Ein Gegenwartsroman, bei dem „dieses Internet“ & das Digitale nicht als Marker für „Gegenwart / sehr gegenwärtiger Gegenwartsroman!“ verwendet, sondern realistisch erzählt werden, als Elemente, Strukturen, Techniken, die einfach Teil der Welt und des Lebens von Leuten sind. Die Start-up-Firma als Setting & Codes- & Prozess Management-Handbuch-Schnipsel als Epigraphe kann einem anfangs bisschen gewollt & billig gesellschaftskritisch vorkommen, aber das sind nur die eigenen Vorurteile. Nach 3, 4 Seiten ist ziemlich klar, dass Berit Glanz Kreativindustrie als Bewusstseins- & gesellschaftliche Organisationsform ganz unironisch ganz ernst nimmt als das, was sie ist: die Realität, unsere natürliche Umgebung - und dass das auch eine Geschichte hat: So kommen die Maskentänzer Lavinia Schulz & Walter Holt ins Spiel. Ins Spiel gebracht werden sie durch die schlaue Digitalisierung des alten Erzähltricks von romantischen & post-modernen Romanen: der Zufall, in Form einer App, würfelt der Ich-Erzählerin eine geheimnisvolle Figur zu & sie nimmt die Chance auf eine Flucht o. Entdeckungsreise in eine andere Welt an. „Früher“ hätte die Heldin den Faden, der sie in das Labyrinth vergangener Leben echter historischer Figuren führen wird, in einem alten Buch gefunden - oder auf dem Dachboden eines Museums, wie es mit dem Nachlass von Schulz & Holt tatsächlich geschehen ist. Auch wieder so ein lässiger Erzähl-Move der Autorin, die in ihrem Roman ganze Bibliotheken zu Theorien von Fiktionalität & Faktizität, Geschichte & Realität als Konstruktion, der Kunst (im Pixeltänzer steckt eine interessante Kritik an Autonomie-Theorien & ihrer Verbindung zur Produktifizierung von allem & jeden drin) & natürlich Medientheorie in die spannende Geschichte einer Schnitzeljagd durch das große Menschheitsarchiv Internet verwandelt, auf der Beta & Freund*innen Fragen nach Identität, den sich neu sortierenden Demarkationslinien zwischen „dem richtigen Leben“ & der postulierten Irrealität des Digitalen nicht als theoretische Spielchen, sondern als eigene Lebenspraxis verhandeln. Aber keine Angst: Wen das alles nicht interessiert, liest hier eine spannende Geschichte über Leute auf der Suche nach dem heiligen Gral, die entdecken, das der Gral, selbst als Anti-Gral, nicht die Lösung des Problems ist. Sondern das gemeinsame Weiter-Basteln an Alltagspraxen, die einem selbst & anderen ein bisschen mehr Handlungsfreiheiten in den modernen Kontrollgesellschaften ermöglichen.
Ein Roman gegen die Technikfeindlichkeit in der Literatur? Er geht mit einem Tinderdate los, die Erzählerin arbeitet in einem Software-Startup, und es gibt eine App, Dawntastic, mit der man sich von Leuten aus der ganzen Welt wecken lassen kann.
Und er legt noch drauf: Die Kapitel sind mit Befehlen aus einer imaginären Assemblersprache überschrieben (NOP, MOV, NEG, ...), und am Anfang steht jeweils ein Stück Code oder ein Programmkommentar. Eine notwendige Funktion erfüllt das, soweit ich es sehen kann, nicht. Es wirkt eher wie zusätzlich aufgetragenes Kolorit, um zu unterstreichen: Das hier ist ein Roman mit Technik. Es wirkt bemüht.
Die Erzählkonstellation, eine Geschichte vom Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts an einer vom Anfang des zwanzigsten zu spiegeln, finde ich interessant. Aber ich stolpere. Ich weiß nicht, wie Menschen um 1910 miteinander gesprochen haben, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es nicht so war: »Es sind nur noch wenige Meter, dann haben wir es geschafft«, »wirst du keinen Ärger bekommen«, »dass ich die Steintreppe vor der Schule hinabgefallen bin«. Dass Menschen im Jahr 2019 nicht sagen: »Hast du schon einmal mit jemandem aus Deutschland gesprochen?«, da bin ich mir allerdings sicher.
Ich finde es plausibel, dass die Erzählerin einen höheren Ton anschlägt als in der wörtlichen Rede, aber oft – zu oft für so ein dünnes Buch – geht auch das schief: »Nur einige Bildschirme verströmen noch ihr bläuliches Leuchten, und leises Tippen liegt in der Luft«, »zischend und fauchend heben sie ihre Flügel in kurvigen Drohgebärden«, »die Felder, die sich an die Autobahnen schmiegen«.
Die Startup-Szene, in der das Buch so entschieden spielt, wird sofort zum Klischee degradiert, die Figuren denunziert: Martin, der immer grinsende Projektmanager, Alex, der CEO, dessen silbergrauer Pullover die gleiche Farbe wie der Betonboden hat. Vielleicht kann man Startups in deutschen Geschichten gar nicht anders erzählen als mit dieser ätzenden Selbstironie, weil sie keine gewachsenen, sondern importierte Strukturen sind.
Und worauf läuft das Buch raus? Auf Masken und Anti-CCTV-Make-up. Das ist ein starkes Bild und es wird mir hängen bleiben, genauso wie der Roboterfisch, der in die Spree geworfen wird. Und trotzdem nimmt es mich wunder: dass auch dieses entschiedenst technische Buch am Ende nur darauf hinauszulaufen scheint, wie man vor der Technik Haken schlägt und ihr entgeht.
Mir hat der Roman wirklich ausgesprochen gut gefallen. Anhand des Klappentextes konnte ich es mir schwer vorstellen, aber die Verknüpfung von Start-up-Tech-Szene und der Erzählung um das expressionistische Tanztheater-Paar in den 1920er Jahren funktioniert ganz ausgezeichnet.
Berit Glanz hat es geschafft, einen Roman zu schreiben in dem das Analoge, das Haptische, die Literatur und das Digitale, die Art und Weise, wie zum Beispiel Handys in unseren Alltag integriert sind, geschickt verknüpft wird, ohne dabei einem der beiden einen grösseren Wert zuzusprechen als dem anderen. Die beiden Ezählstränge, der Jetzt-Strang der Protagonistin Beta und der Vergangenheits-Strang der Tanzkünstler Lavinia und Walter werden portionenweise parallel erzählt. Immer gibt es ein paar Teile Wahrheit, ein paar Teili Fiktion. Mein einziger Kritikpunkt: hier und da hätte man an Adjektiven sparen können, aver das ist wohl schlicht und einfach Geschmacksache.
Als Softwareentwickler mal nen Roman mit/über Softwaremenschen zu lesen ohne dabei übelst Cringe zu spüren, ist besonders. Es hat sich toll und einfach gelesen!
Ich war schrecklich enttäuscht von diesem Buch, da ich mir eine spannende Lektüre, eine quirky Protagonistin und ein literarisches Experiment erhofft hatte. Doch so vieles in dem Buch ist von lähmender Belanglosigkeit, ganze Kapitel ohne Mehrwert für die Leserin oder die Handlung. Warum hier das angenehme Leben einer Softwaretesterin, deren größtes Problem ist, eine Fliege zu fotografieren, man schwierigen Künstlerleben einer Tänzerin aus den 20er Jahre als Parallelgeschichte erzählt wird, ist mir schleierhaft. Es sei denn die Langeweile des einen Lebens soll durch die rasante Brisanz des anderen umrissen wird. Außerdem gelingt der Autorin die Etablierung des Lebens der Protagonistin nur halb, die verliert sich Klischees über Start-Up und Hipster, über Tech-Nerds. Und dafür, dass es ein Buch über die Technikbranche und ihre Möglichkeiten sein soll, ist es erstaunlich technikfeindlich.
Zukünftig möchte ich alle Bücher der Autorin lesen. Ihr Schreibstil ist absolut großartig, mitreisend und informativ. Sie schafft es die unterschiedlichsten Disziplinen miteinander zu verbinden und ist stets neugierig auf innovative Entwicklungen im 21. Jahrhundert. Das Buch war für mich krass relatable, es war als würde ich mich verstanden fühlen. Für Neugierige, wissbegierige Leser geeignet.
Interessante Themen und settings, leider habe ich es nicht geschafft, eine Verbindung zu den Charakteren herzustellen, weswegen das Lesen sehr technisch verblieb. Was wiederum zum Roman passt.
Beta arbeitet als Programmiererin in einem Startup. Ein Unbekannter legt online Spuren für sie aus, die sie die Geschichte eines Künstlerpaars aus den Zwanziger Jahren nacherleben lassen. Daraus ergeben sich die um etwa hundert Jahre versetzten Handlungsstränge mit den besagten Protagonisten und ihrem jeweiligen Umfeld. Trotz unterschiedlicher Voraussetzungen ist ihnen die kreative Revolution gemein. Sie sind jung, sie denken anders, sie gehen neue Wege. Den aktuellen Kapiteln sind Programmiercodes oder Erklärungen zu Projektmanagementmethoden vorangestellt. Sie veranschaulichen sehr gut, die Denk- und Arbeitsweise der Startup-Mitarbeiter. Die Autorin setzt noch eins drauf, indem sie die Kommunikation zwischen Beta und dem Unbekannten tatsächlich online stellt, so dass wir Leser auf einer weiteren Ebene daran teilhaben können. Durch die moderne Machart und die ungewöhnliche Handlung ist ein reizvoller Roman entstanden, den ich jedem ans Herz legen möchte, der mal etwas anderes als die typischen Geschichten lesen will.
A wonderfully light-footed and nerdy novel around the German startup scene, merged with a digital scavenger hunt about the dance masks of Lavinia Schulz. I really enjoyed this!