„Im Gegensatz zur Musik gibt es in der Malerei keine Wunderkinder. Was man für frühreife Genialität nennt, ist die Genialität der Kindheit. Sie verschwindet mit fortschreitendem Alter. Es kann sein, dass aus einem solchen Kind eines Tages ein wirklicher Maler wird, sogar ein grosser Maler. Aber er müsste dann auf dem Nullpunkt ganz vor vorn anfangen. Was mich betrifft, so hatte ich diese Genialität nicht. Meine ersten Zeichnungen hätten niemals auf einer Ausstellung von Kinderzeichnungen gezeigt werden können. Mir fehlte die Geschicklichkeit des Kindes, seine Naivität. Mit sieben Jahren machte ich akademische Zeichnungen, deren minutiöse Genauigkeit mich erschreckte.“
P.Picasso
„Picassos“ Werke waren nicht der Beginn eines Stils, oder einer neuen Kunstform, sondern eine Neudefinition des gesamten Kunstgenres. Frei von jeglicher Imitation, keine Kopien oder Ableitungen (wie in der Mathematik) wie z.B. in der Mode üblich. Picassos Kunst sind Kreationen (er erschuf auch Skulpturen), geleitet von Gefühl, Geist und Phantasie mit einer Kreativität, die Fiktionen der Genialität beinhaltet und das gesamte Spektrum der Kunst mit „Naivität eines Kindes“ zu umfassen versuchte.
Das Buch beinhaltet „Picassos“ Ansichten über Kunst im Allgemeinen mit Passagen seiner Gedanken über „Matisse“, den er sein ganzes Leben lang als einzigen Maler als ihm (annähernd) ebenbürtig ansah. Sie zeigen seine Anerkennung und Respekt für den Stil des Fauvismus: In der Tat ist Matisse in vielen seiner Arbeiten, trotz variationsreichem Expressionismus durch Verwendung von Tiefen und Breiten aller Farbnuancen, schlicht und makellos, aus jeder Perspektive dezent anzusehen. Beispiele dafür wären der „weibliche Akt mit Orangen“ oder seine „blauen“ Werke.
Picassos Beschreibungen über „Bonnard“ sind witzig. Dass er „Bonnard“ (Spätimpressionismus; weitere und typische Vertreter wären van Gogh [Café-Terrasse am Abend in Arles], Gaugin, Cézanne und Monet [Seerosen]) überhaupt als Maler bezeichnet, grenzt an Ironie. Jene über „Chagall“ sind wiederum komplimentierend.
Die Gedanken in dieser Sammlung hätten nicht weniger weise, ausdrucksvoll und schön sein können als „Picassos“ Malerei. An einer Stelle beschreit er, wie eine Art Anleitung, das Zeichnen, die Entstehung eines Kopfes. Es sind Ströme zwischen Körper, Geist und Seele, beeinflusst und initiiert durch Milliarden von Nervenzellen mit Billionen von Synapsen, die auf seinen Phantasiereisen, Abstraktes mit Realismus miteinander mischten um Magie und Moderne auszudrücken.
Freie Kunst, wie auch freies Leben oder Liebe, kann nur durch Mut und einen freien Geist entstehen. Eine Ikone der Kunst, der Imagination und Kreativität, in Liebe, Schönheit und Phantasie umsetzte:
„Ein guter Mensch kann bekanntlich ein schlechter Künstler sein. Aber niemals wird jemand ein echter Künstler, der kein großer Mensch und daher auch kein guter Mensch ist.“
Resümee: Vorstellungen eines Genies und seinen Werken, die Kunst und Lebenskunst aus der Sicht eines Künstlers, mittels seinen Ideen und Gedanken darüber, nachvollziehbar werden lassen. Nach Lektüre versteht man "Picassos" Kunst ein wenig mehr, wenn auch nicht in allen Details so ganz begriffen wird.
Eine schöne Museums- und Gedankenführung an einem regnerischen Nachmittag im Oktober.