesehen davon, dass sich natürlich etwas bewegt, wenn einer damit anfängt. Etwas schwieriger ist Salems Platzierung der Familie im betont bildungsbürgerlichen Milieu, andauernd zitiert jemand aus Büchern, Gedichten, Chansons. Teils scheint man sich mit seinen Gefühlen dahinter zu verstecken, teils sie zu nutzen, um sich besser auszudrücken, ingesamt haben mir viele der sich daraus ergebenden Zitate jedoch sehr gefallen. Andererseits kann das Autor Gérard Salem aber auch durchaus selbst liefern:
Boris: „Ich merke, dass die Familie an Bedeutung für mich gewinnt. Sie ist eine Art Reservetruppe, die einem immer zur Verfügung steht.“