Der fünfte Fall mit den New Yorker Sherlock Holmes Philo Vance dürfte der letzte noch wirklich gelungene sein. Der Autor, durch die multimediale Verwertung seiner Figur unglaublich reich geworden, allerdings seinen verschiedenen Drogen-Usancen auch höriger, schreibt überraschend locker, mit viel Dialog, einer reduzierten Neigung seines Gentleman-Detektivs zu seitenlangen (kunst-)historischen Vorträgen, die später für die Aufklärung des Mords gar nicht von Belang sind. Es brauchte allerdings ein gerüttelt Maß Frechheit – und man hat sie ihm von Anfang auch vorgeworfen, ich finde sie genial –, den Leser davon überzeugen zu wollen, man könne einen Mord in Abwesenheit verüben, bei dem eine halb Meter hohe massive Steinfigur einem Mann den Hinterkopf einschlägt, wenn er einen Vorhang von einem Museumsregal zieht, bei dem ein Ring von der Stange genommen und oben unter die Figur geklemmt wurde, während das Ding hinten kippelig auf einem abgeschnittenen Bleistiftstück balanciert.
Worauf dann, in guter Holmes-Tradition, der Meisterdenker erst einmal eruieren muss, mit welcher Marke Bleistifte die Leute im Haus arbeiten. Das große Problem bei dieser Romankonstruktion war, dass es mehr als vier Verdächtige gar nicht geben kann. Es sei denn, man würde die junge Frau des von der Polizei vorgeschlagenen Mörders Bliss auch noch in Erwägung ziehen, weil sie nämlich von gleich zwei jüngeren Männern umschmeichelt wird, dem im Hause wohnenden Ägyptologen Salveter, Neffe und Erbe des getöteten Millionärs und Mäzens Kyle, und dem mit allerlei pseudo-sektiererischen Geschwätz hantierenden Ägypter Hani, der ein Agent der ägyptischen Regierung zur Ausforschung von Grabräubern sein könnte, sich jedenfalls seit der Kindheit von Mrs Bliss (Ehefrau des Hausherren, des von Kyle geförderten Ägyptologen Dr. Bliss) als deren Pate geriert. Hani ist eine jener, in den 1920-er Jahren beliebten zwielichtigen Orientalen-Gestalten (siehe Dr. Fu Man Chu und Sax Rohmers Roman „Die Feuerzunge“). Aber eine Frau, die einen Mord begeht? Das wäre eine Revolution in der Romanwelt des hoch gebildeten ehemaligen Journalisten S.S. Van Dine (eigentlich hieß er Willard Huntington Wright und war der Bruder des Malers Stanton Macdonald Wright). Irgendwann spricht es Vance beiläufig aus: „Der Gentleman, der diese Tat geplant hat ...“
Tja, wieder einmal, auch das bei Sherlock Holmes schon gesehen, deutet der Meisterdenker und Meisterbeobachter vor der Hälfte des Buchs schon an, es sei eine einfach zu durchschauende Intrige (danach sieht's für den Leser gar nicht aus), nur beweisen lasse sie sich noch nicht – und laufe vielleicht auf eine zweite, noch schrecklichere Tat hinaus. Wieder diese Unverschämtheit, weder deutet Vance an, hinter wem er her ist, noch ist er, als er besagtes Bleistiftstück findet, willens, es für die nächsten paar Stunden dem Untersuchungsteam zu zeigen. Die Spannung im Krimi muss erst noch zum Glühen gebracht werden. Das, obwohl Sergeant Heath und Staatsanwalt Markham gesehen haben, dass er etwas in seine Tasche gesteckt hat! Wie schon angedeutet: Die Glaubwürdigkeit der Van-Dine-Bücher gerät, wie später dann immer mehr, ziemlich ins Schwanken. Aber noch bin ich bereit, gerade dieses für Vergnüglichkeit zu halten. Etwa so: Es ist doch alles Komödie, absoluter Quatsch, aber bis zur letzten Seite spannend und amüsant. (Und nicht mal besonders unfair dem Leser gegenüber, wie es dann bei Van Dines Schüler John Dickson Carr gelegentlich werden sollte.)
An der Künstlichkeit dieser klassischen Whodunits besteht kein Zweifel. Das gesamte Buch ereignet sich innerhalb von zwei Tagen mitten in New York, aber in einer Welt für sich. Die praktischerweise aus zwei zusammengebauten dreistöckigen Häusern besteht, wobei das eine zu einem Museum umgestaltet wurde, sodass es fürs ganze Anwesen nur einen Zugang gibt, der, seltsam, seltsam, zum Zeitpunkt der Auffindung der Leiche offenstand, während er sonst stets verschlossen ist. Die frühere Trennung der zwei Häuser sorgt dafür, dass es zwischen dem Tatort im Museum und den Wohnräumen der Familie auch nur zwei Türen gibt, sodass, wie ein adeliger Gutsherr, Philo Vance schon einmal ein, zwei Viertelstunden den Schauplatz in Augenschein und Zeugen befragen kann, bevor dem Hausherr Dr. Bliss überhaupt gemeldet wird, dass unten ein Toter liegt und dass Polizei im Haus ist. Von da an setzen Vance und Staatsanwalt Markham die verschiedenen Figuren schön getrennt in ihre Zimmer, lassen sie nach und nach, Kapitel um Kapitel, einzeln neben der Leiche antreten, damit sie dann immer einen unerwarteten Clou zum Kapitelende beisteuern. Das ist mechanisch, konventionell, aber halt auch übersichtlich. Krimis gearbeitet, als sähe man sie auf einer Theaterbühne! (Hollywood mochte sie dann ja auch.)
Der Leser braucht nicht lange, bis er ahnt, dass nur zwei der Figuren wirklich in Frage kommen. Es gibt zwar noch Hauspersonal, aber das ist in solchen Gentleman-Mordfällen weniger tatberechtigt als Frauen. Auch hier bewundere ich, wie konsequent der Autor daran gearbeitet hat, wenigstens diese Zwei bis auf die allerletzten Seiten für den Leser als hypothetische Trumpfkarte im Spiel zu halten. Dazu gehört, dass Vance in seiner großen Enthüllungs-Rede kein Wort darüber verliert, dass er selbst erst vor Kurzem noch Anordnungen getroffen hat, die doch wohl nur den Zweck hatten, den Unschuldigen weiter als Mörder erscheinen zu lassen.
Gut gemacht. Und man muss einfach sagen: Wer, wie ich, John Dickson Carrs „Mord aus Tausendundeiner Nacht“ (Mord in einem Privatmuseum) und Ellery Queens „Der Sarg des Griechen“ (reicher Sammler, verschlossener Raum mitten in Manhattan) vorher gelesen hat, wird, wenn er den „Mordfall Skarabäus“ liest, immer wieder mal denken: Aber das kenne ich doch! Das ist hier doch wie dort! Aber ha, jene zwei Romane kamen erst danach, 1933 und 1936. Sie haben bei S.S. Van Dine abgeschrieben. S.S. Van Dine hat man hinterher vergessen, zumindest das Ellery-Queen-Team nie mehr!