Beverly Hills, Santa Monica, Laurel Canyon, Los Angeles, Sommer 1978; Genre: Detektivkrimi.
Das heiße ich mir mal ein erstes Kapitel, das einen gehörig anhakt! Gerald Dawson, der einen Verleih für Filmstudio-Technik betreibt und zugleich als fanatischer Born-Again-Sektenprediger bekannt ist, liegt morgens mit gebrochenem Genick vor seinem Haus. Als Dave Brandstetter, mittlerweile frei schaffender Ermittler für Versicherungen, am Tag seiner Beerdigung vorfährt, ist Dawsons Teenager-Sohn, ein stark behaarter Riese, gerade damit beschäftigt, Magazine aus einem Sexshop zu verbrennen, die Nacktfotos von Mädchen zwischen sechs und zehn Jahren zeigen. Wie er dazu kam? Er behauptet, das wären seine. Er sei innerlich verkommen, durch den Tod des Vaters jetzt aber zur Umkehr gelangt. Kurz danach ist dann auch die Mutter da, sechzig Jahre alt. Brandstetter konfrontiert sie damit, der Tote habe ein Rezept für Anti-Baby-Pillen, ausgestellt von einem Arzt am Sunset Strip, bei sich gehabt. Die Mutter zögert, erklärt dann, diese Medikamente wären für sie gewesen. Der Tote war fünfzehn Jahre jünger als sie
Gelänge es Dave nachzuweisen, dass diese Zwei oder auch nur einer den Christen ermordet hat, würde das der Versicherung einiges Geld sparen. Lebensversicherungen zahlen doch keine Prämien für Mord an die Täter.
Willkommen zurück zu Dave Brandstetter, dem sehr gründlichen Schnüffler, der jetzt schon über 50 Jahre alt ist, zu dem die meisten Menschen schnell Vertrauen fassen, der jeden irgendwann zum Reden bringt, und während sie mit ihm reden, tun die Leute meist noch was anderes, hier nun mal pädophile Heftchen verbrennen, zu denen ich nicht viel sagen möchte, sie spielen letztlich auch kaum eine Rolle für die Handlung.
Während Daves Ermittlungen wird auch jedes Mal formidabel beim Edelitaliener Romano gegessen. Bestimmt keine Pizza oder Pasta, beziehungsweise nicht nur das. Dieses Mal lädt Dave Randy Van zum Essen ein, den - oder besser die - er im Studio von einem, an den berüchtigten Ed Wood Jr. erinnernden Regisseur von Schrottfilmen mit zweifelhaftem künstlerischen Anspruch kennen gelernt hat. Wie Dave ist Randy Van ziemlich schwul, das heißt, nach heutigen Verständnis eigentlich eine Trans-Frau, aber dieser Unterschied ist dem in den zwanziger Jahren in Kalifornien geborenen Joseph Hansen Ende der siebziger Jahre noch nicht geläufig. (Wie er auch an keiner einzigen Stelle sagt, dass Heftchen mit nackten Achtjährigen böse sind. Bei genauerer Betrachtung wird man entdecken, dass dieser Autor nie irgendwo irgendwas böse nennt.) Jedenfalls gilt es an dieser Stelle festzuhalten, dass der Filmemacher sehr junge Partner bevorzugt und dass Randy Van auch vor der Kamera als Mädchen durchgeht, solange gewisse Regionen nicht im Bild sind.
Skinflicks, wird uns erklärt, waren in den Siebzigern, dem Jahrzehnt nach der Sexrevolution, dem Jahrzehnt der schmuddeligem Bahnhofskinos mit Aktentaschenmännern, Softpornos, in denen der koitale Akt niemals direkt gezeigt, sondern ständig nur vorgespielt wurde, allerdings mit viel nackter Haut und attraktiven Körpern. Der deutsche Titel „Nabelschau“ liegt folglich noch mehr daneben als der frühere deutsche Titel „Verkaufte Haut“, „Schmuddelkino“ würde es besser treffen.
Festgenommen wird ein Verdächtiger aus diesem Business. Dawsons Sekten-Gemeinde hatte in dessen Nähe ihr Zentrum und offenbar haben Dawsons Männer, vermummt, seinen Sexshop vor ein paar Wochen verwüstet und bei der Gelegenheit etliches Material mitgehen lassen. Es ist nicht ihre erste derartige Aktion gewesen. Dieser Porno-Verkäufer, der im Übrigen vor der Stadt eine Pferdekoppel besitzt, wie wir sie auch schon mal im dritten Brandstetter-Fall besucht hatten, gibt sich äußerst zugeknöpft sowohl gegenüber der Polizei wie gegenüber Dave. So, als wolle er nicht, dass die Täter gefunden werden.
Es existierte außerdem eine persönliche Verbindung zwischen dem Ermordeten und dem Trash-Filmer. Dawsons Firmen-Partner hatte Geschäfte mit dem Regisseur laufen die er Dawson verheimlichte. Und auch dieser Mann sucht nach Minderjährigen für Sex. So war nun auch Randy Van schon Gast bei einer Party auf seiner Yacht an der Küste von Santa Monica.
Als Einstieg in die gesamte Brandstetter-Serie kann ich diesen fünften Fall (von zwölf) empfehlen, wobei man wissen muss, dass Band 1 und 2 sowieso zum Besten der Serie zählen, das vierte Buch nicht übel, das vorhin erwähnte dritte Buch allerdings eher misslungen war. Man möchte immer weiterlesen und noch etwas mehr erfahren. Zum Schluss hin wird sich die Story dann als eher simpel herausstellen und, entgegen den Absichten Hansens, hat man nie ernsthaft gedacht, dass Sohn oder Ehefrau den wiedergeborenen Christen und Unternehmer erschlagen haben könnten.
Wie immer wartet Hansen zu Beginn sehr zügig mit einer ganzen Reihe von seltsamen Nebendarstellern auf, wie man sie sonst aus Krimis eher nicht gewohnt war. Hier zum Beispiel die Witwe eines aus Ungarn emigrierten Regimegegners, dann der Sexfilmer, die transsexuelle Randy Van. Man merkt schon auch, dass Joseph Hansen stets seinen schwulen Strang quer durchs Buch gebraucht hat, dieser Fall und die darin Verwickelten aber nicht besonders schwul sind. Dafür muss nun Randy Van herhalten, der oder die weder wirklich verdächtig noch wirklich böse ist, wohl deswegen eine dieser nicht mehr glaubhaften Flirts durchmacht, die der alte Dave mit jungen Schwulen in den Büchern öfters hat, wobei sich nur aus dem mit dem schwarzen Cecil Harris (das Buch davor) wirklich was ergeben hat. Von seinem Doug hat Dave sich mittlerweile getrennt, die lesbische Freundin Madge ist noch da, aber Daves Vater, der alte Schwerenöter und Blaubart, ist tot, sodass Dave jetzt ein reicher Mann ist, der sich seine Kunden aussuchen kann.
In den achtziger Jahren wurde „Skinflick“ vielfach noch als überhaupt bestes Buch der ganzen Serie gehandelt, mit der Zeit ist das etwas vergilbt und wird gelegentlich auch harsch kritisiert, wegen der Indifferenz, die Hansen gegenüber sexueller Ausbeutung Minderjähriger an den Tag legt und der gönnerhaften Papa-Manier, mit der die Erotik zwischen Dave und Randy beschrieben wird.
Wie immer in Brandstetter-Büchern macht einen der Einstieg sofort neugierig und unterhält einen der lange Mittelteil prächtig. Da wird viel gefahren, befragt, gegessen (rührend, Daves Männerfreundschaft zu einem beruflich gescheiterten Kollegen, dessen Krisenbewältigung er beim Abwaschen zu unterstützen versucht) und geredet. Der Held steht an der Schwelle zum Alter, was Hansen sehr genau thematisiert. Die letzten zwei Kapitel, in denen Hansen mal wieder noch einen Joker aus dem Ärmel zieht, kommen einem dagegen etwas verstiegen und übertrieben vor.
Mit unglaublichem Leichtsinn schlittert Dave in eine lebensgefährliche, an sich aber unnötige Notlage. Seine Rettung ist dann nicht glaubhaft, denn nur ein extrem zielsicherer, körperlich leistungsfähiger Senior wie Liam Neeson in seinen Actionfilmen käme hier lebend raus. Aber nun ja, bei Liam Neeson haben wir es wohl auch geglaubt.