Das Osmanische Reich im Ersten Am Abend des 9. August 1917 schießen Kriegsschiffe des verfeindeten Russlands die Kleinstadt Ordu an der Schwarzmeerküste in Brand. Da die christlichen Minderheiten des Reichs verdächtigt werden, den Kriegsgegner insgeheim zu unterstützen, fürchten die ortsansässigen Griechen die Rache ihrer türkischen Nachbarn. Panisch versuchen sie, an Bord der Schiffe zu gelangen. Eine, die es schafft, ist die 15-jährige Alexandra. Doch ihre Heimat sieht sie niemals wieder. Nach dem Krieg werden aus dem Gebiet der heutigen Türkei etwa 1,2 Millionen Griechen zwangsausgesiedelt. 100 Jahre später reist Alexandras Enkel Mirko Heinemann auf den Spuren seiner Familie und der sogenannten Pontos-Griechen durch den Norden der Türkei. Er erzählt, wie Griechen seit der Antike an den kleinasiatischen Küsten lebten, mit Byzanz das Erbe Roms antraten, bis sie in den letzten Jahren des Osmanischen Reichs erst dem aufgeschaukelten Nationalismus und schließlich den Interessen der Großmächte zum Opfer fielen. Eine hierzulande fast vergessene Geschichte, die bis heute das Verhältnis zwischen der Türkei und Europa prägt.
Ein schönes Buch, falls man bei diesem Thema etwas "schön" finden kann. Aber ich finde es ansprechend gestaltet und die Geschichten darin unaufgeregt vorgetragen. Der Autor verhandelt anhand seiner Familiengeschichte so viele Genozide, Vertreibungen, Massaker usw. (rund ums Schwarze Meer), von denen ich nichts wusste, dass man eigentlich als Leser an der Menschheit verzweifeln müsste (falls man das nicht ohnehin schon tut). Wohl auch deswegen flicht Heinemann persönliche Erlebnisse mit Griechen und Türken ein, die zeigen, dass die Jugend (zumindest die akademische) beider Länder neugierig aufeinander und gar nicht bereit ist, sich schon wieder gegeneinander hetzen zu lassen. So ist das Buch bei aller Tragik der geschilderten Ereignisse (Vertreibung bzw. Tötung von mindestens 1,3 Millionen pontischer Griechen und der Gegengewalt) ausgewogen und der Zukunft zugewandt. Wenn der Autor schon Partei ergreift, dann für die allgemeine Menschlichkeit, die weder Solidarität von türkischen Nachbarn noch die Hochachtung von Griechen für ihre ehemaligen türkischen Mitbürger ausspart. Von einer quasi europäischen und die Menschenrechte ganz individualistisch auf Seiten der Opfer (die hier ein Gesicht bekommen) wie mit Blick auf die Täter zum Maßstab nehmenden Betrachtung steht der Autor als Wahrheitssucher über allen (nationalen) Ideologien, was sehr für ihn und den Text einnimmt. Das hat man nicht so oft. Ich mag solche Art Literatur sowieso. Man mag sagen, es sei nur guter Journalismus. Na und? Lieber guten Journalismus als schlechte Literatur lesen. In diesem Sinne gebe ich sowohl für das Leseerlebnis als auch für den Informationswert fünf Punkte. Wer auch immer mehr über die aktuellen griechisch- türkischen Konflikte wissen möchte, der sollte zu diesem Buch greifen!
Mein Vater, selbst Deutsch-Grieche in der Zweiten Generation hat mir dieses Buch zu Weihnachten geschenkt. Es hat mir sehr guten Kontext gegeben für meine eigene Beschäftigung mit unseren pontischen Wurzeln. Viel war mir einfach so nicht klar, und die Kombination der Reaktionen der Menschen in der heutigen Türkei mit den historischen Beschreibungen hat mir super gefallen.
Historisch fundiert, spannend erzählt und bewegend. Das Buch bringt ein Kapitel pontischer Geschichte näher, das oft zu kurz kommt. Informativ, eindringlich und gut strukturiert — ein echter Gewinn für Geschichtsinteressierte.