Der Traum vom Familienidyll auf dem Land erweist sich für Antonia und Chris als trügerisch. Der Alltag mit Kind ist anstrengender als erwartet und zu den Gefühlen von Isolation und Überforderung gesellt sich eine zunehmende Entfremdung. Das Paar trennt sich und Antonia sorgt fortan alleine für Timon. Sie droht im tristen, von Armut geprägten Alltag unterzugehen und kümmert sich nur halbherzig um ihren Sohn. Timon wehrt sich immer verzweifelter gegen diese Vernachlässigung, doch niemand erkennt den Hilferuf; Timon wird nur noch stärker ausgegrenzt. Einzig der ehemalige Lehrer Valentin, der sich im Dorf, wie Timon, zugleich eingeengt und ausgeschlossen fühlt, findet Zugang zu dem Jungen. Zwischen den beiden wächst ein fragiles Vertrauen, das von den Dorfbewohnern misstrauisch beäugt wird.
In einem kunstvollen Spiel der Perspektiven beleuchtet Tabea Steiner eindrücklich die schleichende Eskalation zwischen Timon und Antonia sowie die zögerliche Annäherung zwischen Valentin und Timon. In kurzen Szenen werden subtile Entwicklungsschritte präzise eingefangen. Jedes gesagte Wort, jede Geste zählt und das Ungesagte wiegt schwer.
Für mich ist es ein Rätsel, weshalb dieser Roman (bisher?) nicht in der Bestsellerliste war. Sehr klar und in kurzen Sätzen schildert die Autorin die Familien- und Dorfsituation. Sie wechselt da geschickt in den einzelnen Abschnitten jeweils den Ort und Blickwinkel. Man kann kaum aufhören, die Lebensgeschichten von Timon (dem kindlichen Aussenseiter, der eigentlich vor allem Zärtlichkeit und Vertrauen bräuchte), Antonia (mit der man mitleidet, sie aber oft wachschütteln möchte) oder Valentin (mit seinem „Geheimnis“ aus der Vergangenheit, das nicht vollständig aufgelöst wird) mitzuverfolgen. Ein packendes Debüt, das grosse Erwartungen weckt. Hoffentlich nicht zu hohe...!
Balg hat mich gleichzeitig gefesselt und gelangweilt. Die Protagonistinnen sind lustlos, verharren in ihrer Passivität und sind dazu verdammt, die Erwartungen ihres Umfelds zu erfüllen. Es geht hinab in den Abgrund und niemand gibt sich nur die geringste Mühe, dagegen anzukämpfen. Der Schluss bietet weder eine klare Auflösung des Geheimnisses noch eine wirkliche Zukunftsperspektive für den Balg. So richtig kann und will ich nicht glauben, dass alle so einfach gestrickt sein sollen, und frage mich darum in Bezug auf das völlige Fehlen von Selbstreflektion der Protagonistinnen: Kann es zu viel „show, don‘t tell“ geben?
Dieses Buch handelt von einem Jungen, der einfach nicht verstanden wird. Vermutlich liegt eine Störung wie ADHD oder so, aber niemand kümmert sich wirklich darum. Er wird einfach bestraft und nicht verstanden. Seine Mutter hat ähnliche Verhaltensmuster und früher auch ähnliche Problemen gehabt. Nur der Nachbar kümmert sich ein wenig um den Bub, und findet einen Draht zu ihm. Das alles spielt sich in einem Dorf ab. Eigentlich eine schöne Umgebung für Kinder, aber nicht für Problemkinder, und auch nicht für die Mutter, die noch immer einen Geheimnis aus der Vergangenheit mit sich tragt.
So weit so gut. Aber alle Personagen mache keine Entwicklung durch. Vielleicht nur die Grossmutter und eventuell der Vater, aber auch nur sehr wenig. Es ist eine Kultur von wegschauen. Und genau das ist auch ok, aber irgendwann wird es langweilig und fragt man sich, wenn die Mutter endlich mal Hilfe sucht, oder wenn die Schule endlich mal etwas unternimmt, etc., etc.
Die Sprache war auch nicht überwältigend, und viel Originalität habe ich auch nicht angetroffen. Deswegen 3 Sternen, obwohl vielleicht 2 auch gereicht hatten.
#lesejahr2019 #schweizerbuchpreis #shortlist Selten einen solch traurig, hoffnungslosen Roman über eine Kindheit gelesen wie hier über Timo. Was mit einer Landidylle der jungen Familie Chris, Antonia, Timo beginnt, endet in einem Trümmerhaufen der Verlorenheit, der Hilflosigkeit. Über allem schwebt ein dörfliches Tabu des verschwiegenen Missbrauchs rund um den frühentlassenen nun alten Lehrer Valentin, im Hintergrund eine sektenähnliche Gemeinde. Düster und unheimlich ist dieser Roman von #tabeasteiner aber er zieht einen in seinen Bann. Unbedingte #leseempfehlung
Ein ungewöhnliches Buch, von dem ich mir nicht sicher war, ob ich es mögen würde. Ich war in jeder Hinsicht positiv überrascht: Von den komplizierten Charakteren, der Handlung, dem zentralen Konflikt. Die Auflösung des Konflikts war so sehr geprägt von Scheu und Defensive, wie es Eltern-Kind-Konflikte wohl leider oft einmal sind. Das Buch ist durchzogen von negativen Emotionen: Wut, Ohnmacht, Frust und Einsamkeit. Dieses Buch ist sicherlich kein leichter Tobak, war aber anscheinend genau das, was ich gebaucht habe.
Sehr schön geschrieben, kühl und distanziert wird eine traurige, aufwühlende Geschichte eines Jungen erzählt. Trotzdem fühlt man extrem mit und will handeln beim Lesen der Geschichte.