2019 feiert Deutschland 100 Jahre Weimarer Verfassung und 70 Jahre Grundgesetz – und damit indirekt auch 100 bzw. 70 Jahre Verfassungsbruch (Missachtung der von der Verfassung geforderten weltanschaulichen Neutralität des Staates / Trennung von Staat und Religion seit 1919 bzw. 1949). Der Band versteht sich als Streitschrift gegen diesen konstanten Verfassungsbruch. Welche Rolle soll Religion heute spielen? So wenig wie möglich – wenn es nach den Autorinnen und Autoren dieses Sammelbandes geht. Noch immer ist ihr Einfluss auf Politik und Gesellschaft stark und unheilvoll. Ob als autoritäre Staatsdoktrin oder gesellschaftliches Sinnstiftungsangebot – es braucht keine Religion für einen furchtlosen Ausblick in die Zukunft.
"Exit" ist eine Ansammlung von Texten bekannter Autoren wie Michael Schmidt-Salomon ("Die Grenzen der Toleranz", Hamed Abdel-Samad ("Der islamische Faschismus"), dem Finanzexperten Carsten Frerk ("Violettbuch Kirchenfinanzen") oder auch dem Pädagogen Philipp Möller ("Gottlos glücklich"), welche vom Journalisten Helmut Ortner herausgegeben wird.
Inhaltlich befassen sich diese meist ca. zwanzig Seiten langen Texte mit den Problemen und Misständen der Religionen, vorrangig der christlichen Kirchen, in Deutschland, Österreich, aber auch in den USA. Anhand dieser Themen blüht das Autorenteam, dessen Mitglieder im Schreibstil und in der Fokussierung kaum unterschiedlicher sein können, richtig auf: Während es im einen Text um die steuerlichen Privilegien der beiden christlichen Kirchen geht, prangert der darauffolgende Text die Extremisierung in islamischen Ländern, aber auch deutschen Problemvierteln an, daraufhin handelt der Nächste von den rechtlichen Problemen von Diakonie und Caritas, gefolgt von dem geschichtlichen Hintergrund der Beziehung zwischen Kirche und Staat, während daraufhin der Missbrauchsskandal innerhalb der katholischen Kirche und dessen systematische Versuchung analysiert wird. Dem Leser wird durchgehend der Eindruck vermittelt, wie stark die Kirchen eigentlich in das Leben eines deutschen Bundesbürgers eingreifen; dabei wird auch regelmäßig auf das verfassungswidrige Verhältnis zwischen den Glaubensinstitutionen und der Bundesrepublik eingegangen.
Alles in allem stellt dieses Buch eine vielfältige, weit umfassende Streitschrift dar, die dem Leser mal analysierend investigativ, mal provozierend, aber stets sachlich und empirisch belegt sämtliche Probleme des säkularen Deutschlands offenlegt - und dabei deutlich betont, das man das diesjährige Jubiläum des Grundgesetzes ebenfalls als 70 Jahre des Verfassungsbruchs ansehen sollte.