Valeria Brinton wächst im 19. Jahrhundert als Waise unter Obhut ihres Onkels mit der Überzeugung auf, dass eine Frau ohne Vater, Vormund oder männlichen Mentor eigenständig nicht existieren kann. Nach ihrer Eheschließung im Alter von Anfang 20 mit Eustace Woodville muss sie allerdings entdecken, dass ihr Gatte die Ehe unter falschem Namen geschlossen hat. Eustace Macallan wollte verbergen, dass er in einem Verfahren wegen Mord vor einem schottischen Gericht nur aus Mangel an Beweisen freigesprochen wurde, nicht jedoch für unschuldig erklärt wurde. Valerias Onkel war gegen die Ehe, das Leumundszeugnis, das er über Eustace einholt, fällt allerdings bemerkenswert knapp aus.
Valeria, die im Pastorenhaushalt von Onkel und Tante behütet aufgewachsen ist, will sich mit diesem Freispruch zweiter Klasse nicht zufrieden geben, die Ehre ihres Mannes wiederherstellen und nicht zuletzt ihre eigene Position in der Ehe verbessern. Als Icherzählerin deckt die hartnäckige junge Frau im Prozessbericht Widersprüche in den Zeugenaussagen auf, die weiteres Studium von Dokumenten zur Folge haben, so dass Valeries Recherche mit jedem Schritt komplizierter zu werden scheint. Dass Eustace durch den Tod seiner ersten Frau keinen Vorteil hatte, wurde im Prozess ebenso wenig beachtet wie die Frage, wer eine Gelegenheit zur Tat gehabt hätte.
Valeria zeigt sich als ungewöhnlich kluge Beobachterin, die sich selbst z. B. anhand eines Blicks in den Spiegel beschreibt. Als Leser:in vermutet man relativ schnell, dass sie inzwischen aus der Rolle als abhängiges, behütetes Mündel herausgewachsen ist und rückblickend durchaus kritisch urteilt. Ein selbstkritisches Nachdenken, was sie befähigt, entschlossen gegen die vorherrschenden Rollenzuschreibungen für Frauen zu handeln, kann man dagegen von einer Icherzählerin kaum erwarten. Mit Hilfe von Benjamin, dem treuen Sekretär ihres Vaters, dem damaligen Leumundszeugen und Freund Eustaces Major Fitz-David und dem schrägen Rollstuhlfahrer Mister Dexter entwirrt sie das Verhältnis zwischen Eustace, seiner ersten Frau, die an einer Arsenvergiftung starb, und weiteren Personen. Dabei blickt sie erfrischend kritisch auf das Mentoren-„Unwesen“ am Beispiel Dexters und seiner Opernsängerinnen.
Fazit
Im hochinteressanten Nachwort informiert Stefani Brusberg-Kiermeier, dass Wilkie Collins mit einer der ersten weiblichen Ermittlerinnen im Kriminalroman Gesellschaftskritik übt sowohl am britischen Bildungssystem, das bis dahin Frauen nicht zum Jurastudium zuließ, als auch an einem Ehegesetz, dass Frauen eigenes Vermögen absprach. Mit der Figur des exzentrisch-boshaften stark körperbehinderten Dexter knüpft Wilkie Collins eine Verbindung zu Shakespeare, eine frühe queere Figur mit Hang zum Kochen und Sticken, die offenbar nach ihrer Fasson leben kann, weil sie reich genug ist, um einen Schwung Hauspersonal zu finanzieren.
Eine lohnende Lektüre für geduldige Leser:innen, die sich für die Geschichte des Kriminalromans mit Blick auf weibliche Ermittlerfiguren interessieren.
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Neuübersetzung, eine frühere dreibändige deutsche Ausgabe (1895, Fraktur) ist von A. von Winterfeld übersetzt.