Jump to ratings and reviews
Rate this book

Der Garten Der Toten Bäume Roman In Fünfzehn Episoden

Rate this book
"Viele einsame, durstige Menschen treiben sich dort wie blinde Falter zwischen den Bäumen herum. Wie oft habe ich mir geschworen, dass ich auch in den schwersten Augenblicken nicht mehr an diesen fürchterlichen Ort gehen werde, aber Wahnsinn und Lust haben mich besiegt. Ich laufe dort mit all diesen Menschen... die Sonnenbrille habe ich trotz der Dunkelheit auf. Dies ist ein Garten, in dem nichts wächst und gedeiht; es ist der Garten der toten Bäume." Eine Cruising-Area mitten in Tel Aviv. Jossi Avnis Beschreibungen und Metaphern sind stark. Er benutzt expressive Bilder mit orientalischer Ausdruckskraft, um bleibende Leseeindrücke zu hinterlassen. Er fasst Eindrücke in eine dichte, ja poetische Sprache und spielt mit dem Wechsel unterschiedlicher Erzählsituationen.

Der unter Pseudonym schreibende Autor schreibt von Jossi, einem schwulen Außenseiter der israelischen Gesellschaft. Jossi treibt die Sehnsucht; die unerfüllte Sehnsucht nach Nähe und Geborgenheit, die Suche nach der großen Liebe; und scheint sie greifbar zu sein, tritt ein Partner die Flucht an. Der Ausbruch und die Flucht des Jossi führen diesen nach Deutschland, wo er Widersprüchliches erlebt, sich selbst sogar bei der Bekanntschaft mit einem Landsmann als Grieche ausgibt.

Das 1995 in Israel veröffentlichte Erstlingswerk gliedert sich in zwei Teile. Im ersten Teil werden die einzelnen Geschichten durch Motive oder Themen verbunden, wodurch eine Art Entwicklungsroman entsteht. Im zweiten Teil stehen die Episoden für sich allein, sie werden hier zu Kurzgeschichten. Schreibt Avni im ersten Teil von der unerfüllten homosexuellen Liebe im heutigen Israel und der Angst vor Schmerzen, so mag man nicht recht glauben, dass jeder Schwule gleich empfindet. Die in einer Geschichte auf eine Kontaktanzeige gesammelten Briefe in einem Ordner mit der Aufschrift "Buch der Lügen" könnten hier eventuell Aufschluss geben. Das Buch Avnis vermittelt jedoch sehr gut die innere Zerrissenheit, den Zwiespalt seiner Figuren und damit die Schwierigkeit des schwulen Selbstverständnisses mit der jüdischen Tradition. --Mathias Mahler

197 pages, Paperback

First published January 1, 2002

Loading...
Loading...

About the author

Yossi Avni

1 book1 follower

Ratings & Reviews

What do you think?
Rate this book

Friends & Following

Create a free account to discover what your friends think of this book!

Community Reviews

5 stars
2 (11%)
4 stars
8 (47%)
3 stars
3 (17%)
2 stars
3 (17%)
1 star
1 (5%)
Displaying 1 - 2 of 2 reviews
Profile Image for Klaus Mattes.
880 reviews20 followers
March 25, 2026
Das Buch ist kein „Roman“, wie es aber draufsteht, sondern eine Montage sehr unterschiedlicher Texte aus mehreren Jahren, stilistisch wechselhaft, thematisch springend, wobei es sich im Wesentlichen um Memoiren des Autors, seine Jahre als junger schwuler Mann in Tel Aviv und Berlin zu handeln scheint. Obwohl es auch frenetische und geradezu obszöne Passagen gibt, ist die durchgehende Stimmung ein gründlich enttäuschter, narzisstischer Weltschmerz: Niemand liebt mich so, wie ich es verdient hätte – und meine Mutter macht einfach, was sie will, weil ich jetzt erwachsen bin. Da oft nach poetischen Worten gehascht, viel mit Metaphern gearbeitet wird, sage ich jetzt obenhin: Tunten-Märtyrer-Getue, Märtyrer der Kunst.

Mädchenhaftes Sensibelchen war er als Bübchen, darum weniger geliebt als die anderen. (Der Rezensent des schwulen Stuttgarter Gratisblättchens, für das ich damals arbeitete, suchte sich diesen Satz aus dem Waschzettel zum gratis übersandten Rezensionsexemplar heraus: „Eine übergroße Melancholie erfüllt dieses Buch.“)

Später allerdings scheint Avni eine Phase der „Stadtgeschichten“-Lektüre durchgemacht zu haben (Armistead Maupin) und stellt uns die schwule Hauptstadt Israels, Tel Aviv, als Zoo aus bunten Strand- und Nachtleben-Vögeln vor, die doch so liebenswert und drollig seien. Mit „Garten der toten Bäume“ wird eine, nächtlich dem Cruisen nach Sex dienende Grünanlage benannt, von der der arme Yossi sich einige Zeit nicht weg halten kann, obwohl es dort nur die Falschen, nämlich untote, graue, lieblose Vampire und von ihrem einsamen Leben Enttäuschte gibt. Als Metapher schien das ein brauchbarer Titel. Die Textesammlung hat aber, wie gesagt, keine Romanhandlung, darum spielt auch der „Garten“ nur kurz eine Rolle.

Wie so viele autobiografisch inspirierte Bücher jüngerer Schwuler aus durchaus gut versorgten und gebildeten Familien, denen es nie ernsthaft an irgendwas gefehlt hat, Männern, die das, was sie erfahren haben, leider nicht aufschreiben können, weil es gleichförmig „schmutzig“, „sexistisch“, „platt“ würde, die es aber für entscheidend halten, sich einen mit Goldfäden und Saphiren überzogenen Umhang des Auratisch-Poetischen umzulegen, dürfte der „Roman“ eine Kostbarkeit vor allem für ältere Leserinnen darstellen, die „diese herrlich poetische Sprache“, die „einmal zu sagen wagt“, was „so ja kaum einmal gesagt wurde“. Wir raten zu einem Becher Rüdesheimer Kaffee nebenbei, das ist der Trank mit Sahnehaube und Asbach Uralt drin.

Das Buch war das erste literarische des zum Juristen ausgebildeten Avni (Jahrgang 1962, seit seiner Eheschließung heißt er übrigens Levy), von dem es in deutscher Sprache sonst keine Bücher gibt. Seine, in Israel publizierten, nicht sehr zahlreichen Bücher erschienen im Wesentlichen zwischen 2003 und 2010. Die meiste Zeit hat Avni aber seiner diplomatischen Karriere in israelischen Botschaften in osteuropäischen Hauptstädten gewidmet. 2011 bis 2016 war er Botschafter in Belgrad, anschließend bei der Botschaft in Litauen. Er hat eine Frau geehelicht, sich weiterhin als „offen schwul“ vorgestellt.

Wahrscheinlich über persönliche Kontakte im Zusammenhang mit den im Buch geschilderten Erkundungen in Berliner schwulen Clubs kam Avni in den damals jungen Verlag des Buchhändlers Joachim Bartholomae vom Hamburger Buchladen „Männerschwarm“. (Buchhandlung wie Verlag nach langer, respektabler Geschichte inzwischen nicht mehr vorhanden.) Nicht nur handelte es sich ums womöglich erste Übersetzungsprojekt einer Originalausgabe überhaupt (das Buch erschien damals auf Hebräisch nicht), sondern Männerschwarm war lange Zeit stolz auf dieses Buch, obwohl es sich, meines Wissens, nie gut verkaufte, sodass es – über Salzgeber Medien – heute eine Ausgabe als Männerschwarm Taschenbuch gibt (jedenfalls noch als e-Book (2014)).

Als ich's damals las, fiel mir das permanente Haschen nach „Literatur-Anspruch“ auf den Wecker, mir war aber nicht klar, dass es sich um ein gutes Beispiel handelt für das, was den Durchbruch von Männerschwarm in den „Massenmarkt“ für schwule Leser blockiert hat. Immer wieder fuhr man aufs „Erlesene“, „Niveauvolle“, „Geschmackssichere“ ab, statt sich um möglicherweise auch mal grobe, ungeschlachte, gradeaus und nah an den sozialen Realitäten vorangetriebene Plots zu kümmern. Zu viel Kunstwille, zu wenig Ehrlichkeit und Beherztheit bei allen Beteiligten. (Das ist eine subjektive Meinung. Ich ließe mich gerne belehren.)
Profile Image for Marc-Bernhard Gleißner.
55 reviews
June 14, 2026
Yossi Avnis „Der Garten der toten Bäume“ verdankt seinen Titel einem Cruising-Park in Tel Aviv. Zugleich ist dieser Ort ein treffendes Bild für den gesamten Band: ein Raum flüchtiger Begegnungen, projizierter Hoffnungen und unerfüllter Sehnsüchte. In fünfzehn mosaikartig angeordneten Episoden begleitet der Roman einen schwulen Israeli auf der Suche nach Selbstverwirklichung, Liebe und Zugehörigkeit. Die einzelnen Geschichten können als eigenständige Erzählungen gelesen werden, fügen sich aber zugleich zu einem größeren Bild zusammen.

Was den Band zusammenhält, ist weniger Handlung als Stimmung. Männer, Städte, Erinnerungen und Fantasien werden zu Projektionsflächen eines Begehrens, das stets nach Erfüllung sucht und doch immer wieder ins Leere läuft. Familie, Tradition und Vergangenheit erscheinen dabei häufig als Kräfte, denen die Figuren zu entkommen versuchen, ohne jemals wirklich aus ihrem Einflussbereich herauszutreten. Durch nahezu alle Episoden zieht sich eine tiefe Einsamkeit, eine innere Leere, die wie das Gravitationsfeld eines Schwarzen Lochs die Erzählungen bestimmt.

Besonders deutlich wird dies in der berühmten Erzählung „Schnecken im Regen“. Ein älterer Mann schreibt einem jungen Studenten anonyme Liebesbriefe. Alles scheint möglich, doch die Möglichkeit wird niemals Wirklichkeit. Gerade die Differenz zwischen Potenzial und Realisierung erzeugt jene melancholische Spannung, die den gesamten Band prägt. Avni beschreibt dies in einer Sprache von großer Bildkraft, oft lyrisch, gelegentlich geradezu überbordend. Die Episoden leben weniger von Handlung als von Atmosphären, Landschaften, Erinnerungen und Sehnsuchtsräumen.

Genau hier liegt für mich jedoch auch die Schwäche des Buches. Die Dynamik der Sehnsucht wird zwar eindrucksvoll beschrieben, ihre Bahnen bleiben jedoch erstaunlich vorhersehbar. Die Figuren kreisen beständig um dieselben Verlusterfahrungen, dieselben Projektionen und dieselben Enttäuschungen. Die Variationen sind fein gearbeitet, aber schnell durchschaubar. Man fragt sich wie Boas in „Schnecken im Regen“: Wer ist dieser gepeinigt sensible Mann? Doch die Antwort verändert letztlich wenig an der Struktur des Begehrens, die der Roman immer wieder reproduziert.

Vielleicht lässt sich das mit dem Bild des Schwarzen Lochs beschreiben. Die moderne Astrophysik zeigt, dass Schwarze Löcher nicht nur Zerstörung bedeuten, sondern auch stabile Umlaufbahnen ermöglichen. Solange man den Ereignishorizont nicht überschreitet, kann man dauerhaft in ihrem Gravitationsfeld kreisen. Genau diesen Eindruck hinterließ der Roman bei mir. Er blickt immer wieder in den Abgrund von Sehnsucht, Verlust und Identität, wagt aber selten den entscheidenden Schritt in die Zerreißprobe. Die Figuren kreisen um ihre Widersprüche, ohne von ihnen wirklich transformiert zu werden.

Dadurch entsteht ein merkwürdiger Widerspruch. „Der Garten der toten Bäume“ erzählt schwules Leben in all seinen Brüchen und Ambivalenzen, bleibt aber häufig auf der Ebene dieser Ambivalenzen stehen. Das Zerreißende ist spürbar, doch die Erzählung folgt ihm nicht bis an seine Konsequenzen. Die Sprache ist oft bombastisch und bildreich, die Struktur hingegen erstaunlich konventionell.

Für viele Leserinnen und Leser wird dieses Buch gerade deshalb eine berührende Geschichte über Sehnsucht sein. Für mich blieb es dagegen ein Beispiel für queeres Erzählen, das sich zu sehr mit seinen eigenen Wunden beschäftigt und aus ihnen zu wenig Neues formt. Die Möglichkeiten, die in den Widersprüchen, Brüchen und Begehren liegen, werden angedeutet, aber selten ausgeschöpft. So bleibt am Ende vor allem das Bild eines Kreislaufs: schön, melancholisch und sprachlich eindrucksvoll – aber auch erstaunlich berechenbar.

6 von 10 Punkten.
Displaying 1 - 2 of 2 reviews