Ein sehr gutes Buch. Kern und Basis aller weiteren Argumente ist für mich die These, dass wir alle keine freien Willen haben. Dies wird damit begründet, dass wir zu einem bestimmten Zeitpunkt einen gewissen Entwicklungsstand haben, einem bestimmten Kontext ausgesetzt sind und unsere Hirnchemie auch in einem definierten Zustand existiert, der für uns eigentlich immer nur eine Option für eine Handlung oder Entscheidung gibt.
Das ist ein Brecher, oder? Kein freier Wille. Lasst es mich nochmal formulieren: Stattdessen gibt es einen "Lebensprozess", bei dem unser Körper und damit auch unser Ich als Ergebnis im Jetzt vorliegt. Und bei dem wir, gegeben unserer mentalen Programmierung und unserer Ressourcen in einem bestimmten Moment nur bestimmte Gefühle, Gedanken und infolgedessen Handlungen herauskommen können.
Das variable daran ist die unfassbare Zufälligkeit unseres Kontextes. Ob wir also ein Mörder werden oder eine Heilige, haben wir nicht in der Hand. Stattdessen entscheidet, wo wir geboren sind, mit welchem Geschlecht, in welcher sozialen Klasse, mit welchem Set von Genen, zu welcher Zeit, etc. pp. Noch viel zufälliger ist, was dann noch alles passiert, das unseren Weg im Leben vereinfachen oder erschweren kann. Wen wir kennenlernen, was wir erleben, was uns traumatisiert, Unfälle, Glücksfälle, welche Partner und Freunde uns prägen, etc. pp. Das ist Lektion Nummer 1 des Buches.
Das mit dem unfreien Willen ist Lektion 2. Warum lädt dies zu einer Philosophie der Gelassenheit ein? Ganz einfach:
Wenn jemand keine Möglichkeit hatte, anders zu (re-)agieren, dann brauchen wir uns nicht mehr über andere aufregen. Stattdessen können wir Verantwortung übernehmen, und die Ressourcen und Möglichkeiten der anderen Verbessern, damit sie in Zukunft anders handeln können.
Genauso können wir auch entspannter mit unseren eigenen Fehlern umgehen, denn wir können vielleicht gar nicht anders, als diese Fehler in der entsprechenden Situation zu machen. Wir können es nur Teil unseres Prozesses bzw. unserer Persönlichkeit machen, dass wir uns aktiv weiterentwickeln und reflektieren. Nichts desto trotz müssen wir den Anspruch fahren lassen, dass jeder das kann. Ein Trump zum Beispiel hatte das nie nötig, weil er auch ohne Reflexion alles erreicht, was er will.
In jedem Fall müssen wir mit dieser Erkenntnis die Moral hinter uns lassen, also das Bewerten anderer nach unseren begrenzten und sehr subjektiven Maßstäben. Stattdessen wird die Ethik handlungsleitend, die unabhängig von der jeweiligen Person und ihrer Hautfarbe, ihres Geschlechts oder ihrer Religion nach Regeln sucht, die für alle gelten - also der kategorische Imperativ, im Volksmund "Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andren zu".
Und zuletzt gibt uns der Autor noch mit, dass das Leben mit dem Tod beendet ist. Kein Himmel, keine Reinkarnation, aber vorallem auch das Ausbleiben negativer Erfahrungen, also auch keine Hölle. Dies soll uns wiederum helfen, das Leben mehr wertzuschätzen und es voll auszuschöpfen.
All das wird gut geschrieben, sehr klar und überzeugend dargestellt. Ich liebe fast alles daran. Aber ich wollte es kritisieren. Warum?
Wir haben Einfluss darauf, wie sich unser Leben entwickelt. Zwar besteht unser Tag zu 99% aus unseren (neuronalen) Gewohnheiten, aber unser Präfrontaler Kortex kann eben diese Gewohnheiten ändern, wenn er grade genug Energie dafür hat. Kann Einfluss nehmen auf unsere Programmierung. Vor allem, wenn wir Mist gebaut haben, und uns schuldig dafür fühlen.
Wenn wir also in einer Situation zwei Möglichkeiten haben, dann werden wir unseren Ressourcen und unserem bisherigen Prozess entsprechend wählen. Unser Kreatives Gehirn kann sich aber auch entscheiden, sich nicht zu entscheiden. Oder eine dritte Möglichkeit erschaffen. Aber auch wieder abhängig von unserer Gelassenheit oder unserer bisher entwickelten Kreativität. Und somit unserer Bildung, unserer Förderung, unserem Intellekt, unseren Genen, unserer Ernährung, unserer aktuellen Lebensphase.
Und irgendwo merke ich, kriege ich diese Kritik nicht durchgeboxt. Und liebe die These umso mehr. Wir sind unser Prozess, und unser Wille ist nicht frei.
Und trotzdem möchte ich eine Lanze für den freien Willen brechen. Viele Entscheidungen werden uns aufgezwungen, aber einige treffen wir auch selbst. Selbst, wenn wir uns nicht frei entscheiden können, so entscheiden wir uns doch auf Basis unserer Möglichkeiten. Wenn wir also aufhören, Entscheidungen zu treffen, weil wir alles für vorbestimmt halten, dann lassen wir uns den Rest unseres Lebens Entscheidungen aufzwingen. Wenn wir aber weiterhin Entscheiden und auch unsere Entscheidungen umsetzen, dann können wir den Prozess unseres Lebens zumindest grob dahin Steuern, wohin wir ihn gesteuert haben wollen. Und auch wenn unsere Entscheidung nicht völlig frei war (was sie in einem umgebenden Kontext ja eh nie sein kann) so haben wir doch unsere Zukunft selbst entschieden.
So, jetzt bin ich zufrieden. Klare Leseempfehlung